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Friedrichshafen: Auf lange Sicht geplant

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Angesichts des anhaltend hohen Wohnraumbedarfs ist das Jettenhauser Esch für die Stadt Friedrichshafen ein Glücksfall. Auf der fünf Hektar großen Baulücke wird die Siedlungswerk GmbH voraussichtlich ab Ende 2021 ein Wohnquartier für rund 900 Menschen errichten. Wichtige Voraussetzungen für die Zielsetzungen strategischer Stadtentwicklung: die zentrumsnahe Lage und die bereits vorhandene Infrastruktur, die sinnvoll ausgebaut werden soll, wie z.B. durch die Einbindugn in den Veloring Friedrichshafen. Für eine funktionierende soziale Durchmischung spielen Größe und Qualität des geplanten Quartiers ebenso eine Rolle, wie das aktive Engagement des Eigentümers bzw. Vermieters.

Jettenhauser Esch: Auf lange Sicht geplant

In Zeiten knapper Flächen ist das Jettenhauser Esch für die Stadt Friedrichshafen ein Glücksfall. Die fast fünf Hektar große, ehemals landwirtschaftlich genutzte Baulücke ist zentrumsnah gelegen. Doch sollen die künftigen Bewohner nicht nur bezahlbaren Wohnraum vorfinden, sondern ein Quartier mit hoher Lebensqualität und gelungener sozialer Durchmischung. Aus diesem Grund ziehen das Siedlungswerk Stuttgart als Eigentümer und die Stadt Friedrichshafen am selben Strang.

Für Norbert Tobisch, Geschäftsführer der Siedlungswerk GmbH, ist es der Markenkern seines Unternehmens – sozial gut durchmischte Quartiere. Angesichts des gewaltigen Wohnraumbedarfs, für den Friedrichshafen exemplarisch steht, stellt sich die Frage, wie man diesem Anspruch gerecht wird. „Dass alle Bedarfsgruppen zum Zuge kommen und in guter Nachbarschaft zusammenleben können, funktioniert nur, wenn wir uns als Vermieter und Eigentümer entsprechend kümmern“, so Tobisch.

Am Anfang steht dabei immer die Fläche und die ist in Baden-Württemberg knapp. Darum scheint die Verfügbarkeit des Areals in Jettenhausen so glücklich. Wobei Norbert Tobisch es nicht allein beim Eindruck glücklicher Fügung belassen mag: „Mein Vor-Vorgänger hatte schon in den 1970er-Jahren Kontakt zur Besitzerfamilie.“ Dies spreche für die langfristigen Überlegungen im Hinblick auf eine strategische Stadtentwicklung beim Siedlungswerk. Schließlich gelte es, auf solche Gelegenheiten nicht zu warten, sondern sie zu schaffen und zu entwickeln.

Der Wettbewerb: nicht offen, aber zielführend

Dazu gehört für das Siedlungswerk nicht zuletzt der Architektenwettbewerb. Offen war dieser nicht, was laut Hagen Kallfass - Technische Projektentwicklung Siedlungswerk GmbH, triftige Gründe hat: „Für intelligenten Städtebau brauchen wir Wettbewerbe, um gute und interessante architektonische Qualität zu erhalten. Anfangs haben wir offene Wettbewerbe durchgeführt. Das bedeutete aber sehr viel mehr Zeit- und Organisationsaufwand. Viele Teilnehmer hatten zudem Schwierigkeiten mit den Aufgaben. So ein Wettbewerb ist dann nicht zielführend.“

17 Architekturbüros reichten ihre Gestaltungsvorschläge für das Jettenhauser Esch beim Siedlungswerk ein. Ein Teil davon wurde durch das Los bestimmt. „Einige Teilnehmer bestimmen wir aber auch selbst. Da haben wir einfach die Sicherheit, dass die angefragten Büros den Aufgabenstellungen gewachsen sind“, erläutert Kallfass. „Aber wir berücksichtigen sehr wohl auch uns unbekannte Büros, die auch schon gewonnen haben.“

Quartier mit Gemeinschaft

Wichtiges Element im Hinblick auf funktionierende Nachbarschaft ist der geplante Quartiersplatz im Jettenhauser Esch. „Solch ein Ort kann eine identitätsstiftende Funktion für die Bewohner haben, jedoch ist die Größe des Quartiers entscheidend. Nach unserer Maßgabe ist das maximal das, was fußläufig gut zu erreichen ist, also einige hundert Meter. Gleichzeitig braucht es eine gewisse Anzahl an Bewohnern, damit sich eine Gemeinschaft bilden kann.“

Trotz aller Anstrengungen bei der Stadtteilentwicklung: Die Experten vom Siedlungswerk sehen noch „viel Luft nach oben“, so Hagen Kallfaß. „Es würde schon sehr helfen, wenn die Genehmigungsverfahren die Projekte nicht so in die Länge zögen. Die jährliche Kostensteigerung ist enorm.“

„Nach oben“ ist im Hinblick auf den Geschossbau außerdem wörtlich zu verstehen: „Wir müssen auch bei neuen Flächen nach oben gehen, um dem Wohnbedarf gerecht werden zu können. Hier in Baden-Württemberg haben wir zum Glück noch viel Potenzial.“

Wissen zum Mitnehmen

Die Siedlungswerk GmbH ist seit 1948 im Wohnungs- und Städtebau in Baden-Württemberg tätig. Rund 22.000 Wohnungen werden heute dort verwaltet. Hauptgesellschafter sind zu rund 75 Prozent das Bistum Rottenburg-Stuttgart und mit 25 Prozent die Landesbank Baden-Württemberg. Im Hinblick auf eine nachhaltige, strategische Stadtentwicklung sind für das Unternehmen eine gezielte Flächenentwicklung mit Qualität, sozial gut durchmischte Nachbarschaften sowie eine gute Wohnfolgeinfrastruktur mit Zusatznutzen entscheidend: also zum Beispiel Kitas, aber auch Wohngruppen für Menschen mit Bedarf.

Seite 2 "Strategische Stadtentwicklung muss bedarfsgerecht und flexibel sein"
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Das Jettenhauser Esch ist zu drei Seiten bereits von Wohnbauten umschlossen. Die Lage ermöglicht so die Errichtung eines neuen Stadtquartiers, ohne dass der Ortsteil an den Rändern wächst. Darüber hinaus kann die vorhandene Infrastruktur genutzt werden. Auch wenn sie sinnvoll erweitert werden muss, damit der Stadtteil bis zu 900 zusätzliche Bewohner aufnehmen kann. In Verbindung mit der zentrumsnahen Lage soll das Quartier kurze Wege und hohe Lebensqualität bieten. Ein Anliegen ist dem Eigentümer die funktionierende soziale Durchmischung. Vom geförderten über den freifinanzierten Wohnraum bis zum Wohneigentum soll künftig alles vertreten sein.

„Strategische Stadtentwicklung muss bedarfsgerecht und flexibel sein“

Dr.-Ing. Stefan Köhler ist Erster Bürgermeister der Stadt Friedrichshafen und befasst sich nicht nur hauptberuflich mit dem Thema Stadtentwicklung. Ehrenamtlich ist er unter anderem als unabhängiger wissenschaftlicher Beirat beim Verkehrs- und Bauministerium sowie als Vizepräsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung tätig.

Herr Köhler, beim Bau des Quartiers am Jettenhauser Esch legt das Siedlungswerk viel Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt Friedrichshafen. Wie würden Sie diese bisher bewerten?

Der Auftrag war klar, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dem wird der Entwurf absolut gerecht. Das Siedlungswerk ist ein verlässlicher Partner, mit dem wir in der Vergangenheit bereits gute Erfahrungen gemacht haben.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Hinblick auf eine strategische Stadtentwicklung?

Sie muss vor allem bedarfsgerecht ausgelegt sein und dabei eine gewisse Flexibilität ermöglichen. Stadtentwicklung sollte heute unbedingt dem Modell einer Stadt der kurzen Wege gerecht werden. Dann wird das Auto nicht zwingend gebraucht und die Innenstädte ersticken nicht irgendwann am Verkehr. Das Vorhaben des Siedlungswerks am Jettenhauser Esch berücksichtigt dies.

Der Zuzug von bis zu 900 Menschen oder mehr wird den Stadtteil nachhaltig verändern. Das dürfte nicht jedem Anwohner gefallen, oder?

Die Bevölkerung ist im weiteren Prozess einzubinden. Das Schließen großer Baulücken, wie im Fall des Jettenhauser Esch, verfolgen wir dabei mit Nachdruck. Die Fläche wird schon lange nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und die Ortschaft vergrößert sich nicht nach außen.

Die besagten Probleme werden in den nächsten Jahren wohl nicht weniger werden.

Nach aktuellen Prognosen müssen wir unabhängig davon ob uns das gefällt oder nicht im Bodenseekreis bis 2035 mit bis zu neun Prozent Bevölkerungswachstum rechnen. Der Zuzug erfolgt meist aufgrund wirtschaftlicher Faktoren, das ist also grundsätzlich positiv zu bewerten. Da aber rund 30 Prozent der Einwohner des Bodenseekreises in Friedrichshafen leben, wird sich dieser Zuzug vor allem hier auswirken, nicht in der Peripherie. Darum brauchen wir dringend neue Wohngebiete in hoher städtebaulicher Qualität und mit bezahlbarem Wohnraum.

Faktenlage

Stadtquartier am Jettenhauser Esch, Friedrichshafen

  • Geplanter Baubeginn: 2021
  • Errichtung eines neuen Stadtquartiers mit 400 Wohneinheiten für bis zu 900 Bewohner.
  • Freifläche: 48.750 m²
  • Besonderheiten:
    • Ungewöhnlich große, ehemals landwirtschaftlich genutzte Baulücke, die bereits von Wohnbauten umschlossen ist.
    • Für die finale Umsetzung wurden der erste und zweite Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs kombiniert.
  • Bauherr: Siedlungswerk GmbH, Stuttgart
  • Architekten: K9 Architekten (1. Sieger in Verbindung mit faktorgruen Landschaftsarchitekten, Freiburg) und Ackermann + Raff Architekten, Stuttgart (2. Sieger)
  • Landschaftsarchitekten: faktorgruen Landschaftsarchitekten, Freiburg