Magazin für zeitgemäßes Wohnen
Mehrgenerationen-Quartier Burgrieden

Burgrieden: Allengerechtes Wohnen

Kurz & bündig

Mit „Allengerechtes Wohnen“ ist es der Gemeinde Burgrieden gelungen, ein Quartier für mehrere Generationen zu schaffen. Im Sinne einer fürsorglichen Gemeinschaft achten die Bewohner aufeinander, was vor allem älteren Menschen ein möglichst langes, selbstbestimmtes Wohnen ermöglicht. Finanziert wurde das Projekt über den Verkauf der Wohnungen, wobei die Gemeinde mit der Übernahme der Anschubfinanzierung den entscheidenden Grundstein für das Areal gelegt hat. Institutionelle Investoren oder umfangreiche Förderungsprogramme gab es keine.

Gemeinschaft als Mehrwert

„Allengerechtes Wohnen“: Mit diesem durchaus großen Anspruch hat die 4.000-Einwohner-Gemeinde Burgrieden einen Mehrgenerationen-Wohnpark errichtet. Ohne Investoren und Fördermittel. Wie das geht? Ein Besuch vor Ort gibt Antworten.

Wer auf die Initiatoren des Wohnparks „Allengerechtes Wohnen“ trifft, spürt sofort diesen besonderen Sinn für Gemeinschaft. Egal, ob es um die Idee, die Finanzierung oder die Verwaltung geht – im Gespräch verweisen die Verantwortlichen immer wieder auf die Gemeinschaft oder einzelne Vertreter daraus, ohne deren meist ehrenamtliches Engagement das Wohnprojekt nicht hätte umgesetzt werden können.

„Wenn man etwas im stillen Kämmerlein ausbrütet, gewinnt man nicht das Interesse der Bevölkerung“, stellt Bürgermeister Josef Pfaff gleich zu Beginn seine Herangehensweise dar. „Wir wollten etwas mit den Bürgern für die Bürger tun.“

Fürsorgliches Miteinander

Dieses Ziel hat er erreicht. Geht man um das Rathaus herum, steht man direkt auf dem Fußweg, der in die neue Wohnanlage führt. „Vom Säugling bis zur 92-Jährigen wohnen derzeit 80 Bewohner hier. Damit sind, bis auf eine, alle Wohnungen belegt“, erzählt der Bürgermeister, während er auf das Atrium zuläuft.

Das zentrale Gebäude beherbergt große Teile der Gemeinschaftsräume. Dazu zählt u.a. die Anlaufstelle ‚Kontakt & Rat‘, die stellvertretend für die Philosophie des gesamten Areals steht. „Wir sehen uns als Caring Community“, sagt Gudrun Konstroffer. „Die Anwohner verbringen bei Interesse Zeit zusammen, zudem achten sie aufeinander.“ Als Ansprechpartnerin der KoRa hat Gudrun Konstroffer stets ein offenes Ohr für alle Wünsche, Anliegen und Sorgen der Bewohner. Dank ihrer feinfühligen Moderation haben sich bereits verschiedene Gruppen gebildet, die beispielsweise Gartenarbeit erledigen, gemeinsam Kochen oder auch Yoga machen. Zudem vermittelt die zentrale Anlaufstelle haushaltsnahe Dienstleistungen, Hilfe am Computer, Fahrdienste sowie bei Bedarf auch einen Babysitter.

Breite Identifikation mit dem Projekt

Nach einer Umfrage unter den 60plus-Bewohnern Burgriedens stand bereits 2007 fest: Der Großteil möchte am liebsten weiterhin zu Hause wohnen. Und wenn nicht dort, dann im Ort und „nicht allein unter alten Menschen“.

Die haben den Mehrwert des Wohnkonzepts nicht erkannt.

Damit war klar, dass die Gemeinde zusätzlichen Wohnraum benötigt, der den Ansprüchen mehrerer Generationen gerecht wird. Gemeinsam mit der BauWohnberatung Karlsruhe (BWK) (siehe Projektpartner) ist die Idee des „Allengerechtes Wohnen“ entwickelt worden; verbunden mit dem Entschluss, interessierte Bürger so umfassend wie möglich in die Projektentwicklung einzubeziehen. Planerisch umgesetzt wurde das Konzept anschließend von Grünenwald+Heyl.Architekten.

Unabhängige Finanzierung

Dass der gesamte Komplex ohne nennenswerte Förderung und gar komplett ohne institutionelle Investoren finanziert werden konnte, erzählen die Beteiligten nicht ohne Stolz. Dabei ist die eigens gegründete GmbH von Gemeinde und Bürgerstiftung – die „Burgrieden baut GmbH“ – in der Finanzierungsphase auf wenig Investitionsbereitschaft seitens der Banken gestoßen.

„Die haben den Mehrwert des Wohnkonzepts nicht erkannt“, sagt Bürgermeister Pfaff. Es sei nur um Ausstattung und Lage gegangen. Der Aspekt der Gemeinschaft habe keinerlei Rolle gespielt. „Letzten Endes haben wir als Gemeinde die Projektentwicklungs- und Planungskosten bis zur Ausschreibung vorfinanziert. Ansonsten ist das Projekt mithilfe des Privatkapitals der Wohnungskäufer finanziert worden.“

Finanzierungsmodell "Allengerechtes Wohnen"

Gemeinde und Bürgerstiftung gründeten gemeinsam die „Burgrieden baut GmbH“, die vor allem als Bauherr in Erscheinung getreten ist. Um größtmögliche Kostensicherheit zu gewährleisten, hat die GmbH einen Generalunternehmer beauftragt, der das Areal schlüsselfertig übergeben hat. Zuvor hatte die Gemeinde das Grundstück, das bereits in ihrem Besitz war, zum Einkaufspreis an die Bürgerstiftung veräußert. Diese hat es anschließend zum Verkehrswert an die GmbH verkauft. Dabei wurde das Geld aus der Preisdifferenz in die Ausstattung von Gemeinschaftsräumen und in die Umsetzung einer betreuten Wohngruppe investiert. Als Fördermittel sind ausschließlich 50.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Gemeinschaftlich Wohnen – Selbstbestimmt Leben“ eingeflossen.

Faktenlage

„Allengerechtes Wohnen“ – Burgrieden

  • Fertigstellung: 2016
  • 45 Wohnungen, plus acht Plätze in betreuter Wohngemeinschaft
  • 1-5-Zimmer-Wohnungen
  • Besonderheiten:
    • Umfangreiche Einbeziehung der Bürger Burgriedens bei Konzeption und Planung
    • Übernahme der Anschubfinanzierung (Entwicklung und Planung) durch die Gemeinde
    • Weitere Finanzierung über den Verkauf der Wohnungen, keine institutionellen Investoren
    • Zentrale Verwaltung des Areals über Bürgerstiftung Burgrieden
    • Mix aus Eigentum und Miete bei völliger Gleichstellung aller Bewohner
    • Konzept einer „Caring Community“ mit zentraler Anlaufstelle „Kontakt & Rat“
  • Bauherr: Burgrieden baut GmbH
  • Projektentwicklung und Begleitung: BauWohnberatung Karlsruhe (BWK)
  • Architekten: Grünenwald+Heyl.Architekten, Karlsruhe (Konzeption und LP 1-3) und Firma Reisch Bau mit Planquadrat Gaiser & Partner, Sigmaringen (LP 4-9)
Wissen zum Mitnehmen

Im Atriumhaus stehen Apartments für eine Senioren-Wohngruppe zur Verfügung. Hier können insgesamt acht Bewohner weitestgehend unabhängig leben – wohl wissend, dass sie bei Bedarf von extra ausgebildeten Alltagsbegleitern unterstützt werden. Eine weitere Besonderheit ist eine angegliederte Zweizimmerwohnung, deren Bewohner, falls erforderlich, auch umfangreicher betreut werden können.

Allengerechtes Wohnen

Starke Nachfrage

Eine der treibenden Kräfte von „Allengerechtes Wohnen“ ist Hermann Härle, Vorsitzender der Bürgerstiftung Burgrieden und Bewohner der Anlage. Er steht im großzügigen Foyer des Atriums und zeigt auf Treppenhaus und Wohnungstüren: „Von 2014 bis 2015 ist das Areal gebaut worden. Dabei fasst das Atrium 17 Wohnungen plus eine Senioren-WG mit acht Plätzen. 28 weitere Wohnungen verteilen sich auf die umliegenden Winkel- und Langhäuser.“ Die meisten davon sind allein durch Mundpropaganda verkauft worden. „Der Bedarf an derart gemeinschaftlichem Wohnen ist so groß, dass schon in den Bürgerworkshops Kaufinteresse bekundet wurde“, erinnert sich Hermann Härle. Von Beginn an dabei, kümmert er sich – ehrenamtlich – um die zentrale Verwaltung inklusive Generalvermietung des Wohnparks.

„Im Sinne der Gemeinde und der Ansprüche an diese Anlage achten wir auf eine gute Durchmischung.“ Um das zu gewährleisten, trifft Hermann Härle jeden Käufer oder Mieter persönlich, bevor dieser einen Zuschlag erhält.

Sein gutes Gespür hat er gleich bei den ersten Bewohnern bewiesen. In sportliche Steppwesten gekleidet sitzen Günter und Roswitha Sobiranski an einem der Tische im Gemeinschafts-Café und erzählen von ihrem Leben vor Ort. Sie seien auf der Suche nach Anschluss, sagt sie. Hier im Wohnpark könne man Leuten begegnen, sie habe schon Treffen organsiert und ihr Mann engagiere sich als technischer Hausmeister. „Die gesamte Anlage zeigt ein schlüssiges Konzept. Alle Räume und auch Wohnungen sind offen und geräumig gestaltet, trotzdem kann sich jeder bei Bedarf zurückziehen“, so ihr Mann. Gemeinschaft in richtiger Dosierung – ein Konzept, das aufzugehen scheint.

Soziale Durchmischung

Im Atriumhaus stehen Apartments für eine Senioren-Wohngruppe zur Verfügung. Hier können insgesamt acht Bewohner weitestgehend unabhängig leben – wohl wissend, dass sie bei Bedarf von extra ausgebildeten Alltagsbegleitern unterstützt werden. Eine weitere Besonderheit ist eine angegliederte Zweizimmerwohnung, deren Bewohner, falls erforderlich, auch umfangreicher betreut werden können.

"Wir möchten in einem Umfeld wohnen, wo man mit anderen Leuten in Kontakt kommt. Wir sind gerne gesellig, auch wenn es gleichzeitig möglich sein muss, sich bei Bedarf zurückzuziehen."

Günter und Roswitha Sobiranski, Burgrieden
Wissen zum Mitnehmen

WohnBus-Tour

Über die BauWohnberatung Karlsruhe (BWK) wird eine „WohnBus-Tour“ nach Burgrieden angeboten, um das Areal und die zugrunde liegende Konzeption zu zeigen bzw. zu erläutern.

Erfolgskriterien

Die BauWohnberatung Karlsruhe (BWK) zu den Besonderheiten in Burgrieden

Zusammenarbeit

Ein entscheidendes Erfolgskriterium bei „Allengerechtes Wohnen“ war, dass das Projekt ganz ohne institutionelle Investoren, dafür aber mit einer Menge persönlichem Engagement umgesetzt werden konnte. Der große Vorteil: So war es der Gemeinde innerhalb ihres finanziellen Rahmens möglich, den eigenen Vorstellungen zu folgen.

Bürgerbeteiligung und Projektbegleitung

Um wirklich „allen“ gerecht zu werden, war die Konzeption von Anfang an darauf ausgelegt, die Einwohner Burgriedens stark einzubeziehen. Dazu haben wir gemeinsam mit der Gemeinde Bürgerworkshops (Tool-Workshops, siehe Pluspunkt, Seite 38) organisiert, Anregungen gegeben, Ideen erarbeitet und wichtige Aspekte priorisiert. Die Ergebnisse sind anschließend in die räumlich-bauliche Planung eingeflossen. Zudem haben wir als BauWohnberatung im Zuge einer Kostenoptimierung die Suche nach einem passenden Generalunternehmer unterstützt und eine laufende Qualitätskontrolle gewährleistet.

Engagement

Ein Projekt in dieser Form kann nur dann gelingen, wenn es neben den Verantwortlichen weitere engagierte Partner gibt – von Ehrenamtlichen bis zu professionellen Dienstleistern. Mit diesen Voraussetzungen ist „Allengerechtes Wohnen“ adaptierbar. Nicht 1:1, aber in der Grundidee und Ausführung.

"Wohnen in der Gemeinschaft ist ein Wohnmodell mit einer guten Zukunftschance. Deshalb ist es wichtig, hier innovative und attraktive Lösungen voranzubringen. Denn diese können dazu beitragen, ein langfristiges und verlässliches soziales Umfeld zu schaffen."

Steffen Jäger, Erster Beigeordneter Gemeindetag Baden-Württemberg