Magazin für zeitgemäßes Wohnen

BUGA als Motor für Städtebau

Kurz & bündig

Die Bundesgartenschau in Heilbronn verknüpft Gartenschau und Stadtausstellung nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Zum ersten Mal entsteht auf einem Ausstellungsgelände ein komplett neues Stadtquartier, das zu Beginn der BUGA bereits teilweise bewohnt sein wird. Ziel der Stadt ist es, mit dem „Neckarbogen“ urbanen Wohnraum entlang des Neckar zu schaffen. Dabei nutzt sie die BUGA als Motor, um Infrastrukturen und Wohnraum termingerecht entwickeln zu können.

"Heilbronn ist in Aufbruchstimmung"

Was noch vor ein paar Jahren wie ein riesiger innerstädtischer Sandkasten wirkte, entwickelt sich zu einem mit Spannung erwarteten Veranstaltungsort. Am 17. April 2019 startet die Bundesgartenschau (BUGA) in Heilbronn und ihr Konzept verknüpft erstmalig gedanklich und räumlich die Gartenschau mit einer Stadtausstellung. Sie ist der erste Bauabschnitt für ein neues Wohnquartier direkt auf dem Ausstellungsgelände: den „Neckarbogen“.

Kommt man vom Eingang Campuspark auf das BUGA-Gelände, läuft man über eine Brücke direkt auf die neuen Wohnhäuser des Neckarbogens zu. Dabei fällt sofort ins Auge, wie vielfältig die einzelnen Gebäude sind. Teils bis zu sechs Stockwerke hoch, haben sie nicht einfach nur abwechselnde Fassaden. Sie tragen vielmehr alle ihre ganz eigene Handschrift.

„Hintergrund dieser Gestaltung ist eine neue Herangehensweise, die einzelnen Bauplätze zu vergeben“, sagt Hanspeter Faas, Geschäftsführer der BUGA Heilbronn GmbH. „Es ging nicht darum, wer den höchsten Preis zahlt. Vielmehr musste eine Baukommission vom Architektur- und Nutzungskonzept und der Umsetzung technischer Innovationen überzeugt werden. Auf diesem Weg haben wir vielfältige Bauweisen generieren können und eine Fülle an Wohnmöglichkeiten geschaffen.“ Dazu zählen geförderter Mietwohnungsbau und hochpreisiges Eigentum genauso wie Studentenwohnungen, Inklusionsmodelle, Kindergarten, ein Boardinghaus oder ein Café.

Entwicklung nach innen

„Die BUGA ist kein Selbstzweck. Das hat die Stadt als unser Auftraggeber von Beginn an klargemacht“, ergänzt Planungsleiter Oliver Toellner. Er steht mit uns auf der Brücke und blickt ebenfalls auf das neue Stadtquartier. In wenigen Jahren sollen hier bis zu 3.500 Menschen wohnen.

„Heilbronn braucht keinen neuen Landschaftspark, sondern urbanen Wohnraum.“ Aus diesem Grund sei die Gartenschau um eine Stadtausstellung erweitert worden – mit dem Ziel, Wohnen nicht nur theoretisch einzubinden, sondern echten Wohnraum in der Innenstadt am Neckar zu schaffen. „Wir nutzen die Gartenschau als Motor für den Städtebau. Denn zum Eröffnungstermin der BUGA müssen die geplanten Infrastrukturen und Wohnungen termingerecht entwickelt sein.“

Mit einer Veranstaltung wie der Bundesgartenschau hat die Stadt einen ganz anderen Handlungsspielraum, was städtebauliche Projekte angeht.

Hanspeter Faas

Für das rund 40 Hektar große Gelände, das die Stadt von der Deutsche Bahn AG kaufte, gab es zunächst mehrere Szenarien. Da das ehemalige Hafen- und Gewerbegebiet direkt neben dem Hauptbahnhof liegt, bot es sich als Logistik-Fläche an. Eine andere Idee war, dort eine Großsporthalle zu errichten. Doch da das Stadtentwicklungskonzept Heilbronns aktuell die Innenentwicklung in den Fokus stellt, bekam die Gartenschau mit Stadtausstellung den Zuschlag.

BUGA als wichtiges Argument

Kurz bevor wir die Brücke verlassen, weist Hanspeter Faas nochmal auf einen wichtigen Aspekt hin: „Mit einer Veranstaltung wie der Bundesgartenschau hat die Stadt einen ganz anderen Handlungsspielraum, was städtebauliche Projekte angeht.“ Als Beispiel: Wo vor anderthalb Jahren noch eine viel befahrene Bundesstraße verlief, können bald die Menschen am Neckarufer entlang spazieren gehen. Sie wurde stillgelegt und stattdessen wurden bestehende Straßen sowie eine vorhandene Brücke ausgebaut. Die Wohnqualität im Neckarbogen steigert das deutlich. „Es herrscht einfach eine besondere Aufmerksamkeit für solche Maßnahmen – und wenn Sie die Bevölkerung richtig ins Boot holen, auch eine größere Akzeptanz.“

Apropos Bevölkerung: Zurecht sind die Veranstalter stolz darauf, rund 85 Prozent der Heilbronner hinter sich und ihrem Konzept für die BUGA zu wissen. Das zeige auch das große Interesse an den neuen Wohnungen. „Fast alle sind bereits verkauft oder vermietet“, so Oliver Toellner.

Stellt man sich den Blick von den Balkonen der Gebäude auf den Neckar und die umliegenden Grünanlagen der BUGA vor, lässt sich das gut nachvollziehen. „Im ersten Bauabschnitt haben wir 23 Gebäude realisiert. Wenn der Neckarbogen aufgesiedelt ist, haben wir rund ein Drittel der gesamten Fläche bebaut. Ein Drittel machen die Grünanlagen aus, die über die BUGA hinaus bestehen bleiben und ein Drittel Wasser, also der Neckar und kleinere Freizeitseen.“

Heilbronn ist in Aufbruchstimmung.

Hanspeter Faas

Der Blick nach vorn

„Heilbronn ist in Aufbruchstimmung“, fasst Hanspeter Faas die aktuelle Situation vor Ort zusammen. Das zeigten neben der BUGA auch Projekte wie die Erweiterung der Lern- und Erlebniswelt Science-Centers „Experimenta“ zum größten Science-Center in Deutschland und ein neuer Bildungscampus – beides in unmittelbarer Nähe zum Ausstellungsgelände der Bundesgartenschau. „Mit Entwicklungen wie diesen schaffen wir nachhaltige Werte für Heilbronn, die wie im Fall der BUGA auch über die Grenzen der eigentlichen Veranstaltung hinausreichen.“

Wissen zum Mitnehmen

BUGA 2019

Die BUGA Heilbronn läuft vom 17. April bis zum 6. Oktober 2019.

Stadtausstellung Heilbronn

Die Broschüre STADTAUSSTELLUNG HEILBRONN mit detaillierten Informationen, u.a. zu den Gebäuden, finden Sie unter www.buga2019.de/de/stadtausstellung/stadtausstellung.php.

Wichtige Erfolgskriterien

Der „Neckarbogen“ ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Projekt. So zeichnet er sich unter anderem durch seine Vielfältigkeit aus. Wie hat man es in der Umsetzung geschafft, die Qualität der Planungs- und Bauprozesse zu sichern? Dazu Barbara Brakenhoff, Architektin und Leiterin der Stadtausstellung BUGA 2019.

„Es geht um Vielfältigkeit bei gleichzeitiger Gesamtharmonie in Gestaltung und Nutzung, um soziale Mischung und ein lebendiges Stadtquartier. Die BUGA steuert nur den ersten Bauabschnitt. Es folgen zwei weitere, die das Gesamtbild verwirklichen. Die Aufgabe wird also schwieriger, nicht leichter.

Elementare Grundlage war der Städtebauliche Entwurf: Klare Strukturen der drei Baufelder mit privaten Innen- und halböffentlichen Randbereichen. Dann die Konzeptvergabe: Gefordert wurde architektonische Qualität, Festlegung der Nutzungen, technische Innovationen, ein Mobilitätskonzept, EG-Zonen für Gewerbe. Auch diese Festlegung: Bauherren konnten sich für viele Grundstücke bewerben, Architekten aber nur für zwei Häuser, nicht nebeneinander. Schließlich das Gestaltungshandbuch, es gab Gestaltungsorientierungen und Vorschläge. Und dass sich 85 Investoren auf 22 Grundstücke bewarben, hat die Auswahl erleichtert.

Mit der Auswahl hat die Jury eine alles zusammenfassende Entscheidung getroffen, die die Zustimmung durch die Stadtverwaltung und den Gemeinderat erhielt. Anderungen bedurften der Zustimmung – kleine und mittlere durch die BUGA und/oder den „Gestaltungsbeirat“ (Vorsitz Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur) und große durch Beirat und Gemeinderat.

Beim gleichzeitigem Planen und Bauen von bis zu acht Bauvorhaben je Baufeld wurde eine enge kontinuierliche Zusammenarbeit unerlässlich, bis zum Bauantrag gemeinsam mit den zuständigen Ämtern, anschließend einschließlich Bauausführung allein durch die BUGA. Es hieß Vertrauen schaffen, Verbindlichkeiten anfordern, Zeiten einhalten, nach (gemeinsamen) Lösungen suchen, im Extremfall auch ausgeschiedene Bauherren ersetzen. Immer hoch transparent und nachvollziehbar. Als besonderer Pluspunkt ist zu werten, dass wir nur drei Jahre gebraucht haben vom Auswahlverfahren bis zur Fertigstellung der Häuser.“

Wie lässt sich ein solches Projekt unter Beteiligung der Stadtgesellschaft umsetzen? Dazu Dr. Christoph Böhmer, Leiter des Planungs- und Baurechtsamts der Stadt Heilbronn.

„Es lässt sich nur umsetzen, indem man die Stadtgesellschaft sehr früh mit einbindet. Das haben wir getan. Wir haben uns ja schon 2003 für die BUGA 2019 beworben. Dies haben wir auch nach außen in die Stadtgesellschaft mittels der Presse zunächst kommuniziert.

Im weiteren Prozess der Projektentwicklung haben wir dann die Öffentlichkeit ganz bewusst in die einzelnen Verfahrensschritte frühzeitig eingebunden. So im städtebaulichen Leitbildprozess, parallel zur Rahmenplanerarbeitung, wo wir unsere Ergebnisse der Arbeitsgruppe und der Fachbeiräte an acht Terminen abends mit der Bürgerschaft quasi brühwarm diskutiert haben. Und zwar voll transparent: mit allen Vor- und Nachteilen der einzelnen Varianten.“

Welche Vorteile hat die Beteiligung unterschiedlicher Interessengruppen?

„Wir haben unterschiedliche Interessengruppen zur Mitarbeit am Projekt eingeladen, um mit einem möglichst breiten Spektrum, einer Vielfalt an Themen, konfrontiert zu werden, die uns im künftigen Quartier begegnen würden. Wir haben alle eingeladen, von der IHK über Investoren, Kirchen, Baugruppen bis zu einzelnen Bürgern. Diese Vielfalt prägt heute das Quartier. Es gab somit auch kein Thema, wo wir heute das Gefühl, oder schlimmer, die Gewissheit hätten, es nicht diskutiert zu haben.“

Faktenlage

Stadtteilentwicklung „Neckarbogen“, BUGA Heilbronn

  • Im Rahmen der BUGA 2019 in Heilbronn entsteht am Neckar ein neues urbanes Stadtquartier
  • Fertigstellung: April 2019 (1. Bauabschnitt), Bauabschnitte 2-3 unmittelbar danach
  • Wohnungen für rund 3.500 Bewohner plus 1.000 Arbeitsplätze
  • Besonderheiten:
    • Unterschiedlichste Wohnformen wie geförderter Mietwohnungsbau, Eigentum, Studentenwohnungen, Inklusionsmodelle, Kindertagesstätte, Boardinghaus oder Café
    • Vielfältige Architektur durch Vergabe der Bauplätze an beste Gestaltungs- und Nutzungskonzepte sowie Einbeziehung technischer Innovationen, nicht an den Meistbietenden
    • Rund 350 Wohnungen bereits zur BUGA bewohnt
    • Fokus auf nachhaltige Bauweise: Mehr als die Hälfte der Gebäude in Holzbauweise. Höchstes Holzhaus Deutschlands – „Skaio“ – als Teil des Projekts
  • Fördergelder: Unterstützung aus Landeswohnraumförderprogramm (einzelne Projekte)
  • Bauherr: private Investoren sowie Stadtsiedlung Heilbronn
  • Architekten: Steidle Architekten, München (städtebaulicher Ideenwettbewerb), 19 Architekten haben die Hochbauten geplant
  • Landschaftsarchitekten: sinai Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin
  • Rahmenplan: Machleidt GmbH, Städtebau | Stadtplanung, Berlin

Leuchtturmprojekte wie „Skaio“ zeigen uns smarte und moderne Wege, die aktuellen und künftigen Herausforderungen im Wohnungsbau anzugehen.

Hybridhaus „Skaio“ unterstreicht Innovationsgeist der BUGA

Hybride spielen nicht nur im Straßenverkehr eine wichtige Rolle, sondern auch im Wohnungsbau. Ein gutes Beispiel dafür ist „Skaio“. Deutschlands höchstes Holzhybridhaus entsteht derzeit auf dem BUGA-Gelände in Heilbronn und zählt zu den Highlights der Gartenschau.

34 Meter ragt es in die Höhe und bietet Platz für 60 Mietwohnungen – teils öffentlich gefördert. Direkt am Haupteingang zur BUGA gelegen, wird der innovative Bau den Besuchern sofort ins Auge fallen. Wenn auch nicht als Holzhaus, denn für eine bessere Wetterbeständigkeit ist die Fassade von außen mit Aluminiun-Platten verkleidet.

Das Beste aus zwei Welten

Zu einem Hybrid wird „Skaio“, da es aus zwei verschiedenen Baustoffen besteht: Holz und Beton. Sockelgeschoss und Treppenhaus sind dabei unter anderem aus Brandschutzgründen aus Stahlbeton gebaut. Der Rest des zehngeschossigen Gebäudes besteht aus Holz.

Der große Vorteil dieser Konstruktion: Die Bauzeit ist vergleichsweise kurz, da die Holzbauteile weitgehend vorgefertigt angeliefert werden und vor Ort nur noch montiert werden müssen. Damit sei ein Stockwerk pro Woche möglich, wird der Projektleiter Markus Brandl von der Rhein-Neckar-Zeitung zitiert.

Die innovative Bauweise ist zudem äußerst nachhaltig. Die Stützen von „Skaio“ bestehen aus Brettschichtholz. Für die Wände und Decken kommt das verwendete Fichtenholz hauptsächlich aus deutschen Wäldern.

Breite Förderung

„Skaio“ wird in großen Teilen durch die L-Bank gefördert. Diese unterstützt 25 der 60 Mietwohnungen mit einem Förderdarlehen im Landeswohnraumförderungsprogramm (Wohnungsbau BW) des Landes Baden-Württemberg. Die weiteren Wohnungen finanziert sie durch eigene Programme.

„Leuchtturmprojekte wie ‚Skaio‘ und die weiteren Gebäude in dem wachsenden Stadtviertel auf dem BUGA-Gelände zeigen uns smarte und moderne Wege, die aktuellen und künftigen Herausforderungen im Wohnungsbau anzugehen“, sagt Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank. „Sie sind ein gutes Beispiel mit Signalkraft, wie wir durch passgenaue Finanzierungen und Förderungen dazu beitragen können, neuen Wohnraum zu schaffen.“

Neben der L-Bank bezieht „Skaio“ auch Gelder aus der EFRE-Förderung (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) sowie Landesmittel. Dabei unterstützt das baden-württembergische Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) Vorhaben im Bereich „Innovationen im Holzbau“ – um die Nutzung des natürlichen Baustoffs zu forcieren und neue Anwendungsfelder zu erschließen.

Faktenlage

„Skaio“ am Neckarbogen, BUGA-Gelände Heilbronn

  • Fertigstellung: 2019
  • Deutschlands höchstes Holzhybridhaus (34 m)
  • 60 Mietwohnungen, teils öffentlich gefördert, plus 4 Wohngemeinschaften
  • 1-2-Zimmer-Wohnungen mit 40 bis 70 m2 Größe
  • Besonderheiten:
    • Hybride Konstruktion aus Holz und Beton
    • Wohnungen können bei Bedarf auch zusammengelegt werden
    • Dachterrasse, Gemeinschaftsräume
    • Gewerbliche Nutzung im Erdgeschoss
  • Unterstützung durch Landeswohnraumförderprogramm (Wohnungsbau BW), weitere Landesmittel und EFRE-Förderung
  • Bauherr: Stadtsiedlung Heilbronn GmbH
  • Architekten: Kaden+Lager, Berlin