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Rheinfelden: Aus 8 mach 10

Auf der gleichen Fläche mehr Wohnungen bauen: Für Bauherren klingt das nach einer interessanten Lösung, Anwohner sehen es oft kritisch. Doch mit einer guten Strategie können derartige Nachverdichtungen funktionieren, wie das Beispiel Rheinfelden zeigt. Hier ist das Wohnquartier Goethestraße um zwei Punkthäuser erweitert worden, ohne die Wohnqualität des Bestands zu verringern. Dafür brauchte es nur 60 Quadratmeter, die zusätzlich versiegelt wurden.

Kurz & bündig

Die Wohnbau Rheinfelden hat das Wohnquartier Goethestraße um zwei zehngeschossige Hochhäuser erweitert. Dafür benötigte das Unternehmen gerade mal 60 Quadratmeter Fläche mehr als vorher. Grund dafür: Das gesamte Areal aus den 1950er-/1960er-Jahren bot viel Potenzial, die Frei- und Zwischenräume besser zu nutzen. Um die Attraktivität des Wohnraums weiter zu steigern, sind bereits im Vorfeld alle Bestandsbauten saniert und die Außenanlagenflächen parallel zum Neubau neu gestaltet worden. Der Erfolg des Projekts bei allen Beteiligten sowie den Bewohnern trägt dazu bei, dass weitere Wohnquartiere in der Region nach ähnlichem Modell ausgebaut werden sollen.

Die acht fünfgeschossigen Bestandsgebäude in der Goethestraße stammen aus den 1960er-/1970er- Jahren und stehen in lockerer Bebauung auf einem Areal von rund 15.000 Quadratmetern. Um die Fläche besser und zeitgemäßer zu nutzen, beschloss die Wohnbau Rheinfelden – Städtische Wohnungsbaugesellschaft mbH Rheinfelden als Eigentümerin eine Erweiterung des Quartiers. Die Geschäftsführung und Jörg Schmidt als Leiter der technischen Abteilung und Prokurist, sind überzeugt davon, dass bestehende Wohnquartiere viel Potenzial für zusätzlichen Wohnraum bieten.

Herr Schmidt, was war der Auslöser, in der Goethestraße weitere Wohnungen zu schaffen?

„Am Rand der bestehenden Häuser gab es große asphaltierte Flächen, auf denen Wäschespinnen standen, die als Vorplätze dienten oder mit Garagen bebaut waren. Da wir das Areal im Gesamten weiterentwickeln wollten, entstand die Idee, diese versiegelten Flächen anders zu nutzen und das Quartier um zwei Hochhäuser mit je zehn Stockwerken und einem Penthouse zu ergänzen.“

Dafür mussten Sie im Vergleich zu vorher kaum zusätzliche Fläche erschließen?

„Ja, das ist einer der wesentlichen Gründe, warum das neu gestaltete Quartier bei den Bewohnern so gut ankommt. Wir sprechen hier von nur 60 Quadratmetern, die zusätzlich versiegelt wurden und das bei einer Verdopplung der Zahl der Wohnungen. Bei einem so großen Projekt tendiert das gegen null. Dazu kommt: Wir haben im Zuge der Neubauten die gesamte Freifläche neu gestaltet und sie damit deutlich aufgewertet. So gibt es allein zwei neue Spielplätze. Wir haben Tischtennisplatten installiert und Treffpunkte für die gesamte Nachbarschaft geschaffen.“

Apropos Nachbarschaft: Was haben die Anwohner zu Ihren Plänen gesagt? Die neuen Häuser sollten ja doppelt so hoch werden wie die alten.

„Da gab es am Anfang schon einen gewissen Unmut und vor allem die Sorge, dass sich die eigene Wohnqualität verschlechtert. Viele waren verunsichert, wie sie mit den neuen Häusern in "ihrem Garten" leben sollen. Um niemanden im Unklaren zu lassen, haben wir unsere Pläne im Rahmen von Mieterversammlungen ausführlich vorgestellt – und bei der Gelegenheit auch alle Bedenken gesammelt, um darauf reagieren zu können.“

„Ich war anfangs sehr skeptisch, in ein Hochhaus einzuziehen – auch wenn es ganz neu gebaut ist. Dass wir dort ausreichend Platz haben würden, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Aber als wir uns die Wohnung und die Anlage angeschaut haben, war beides so schön, dass ich all meine Bedenken über Bord geworfen habe. In der Wohnung ist es dank der bodentiefen Fenster sehr hell, wir haben freundliche Nachbarn und draußen eine große Grünanlage – das passt einfach gut für uns.“

Martin Jilg, Bewohner des Wohnquartiers Goethestraße in Rheinfelden

Sie haben aber nicht nur neu gebaut, sondern auch saniert, oder?

„Ja, um unsere meist langjährigen Bestandsmieter mitzunehmen und das gesamte Areal noch attraktiver zu machen, sind sämtliche Bestände nicht nur energetisch saniert worden. Sie haben auch Außenaufzüge bekommen, die die Wohnqualität erheblich steigern. Das hat den Druck, in die neuen barrierefreien Wohnungen umzuziehen deutlich gemildert. Zudem haben wir alles im bewohnten Zustand saniert, um den Aufwand und die Umstände für unsere Bewohner so gering wie möglich zu halten.“

Für welche Klientel haben Sie die beiden neuen Häuser in der Goethestraße gebaut?

„Bei all unseren Gebäuden und Wohnungen achten wir auf eine gut durchmischte Nachbarschaft. Das Haus 18 A umfasst 40 Wohnungen im Wohnraumförderungsprogramm und ist in Teilen über entsprechende Landesgelder finanziert worden. Die Wohnungen im Haus 14 A sind freifinanziert, genauso wie die beiden Penthäuser, die jeweils die zehnte Etage einnehmen.“

War das Interesse an den Wohnungen groß?

„Ja, bei beiden Häusern. Für den geförderten Wohnungsbau gab es zeitweise eine Warteliste mit 700 Personen. Ausgewählt haben wir dann nach Zuschnitt der Wohnungen, also wie Interessenten und Platzangebot zusammenpassen.“

Ist es ein Zukunftsmodell für die Wohnbau Rheinfelden, bestehende Quartiere in dieser Form und Qualität nachzuverdichten?

„Wenn die Rahmenbedingungen passen, definitiv. Wir haben hier bei uns in der Region vielfach den Fall von sehr lockerer Bebauung in Wohnquartieren. Aktuell befindet sich bereits ein weiteres Projekt in Planung, bei dem ähnlich wie in der Goethestraße große Zwischenflächen für zusätzlichen Wohnraum genutzt werden sollen.“

Was wurde am häufigsten angemerkt?

"Das Licht. Es gab oft die Sorge, dass die eigenen Wohnungen im Schatten liegen könnten, weil die neuen Bauten die Sonne wegnehmen. Diese spezielle Situation haben wir deswegen nochmals genau analysiert und die Bebauungspläne zusammen mit dem Architekten entsprechend überarbeitet. Das Ergebnis gibt uns recht: Unsere Mieter sind sehr zufrieden und finden das Quartier so gelungen, dass sich niemand mehr beschwert.“

Eigener Strom

Durch die Umrüstung der Heizungsanlage, inklusive BHKW, werden alle Wohnungen im Bestand und Neubau mit Nahwärme versorgt. So kann den Bewohnern auch Strom zur Eigenversorgung angeboten werden.

Rheinfelden: Mehr Raum auf gleicher Fläche

Mit ihrem Konzept zur Nachverdichtung im Wohnquartier Goethestraße konnte die Wohnbau Rheinfelden 72 Wohneinheiten ergänzen, ohne nennenswert mehr Fläche als vorher in Anspruch nehmen zu müssen. Grund dafür war eine sehr lockere Bestandsbebauung aus den 1960er-/1970er-Jahren, deren zahlreiche asphaltierten Höfe und Garagenplätze umgenutzt wurden. Bereits im Vorfeld sanierte die Wohnbau Rheinfelden als Eigentümerin die bereits bestehenden Häuser, rüstete die Heizungsanlage nachhaltig um und wertete die Freiflächen durch eine Neukonzeption auf.

In Summe günstiger

Um die Mietkosten möglichst gering zu halten, setzt die Wohnbau Rheinfelden unter anderem auf Sammelbestellungen. So konnten alle geförderten Wohnungen mit hochwertigen Einbauküchen und Elektrogeräten ausgestattet werden – denn gesammelt kosteten sie deutlich weniger, als wenn jeder Mieter sie einzeln bezogen hätte. Die Ausgaben tragen sich über einen monatlichen Betrag zusätzlich zur Miete.

 

Faktenlage

Wohnquartier Goethestraße, Rheinfelden

  • Fertigstellung: 2016 (Hochhaus A) und 2017 (Hochhaus B)
  • Haus A: 10 Stockwerke mit 41 Wohneinheiten, 40 im gefördertenWohnungsbau (62 - 72 m2) plus ein freifinanziertes Penthouse
  • Haus B: 10 Stockwerke mit 30 Wohneinheiten, freifinanziert (75 - 105 m2) plus ein Penthouse
  • Gesamtbausumme: 14,7 Mio. EUR

Bauliche Besonderheiten:

  • Hochhäuser benötigten nur 60 m2 zusätzliche versiegelte Fläche in der Außenanlage
  • Alle Wohnungen im EG rollstuhlgerecht und mit Terrasse, alle übrigen barrierefrei und mit Balkon
  • Tiefgarage mit 106 Stellplätzen für Autos und 240 für Fahrräder(1/3 mit Elektroanschluss für E-Bikes)
  • Energetische Sanierung bei Bestandsgebäuden, Außenfahrstühle, Umrüstung der Heizungsanlage, einschließlich BHKW, wovon Bestands-und Neubauten gleichermaßen profitieren
  • Neugestaltung der gesamten Grünanlage (1,5 ha) inkl. Spielplätze und Treffpunkte

Unterstützung aus Landeswohnraumförderprogramm (für geförderten Wohnungsbau)

Miete:

von 6,23 EUR (gefördert) bis 9,00 EUR (freifinanziert) pro m2

KG 300 + 400: ca. 2.600 EUR brutto pro m2

Bauherr: Wohnbau Rheinfelden

  • Städtische Wohnungsbaugesellschaft mbH Rheinfelden

Architekten:

Architekturbüro Külby+Külby, Lörrach

Landschaftsarchitekten:

Senger Landschaftsarchitekten, Rheinfelden