Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Heidelberg: Leitfaden für eine Stadt mit Zukunft

Um dem wachsenden Wohnraumbedarf in Heidelberg nachhaltig zu begegnen und Menschen aller Einkommensgruppen Zugang zum Immobilienmarkt zu verschaffen, wurde die Wohnungspolitik auf eine neue Basis gestellt. Ein Handlungsprogramm dient künftig als strategische Richtschnur für alle wohnungspolitischen Aktivitäten der Stadt.

Kurz & bündig

Um die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu sichern, wurde die Wohnungspolitik in Heidelberg grundlegend reformiert. Das „Handlungsprogramm Wohnen“ dient künftig als strategische Klammer für alle wohnungspolitischen Aktivitäten. Ziel ist es, dem wachsenden Wohnraumbedarf nachhaltig zu begegnen und Menschen aller Einkommensgruppen Zugang zum Wohnungsmarkt zu verschaffen. Dafür sollen bis 2030 jährlich 800 neue Wohnungen entstehen.

Herr Odszuck, als Erster Bürgermeister der Stadt Heidelberg waren Sie bei der Erstellung des "Handlungsprogramms Wohnen" von Anfang an involviert. Warum wurde der Entschluss gefasst, die Wohnungspolitik in Heidelberg neu aufzusetzen?

Die Wirtschaftsentwicklung in Heidelberg ist in den vergangenen Jahren erfreulicherweise sehr dynamisch verlaufen. Die Stadt gehört zu den prosperierenden Zentren in Deutschland. Das zeigt auch der jüngste Einwohner- und Beschäftigungszuwachs. Daraus resultierend, spitzt sich der Wohnungsmarkt in Heidelberg immer weiter zu. Und zwar über eine relativ große Breite der Wohnsegmente: Von Eigentum bis Miete, aber auch über verschiedene Wohnungsgrößen und Qualitäten.

Wo setzt Ihr Handlungsprogramm also konkret an?

Es soll allen Bevölkerungsgruppen ermöglichen, angemessenen Wohnraum finden zu können. Deswegen wurde es zusammen mit einem neuen Wirtschaftsentwicklungskonzept im vergangenen Jahr vom Gemeinderat beschlossen. Beide Konzepte geben wichtige Empfehlungen zur Zukunftssicherung der Stadt und sollten stets gemeinsam betrachtet werden.

Das heißt die Wohn- und Wirtschaftsentwicklung stehen in einem engen Zusammenhang und nicht in Konkurrenz zueinander?

Richtig, sie stehen zum einen in Konkurrenz zueinander, zum anderen aber auch in gegenseitiger Wechselwirkung. Denn natürlich generiert die Entwicklung gewerblicher Flächen auch zusätzlichen Bedarf an Wohnungen.

Welche Ziele werden im "Handlungsprogramm Wohnen" verfolgt?

Das "Handlungsprogramm Wohnen" bildet künftig die strategische Klammer um die städtische Wohnungspolitik. Es soll alle wohnungspolitischen Aktivitäten der Stadt bündeln und die Initiierung geeigneter Maßnahmen vorbereiten. Angefangen von der Flächenwidmung bis hin zu Förderprogrammen. Zu den zentralen Zielen der Stadt Heidelberg gehören der Bau von jährlich 800 Wohnungen und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.

Bezahlbar für welche Bevölkerungsgruppen?

Wir haben dabei die Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen im Auge und insbesondere auch diejenigen, die knapp oberhalb der Einkommens- grenzen für den geförderten Wohnungsbau liegen. Für diese Gruppe ist es aktuell sehr schwer, sich selbst am Markt zu versorgen. Ein zentrales Instrument stellt da besonders das Baulandprogramm dar. Damit soll sichergestellt werden, dass jederzeit genügend Bauflächen für unterschiedliche Wohnraumbedürfnisse zur Verfügung stehen.

Wie wirkt die Stadt den steigenden Miet- und Wohnungspreisen durch das Handlungsprogramm entgegen? Was muss getan werden, um Wohnen bezahlbar zu machen?

Zunächst nutzen wir die klassischen Instrumente. Das sind Förderungen und die Quersubventionierung von kostenreduziertem Wohnungsbaus durch höherpreisige Segmente aus dem Baulandmanagement. Das allein genügt jedoch nicht. Die Bezahlbarkeit oder der Wohnungspreis ist nichts anderes als ein aus der Balance geratenes Angebots- und Nachfrageverhältnis. Deswegen sind wir mit unserer eigenen Wohnungsbaugesellschaft ebenfalls aktiv und bieten entsprechende Angebote für unterschiedliche Bedürfnisse. Wie beispielsweise Wohnungen für Alleinerziehende mit speziellen Grundrissen, die für einen hohen Wohnkomfort auf kleinem Raum sorgen.

Gibt es darüber hinaus Vorgaben auch für Investoren?

Ja, von den Investoren verlangen wir, wenigstens 30 Prozent für Sozialwohnungen vorzusehen oder kostenreduzierten Wohnraum für das mittlere Preissegment zu schaffen. Da wo wir selber Grundstückseigentümer sind, meist bei Konversionsflächen, integrieren wir darüber hinaus Baugruppen oder Genossenschaften. Unser Ziel ist es, möglichst fragmentiert eine große Breite zu tragen.

Die Bezahlbarkeit oder der Wohnungspreis ist nichts anderes als ein aus der Balance geratenes Angebots- und Nachfrageverhältnis.

Wissen zum Mitnehmen

Bis 2030 werden 11.400 Wohnungen benötigt, um den prognostizierten Wohnungsbedarf in Heidelberg zu decken.

Wie schaut es mit den nötigen Infrastruktureinrichtungen wie Kindergärten, Sozialzentren, Ärzten oder Nahversorgern aus? Sind diese Einrichtungen ebenfalls Teil des Handlungsprogramms?

Die technische und soziale Infrastruktur muss stets mitgedacht werden. Deswegen sind wir bestrebt, in den gemischt genutzten Quartieren, die neben Wohnen ja auch einen gewissen Teil an Arbeitsplätzen aufweisen, auch die dazugehörige Infrastruktur miteinzubinden. Das können gegebenenfalls auch kulturelle Einrichtungen sein. So etwas gehört als stark wachsende Stadt einfach dazu. Allein in der Heidelberger Bahnstadt wurden beispielsweise acht neue Kitas gebaut.

Wie lief – kurz zusammengefasst – der Entstehungsprozess des Handlungsprogramms?

Im März 2015 wurde die Verwaltung vom Gemeinderat beauftragt, das "Handlungsprogramm Wohnen" zu erstellen. Für die Konzeption der Leitlinien, haben wir verschiedene Instrumente ins Leben gerufen, die zum Teil auch von externen Fachleuten begleitet werden. Das Spektrum reicht von jährlichen Befragungen in der Bevölkerung bis hin zu regelmäßig stattfindenden Plattformen. Anfangs haben wir im kleinen Rahmen Runde Tische organisiert, an denen unterschiedliche Interessensvertreter teilnahmen. Daraus ist das sogenannte ‚Dialogforum Wohnen’ entstanden, das nun zwei Mal im Jahr tagt.

Übersicht der wohnungspolitischen Schwerpunkte des "Handlungsprogramms Wohnen"

Was wird dort besprochen?

Es sitzen Kommunalpolitik, Wohnungswirtschaft und Verwaltung zusammen, um gemeinsam nach Lösungen zu aktuellen Fragen rund um das Thema Wohnen zu suchen. Diskutiert werden Aspekte von der Marktentwicklung bis hin zu Wohn- oder Energiestandards, zu Mobilitätskonzepten oder auch Fragen, wie ein gewisses Maß an Gerechtigkeit im Heidelberger Wohnungsmarkt geschaffen werden kann. Und das, glaube ich, unterscheidet die Strategie des "Handlungsprogramms Wohnen#2 von bisherigen Initiativen.

Was können sich andere Städte also von Heidelberg abschauen?

Das jetzige Handlungsprogramm scheint relativ ausgewogen, aber wir müssen vielleicht erst einmal ein paar Erfahrungen machen, um die ein oder andere Schwäche herauszufinden. Wir sind bei der Erstellung mit einem sehr hohen Maße an Sorgfalt vorgegangen und haben versucht, alle Akteure der Wohnungswirt- schaft, von klassischen Verbänden und Vereinen bis hin zu unterschiedlichen Wohnungsunternehmen oder Bauträger mit ins Boot zu holen. Das ist auch eine Empfehlung, die ich anderen Städten nur mitgeben kann.

Faktenlage

"Handlungsprogramm Wohnen", Heidelberg

  • 2017 einstimmig vom Gemeinderat beschlossen
  • Dient als Zielrahmen für die städtische Wohnungspolitik
  • Es beinhaltet 34 Vorschläge und Ziele mit kurz-, mittel- und langfristiger Wirkung
  • Ziel: Schaffung von Wohnraum für Menschen aller Einkommensgruppen durch 800 Wohnungen jährlich bis 2030
  • Handlungsfelder: Wohnungsbau für alle Bevölkerungsgruppen, wohnungspolitische Maßnahmen im Gebäude- und Siedlungsbestand, Förderung bezahlbaren Wohnraums und Erhaltung sozialer Vielfalt, wohnungspolitische Regelungen und Satzungen und die Kooperationen zur partnerschaftlichen Umsetzung wohnungspolitischer Ziele.