Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Emmendingen: "Win-Win" bei der Stadtteilentwicklung

Als zweitgrößte Stadt im Breisgau mit rund 26.000 Einwohnern steht Emmendingen vor ähnlichen Herausforderungen wie der Ballungsraum Freiburg: Es gibt zu wenig Wohnraum. 2010 ist deswegen der Bauverein Breisgau e.G. auf den Plan getreten und hat als Genossenschaft neue Wohnungen geschaffen – ganz im Sinne einer strategischen Stadtteilentwicklung.

Kurz & bündig

Über Sanierungen und umfangreiche Neubauten hat der Bauverein Breisgau in der Bechererstraße in Emmendingen neuen, dringend benötigten Wohnraum geschaffen. Damit leistet die Genossenschaft einen wesentlichen Beitrag zur Stadtteilentwicklung, da sich durch die neuen Wohnungen das Angebot an bezahlbarem und barrierefreiem Mietraum im Ortskern vergrößert.

Wäre die heutige Wohnungsknappheit schon vor zehn Jahren absehbar gewesen, wären die Neubauten in der Bechererstraße womöglich noch umfangreicher ausgefallen. Doch waren die Zeiten andere und der Bauverein Breisgau konnte als Bauherr damals nicht absehen, ob er genügend Mieter und Eigentümer finden würde – obwohl die Stadt nur 14 Kilometer entfernt vom Ballungszentrum Freiburg liegt.

Herr Simon, was hat der Bauverein Breisgau in der Bechererstraße umgesetzt?

Wir haben auf der linken Straßenseite einen Teil der vorhandenen Bestandsbebauung behutsam saniert und um rückwärtige Balkone erweitert. Die Häuser auf der rechten Seite hingegen sind abgerissen und komplett neu errichtet worden.

Warum haben Sie nur einen Teil saniert?

Die Häuser stammten alle aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Die auf der linken Seite waren in einem guten baulichen Zustand, sodass wir sanieren konnten. Bei den rechtsseitigen Gebäuden war das nicht möglich. Es gab erhebliche Setzungsrisse und die Standsicherheit war aufgrund unzureichender Gründung langfristig nicht gegeben. Das Architekturbüro mbpk hat dann ein Konzept entwickelt, bei dem die Körnigkeit und auch die Geschossstruktur der gegenüberliegenden, älteren Gebäude übernommen worden ist. Die Neubauten passen sich dadurch hervorragend in die Umgebung und das Straßenbild ein. Wertvoller Baugrund konnte übrigens durch den Rückbau alter Garagenhöfe geschaffen werden.

Würden Sie bei diesem Projekt von einer gelungenen strategischen Stadtteilentwicklung sprechen?

Ja, auf jeden Fall. Die Stadt Emmendingen – und auch wir als Bauverein Breisgau – benötigen durch den demographischen Wandel zunehmend barrierefreien Wohnraum. Dieser war in den Bestandsgebäuden vor Ort nicht vorhanden. Darüber hinaus wollten wir insgesamt das Angebot an Mietraum vergrößern. Jetzt können unsere Mitglieder beispielsweise in kleinere und seniorengerechte Wohnungen umziehen, ohne ihr soziales Umfeld verlassen zu müssen. Damit kennt das Projekt für mich nur Gewinner: Auf einem schlecht genutzten Bestandsgrundstück gibt es neue Wohnungen, die Wohnqualität wurde durch Sanierung nach- haltig verbessert, neuer barrierefreier Wohnraum ist entstanden und unsere Mitglieder können egal welchen Alters in ihrem sozialen Umfeld wohnen bleiben.

Wir wissen durch einen Klick im System, in welcher Region unserer Bestände welcher Wohnbedarf besteht.

Gegenwärtig ist die Wohnungsnot besonders in den Städten groß. Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance der Wohnungsbau-Genossenschaften. Wie kommt es dazu?

Ja, das stimmt. Es gibt diese Renaissance, denn die Genossenschaften setzen nicht auf hohe Renditen. Vielmehr bleibt das gesamte erwirtschaftete Kapital in der Baugenossenschaft. Damit fließt der Ertrag wieder zu 100 Prozent zu Mietern und Mitgliedern zurück: in Form von neuen Wohnungen, Sanierungen und allem, was zum Wohnen dazu gehört.

Haben Sie als Genossenschaft auch einen besseren Überblick über Wohnbedarfe als eine Stadt oder Kommune?

Ich denke in Teilen schon. Aufgrund unserer großen Mitgliederanzahl, haben wir unsere eigene permanente Marktforschung. Soll heißen: Jedes Mitglied, das sich um eine Wohnung bewirbt, gibt an, welche Anforderungen es an den Wohnraum hat. Wir wissen also durch einen Klick im System, in welcher Region unserer Bestände welcher Bedarf besteht. So eine Datenbank haben viele Verwaltungen nicht – und es hat auch schon Fälle gegeben, in denen wir diesbezüglich mit Städten und Kommunen kooperiert haben. Da helfen wir sehr gerne.

Wissen zum Mitnehmen

Mit über 22.000 Mitgliedern und rund 5.000 Mietwohnungen gehört der Bauverein Breisgau e.G. zu den größten und ältesten Wohnungsbaugenossenschaften Deutschlands. Auf der Basis von Grundstückskäufen und maßvoller Innenentwicklung entstanden und entstehen hunderte von neuen Mietwohnungen in Freiburg und der Region, um der kontinuierlich hohen Nachfrage an bezahlbaren Mietwohnungen zu entsprechen.

Um mehr Fläche für die neuen Gebäude in der Bechererstraße zu schaffen, sind alte Garagenhöfe zurückgebaut worden. Parken können die Bewohner jetzt in einer Tiefgarage. (Foto: Miguel Babo, Freiburg)

Um mehr Fläche für die neuen Gebäude in der Bechererstraße zu schaffen, sind alte Garagenhöfe zurückgebaut worden. Parken können die Bewohner jetzt in einer Tiefgarage. (Foto: Miguel Babo, Freiburg)

Faktenlage

Wohnanlage Bechererstraße, Emmendingen

  • Fertigstellung: 2015
  • Linksseitig: Sanierung von 8 Doppelhäusern (38 Wohnungen)
  • Rechtsseitig: Neubau von 6 Wohnhäusern: 31 Miet- und 25 Eigentumswohnungen; von 45 bis 115 m2
  • Besonderheiten:
    • Energetische Sanierung unter Beibehaltung des historischen Erscheinungsbildes; mehr Wohnqualität durch neue Bäder und Balkone
    • Konzept Neubauten berücksichtigt Körnigkeit und Geschossstruktur der Bestandsbauten; barrierefreie Wohnungen; wertvoller Baugrund durch Rückbau alter Garagenhöfe
  • Miete: 6,25 EUR (sanierter Bestand), 8,50 bis 10,75 EUR (Neubau)
  • Auszeichnung: Beispielhaftes Bauen 2018
  • Bauherr: Bauverein Breisgau e.G.
  • Architekt: mbpk Architekten und Stadtplaner BDA DWB, Freiburg im Breisgau
  • Landschaftsarchitekt: AG Freiraum Jochen Dittus + Andreas Böhringer, Freiburg im Breisgau