Magazin für zeitgemäßes Wohnen

"Auf welchen Flächen bauen wir?"

Der gestiegene Anspruch an mehr Wohnungsquadratmeter, an entspanntere Arbeitsverhältnisse, an die Aufwertung der öffentlichen Nutzungen und die Vorstellung von Landwirtschaft und Freiflächen sowie an den immer wachsenden Verkehrsflächenbedarf führt uns zu dieser Frage: „Auf welchen Flächen bewältigen wir dieses Wachstum?“

Diese Frage ist unmittelbar verknüpft mit Wertvorstellungen, die diesen unterschiedlichen Sehnsüchten nach Zusatzflächen Ausdruck verleihen. Das quantitative Wachstum der Bevölkerungszahl ist keine schlüssige Argumentation, die den exponentiell gewachsenen Flächenbedarf nach dem Zweiten Weltkrieg beantwortet. Insofern ist es wichtig zu erkennen, dass zusätzlicher Flächenbedarf immer entstanden ist durch das Formulieren von neuen qualitativen Wertvorstellungen.

Wenn wir über das Flächenwachstum von Wohnungen sprechen, steht dieses Bedürfnis in Konkurrenz zu den anderen oben erwähnten Bedürfnissen nach mehr Fläche.

Im Moment verfolgen wir, dass wir deutliche Flächenreduktionen erleben in der produktiven Industrie und in Zukunft in der Reorganisation des Handelns (Internet) und der Reduktion von Verkehr (self-driving-vehicles und andere technologische Entwicklungen).

Flächenbedarf wird primär von Wertvorstellungen geprägt

In dieser Situation könnten wir uns wohlig zurücklehnen und darauf vertrauen, dass die Entwicklung in den nächsten 30 Jahren uns genügend Flächen freigibt. Nachdem aber diese Art der Zukunft des reduzierten Flächenbedarfs keine hohe Glaubwürdigkeit besitzt, sehen wir uns gezwungen, diese Frage nach den vermehrten Flächen für Wohnen und Freizeit auch kurzfristig zu beantworten.

Dabei kann es keine schlüssige Antwort geben ohne Aussagen darüber, was und wie wir bauen. Antworten auf die Fragen nach dem WAS und WIE führen direkt in die Frage nach dem WIE VIEL. Wenn wir aber feststellen, dass das Flächenwachstum der letzten 50 Jahre durch die veränderten Wertvorstellungen entstanden ist, so müssen wir auch jetzt feststellen, dass der Flächenbedarf primär geprägt wird von Wertvorstellungen. Die Frage des quantitativen Flächenbedarfs hilft uns, die Frage danach, WO wir bauen, schlüssig zu beantworten.

Bebauen Sie jene Flächen, die schon dicht bebaut sind.

Dass was wir in Zukunft wirklich bauen sollten, was wir im Rahmen einer umfangreichen Untersuchung über Dichte in Städten umfangreich dokumentiert haben, führt uns zu dem Schluss, dass die Stadt der Zukunft – und damit das neue Bauen – geprägt sein wird von hoher baulicher Dichte, durchmischten Nutzungen und Fußläufigkeit für den alltäglichen Bedarf des Lebens. Diese Forderungen sind nur glaubwürdig beantwortbar in konzentrierter Form und führen zu einem Bruch mit der Vorstellung der niedrigen Ausnützung und der hohen Durchgrünung von Bezirken beziehungsweise Quartieren.

Aus diesem Verständnis heraus ist das weitere Verdichten von hoch verdichteten Quartieren der Ort, an dem das Bauen in Zukunft stattfinden sollte. Diese Ausweitung von Kernstädten, Kerngebieten führt uns zu dem Benutzen untergenutzter Areale mit hervorragenden infrastrukturellen Voraussetzungen (Verkehr, Versorgung, öffentliche Flächen). Insofern lässt sich die oben gestellte Frage einfach beantworten. Die Areale der Zukunft sind die jetzt schon hoch benutzten Areale, die meistens aus einer Vergangenheit stammen, die im 19. Jahrhundert ihre Grundlagen erhalten haben oder anders ausgedrückt – noch weiter verdichten, wo schon Verdichtungen vorhanden sind.

Die jetzt oft politisch diskutierte Strategie des Verdichtens von Vorstadt, Randstadt oder aus den letzten 50 Jahren stammenden Siedlungsgebieten führt nur zu Verschlechterungen, ohne jedoch jemals die Komplexität und Vielschichtigkeit von alten Stadtkernen zu erreichen. Bebauen Sie jene Flächen, die schon dicht bebaut sind. Die Lücken, Restflächen in diesen Arealen stellen jene überproportional großen Flächenreserven dar, die sowohl ein quantitatives als auch qualitatives Wachstum zulassen.

Steckbrief

Prof. Dietmar Eberle

1952: geboren in Hittisau, Bregenzerwald, Vorarlberg

1973 – 1978: Studium an der Technischen Hochschule in Wien (Diplomabschluss bei Prof. Anton Schweighofer)

1976 – 1977: Arbeitsaufenthalt im Iran, Städtebaustudie

1979 – 1982: Arbeitsgemeinschaft Cooperative Bau- und Planungsges.m.b.H. mit Markus Koch, Norbert Mittersteiner und Wolfgang Juen

1982 – 1984: Arbeitsgemeinschaft Eberle-Egger (ab 1984 mit Carlo Baumschlager)

1985 – 2009: Arbeitsgemeinschaft und Büro mit Carlo Baumschlager

2004: Ehrenmitglied des American Institut of Architects

Lehrtätigkeit

ab 1999: ETH Zürich, Schweiz, Professur für Architektur und Entwerfen, Leiter des ETH Wohnforums

2003 - 2005: Dekan der Architekturabteilung ETH Zürich, Schweiz

ab 2006: Universidad Politécnica de Madrid, Escuela Técnica Superior de Arquitectura, Gastprofessur

ab 2012: Bezalel Academy of Arts and Design, Jerusalem, Gastprofessur

2014 - 2015: The University of Hong Kong, Fachbereich Architektur, Honorarprofessur

2015: The University of Hong Kong, Fachbereich Architektur, Gastprofessur

ab 2017: Universitat Politécnica de Catalunya, Barcelona, Gastprofessur