Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Über den "Mehr-Wert" integrierter Entwicklungskonzepte

Gesamtstädtische und teilräumliche Entwicklungskonzeptionen sind heute für die Stadt- und Ortsentwicklung unerlässlich. Zugleich bietet die Auseinandersetzung mit ihrer Bedeutung schier unerschöpfliches, in Anbetracht der positiven Impulse aber vor allem konstruktives Diskussionspotenzial.

Es handelt sich um informelle Konzepte mit hoher strategischer Wirkung. Die Gefahr einer damit einhergehenden „Unverbindlichkeit“ der Konzepte kann zu einem großen Hemmnis für die Stadtentwicklung werden. Entscheidend ist, dass die konzeptionell verankerten Leitlinien akzeptiert und aktiv umgesetzt werden – eben das kann mit der verpflichtenden Einbindung in die Programme der Stadterneuerung erreicht werden.

Die Rahmenbedingungen

Die Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung, die jährlich zwischen Bund und Ländern geschlossen wird, regelt seit 2012, dass für alle Programme der Stadterneuerung integrierte Stadtentwicklungskonzepte (ISEK) – unter Beteiligung der BürgerInnen und möglichst abgeleitet oder eingebettet in ein gesamtstädtisches Entwicklungskonzept – zu erstellen sind. Sie sind Fördervoraussetzung und damit ein zentrales Element der städtebaulichen Erneuerung in allen Bundesländern, für deren Erstellung Städtebaufördermittel eingesetzt werden können.

Entscheidend ist, dass die konzeptionell verankerten Leitlinien akzeptiert und aktiv umgesetzt werden.

Der Verständniswandel

Innerhalb dieses Rahmens existieren länderspezifische Regelungen. Die Stadterneuerung Baden-Württemberg legt großen Wert auf gesamtstädtische Entwicklungskonzepte als Voraussetzung für wirkungsvolle teilräumliche Entwicklungskonzepte. Experten der eigenen Ortsentwicklung sind die Kommunen, die Qualität eines ISEK ist daher am Resultat vor Ort zu bewerten. Das „Abhaken“ formeller Inhaltsvorgaben steht gerade nicht im Vordergrund. Entscheidend ist die Art und Weise, wie Kommunen die Quartiersentwicklung in den gesamtörtlichen Kontext integrieren und wie kreativ und mutig sie mit planerischen und gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die Intensität und Tiefe der Konzeptionen zwar sehr unterschiedlich sind, der Erfolg einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme sich jedoch oft daran ablesen lässt.

In den letzten Jahren vollzieht sich zurecht ein Wandel. Entwicklungskonzepte werden zunehmend im Prozess entwickelt und fortgeschrieben. Sie unterliegen dem dynamischen Einfluss gesellschaftlicher Themenstellungen, die oft kontrovers diskutiert werden. Dies führt zu aufwändigen Abstimmungswegen, ist aber wichtig, um eine nachhaltige Wirkung für das Quartier und den Gesamtort zu erzielen.

Stadtentwicklung zu betreiben ist eine langfristige und andauernde Aufgabe, die Dauer von Sanierungsverfahren beträgt rund acht bis zwölf Jahre.

Der Mehr-Wert: Was bringen Entwicklungskonzepte in der Stadterneuerung?

Sie bringen mehr Qualität durch mehr fachliche Reife, mehr Transparenz, mehr Integration und (idealerweise) mehr Akzeptanz. Die in der Städtebauförderung Baden-Württemberg fest verankerte Bürgerbeteiligung führt zu abgestimmten lokalen Lösungen. Der interdisziplinäre Ansatz führt zu einer ganzheitlichen Sicht auf das Quartier und damit (zwangsweise) zu weniger Standardlösungen.

Der Noch-Mehr-Wert: Was sind aktuelle und künftige Herausforderungen?

Stadtentwicklung zu betreiben ist eine langfristige und andauernde Aufgabe, die Dauer von Sanierungsverfahren beträgt rund acht bis zwölf Jahre. Zwischen dem, was Bund und Länder flächendeckend fordern und dem, wie Kommunen lokal und einzelfallbezogen agieren, bestehen natürlich immer wieder Diskrepanzen. Die dynamischen Prozesse der Stadtentwicklung können nicht ständig und exakt mit Sanierungsverfahren und daraus erwachsenden Anforderungen in Einklang gebracht werden.

So positiv die Einbeziehung von Entwicklungskonzepten in die Stadterneuerung auch ist, so ehrlich sollte festgehalten werden, dass die „Langzeitwirkung“ im Quartier noch nicht erhoben ist und die spannende Qualitätsdiskussion gerade erst beginnt– die Erfahrungen mit laufenden Maßnahmen lassen Erfreuliches erhoffen.

„Wenn wir uns einmal die Wechselwirkungen in einem Ballungsraum vor Augen halten, so sehen wir, daß es eigentlich unmöglich ist, Einzelbereiche getrennt für sich zu planen oder zu entwickeln.“

aus: „Unsere Welt – ein vernetztes System“, Prof. Dr. h.c. Frederic Vester