Magazin für zeitgemäßes Wohnen

"Wie leben wir 2035?"

Unsere Aussichten sind rosig, wenn es uns gelingt, die Lebensqualität unserer Städte zukünftig zu halten und zu stärken! Doch wann ist eine Stadt lebens- und liebenswert? Und was haben Architektur und Städtebau mit Lebensqualität zu tun? Wikipedia, die WHO oder auch die jährlich erscheinende Mercer-Studie definieren Kriterien, die für unsere Lebensqualität zentral sind. Bezahlbares Wohnen, effiziente öffentliche Infrastrukturen wie Schulen oder der öffentliche Verkehr, ausreichend Frei- und Grünräume gehören dazu. Auch das attraktive Stadtbild spielt im globalen Wettbewerb der Städte eine zunehmend wichtige Rolle.

Die Städte konkurrieren heute aber nicht nur mehr denn je miteinander, sondern sie stehen auch vor grossen Herausforderungen. „Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten“, so eröffnete der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan am 4. Juli 2000 die Weltkonferenz zur Zukunft der Städte in Berlin. Die steigenden Einwohnerzahlen und aktuellen Prognosen von vielen europäischen Städten bestätigen diesen Trend – auch Stuttgart bildet da keine Ausnahme. Damit eine Stadt nicht nur quantitativ und zufällig, sondern eben auch qualitativ wächst, braucht es ein gemeinsames Bild der zukünftigen Stadt, das von allen Akteuren mitgetragen wird, die dieses Wachstums beeinflussen können.

Zürich als Vorbild

Zürich ist ein gutes Beispiel, wie ein solches Bild zusammen mit wichtigsten Akteuren, nämlich den Politikerinnen und Politikern, entwickelt werden kann. Wovon leben wir 2035? Wie leben wir 2035? Wie organisieren wir uns 2035? Mit diesen drei einfachen Fragen wurde die neunköpfige und aus fünf Parteien bestehende Zürcher Stadtregierung vor einigen Jahren konfrontiert.

Die Antworten waren so vielfältig wie es die Parteiprogramme sind: „Der Finanzplatz soll auch in Zukunft einen wichtigen Steuerbeitrag leisten!“ oder „Es muss ausreichend Grün- und Freiräume haben!“ oder „Wir wollen eine Stadt für alle sein!“ Interessant waren jedoch nicht nur die vielen Antworten und Bedürfnisse, sondern auch, dass aus diesen eine Strategie für Zürich bis ins Jahr 2035 (vgl. auch Strategien Zürich 2035, Zürich 2015), also ein Regierungsprogramm, erarbeitet werden konnte, welche das qualitative Wachstum der Stadt langfristig politisch sichert.

Wir Architektinnen und Architekten müssen uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden und diese auch wahrnehmen.

Patrick Gmür, Vorsitzender des Städtebaulichen Gestaltungsbeirats der Stadt Stuttgart

Architekten und Stadtplaner als Strategen

Für uns Architektinnen und Architekten öffnet sich hier eine riesige Chance, da wir diese Strategien zusammen mit den Stadtplanerinnen und Stadtplanern räumlich, städtebaulich und architektonisch umsetzen. Wenn ein strategisches Ziel beispielsweise ist, dass Zürich als Wirtschaftsstandort im internationalen Wettbewerb zur Spitze gehört und attraktive Rahmenbedingungen bietet oder dass Zürich über ein breites Wohnraumangebot für eine vielfältige Bevölkerung verfügt, dann müssen auch wir uns beim Planen und Bauen damit auseinandersetzen, wie und was wir zu diesem Ziel beitragen können.Erst kürzlich hat unser Architekturbüro Gmür & Geschwentner Architekten als Zeichen dieser Politik in Zürich ein Dienstleistungsgebäude für die Schweizer Börse realisiert und diese gleichzeitig mit einer Wohnüberbauung verschränkt.

Diese siamesischen Zwillinge beherbergen über 1000 Arbeitsplätze und rund 100 Wohnungen. Zweigeschossige Aussenräume, grosszügige Grundrisse und öffentliche Erdgeschosse tragen zur Lebensqualität dieses neuen Stücks Stadt bei.

Was ich damit sagen will: Wir Architektinnen und Architekten müssen uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden und diese auch wahrnehmen. Wir sind nicht nur Dienstleister für die optimierten Umsetzungswünsche von Bauherrschaften, Investoren oder der öffentlichen Hand. Es muss auch zu unserem Berufsethos gehören, dass wir uns nicht nur für gute Architektur und guten Städtebau, sondern auch für unsere Umwelt und unsere Lebensqualität einsetzen. Nur dann sind die (unsere) Aussichten rosig!

Patrick Gmür, 10. März 2017

Wissen zum Mitnehmen

Der Schweizer Architekt und Stadtplaner Patrick Gmür war bis September 2016 Direktor des Amts für Städtebau in Zürich. Aktuell arbeitet er als Partner im von ihm mitgegründeten Architekturbüro Gmür & Geschwentner AG; zudem wurde er zum Vorsitzenden des Städtebaulichen Gestaltungsbeirats der Stadt Stuttgart gewählt.