Magazin für zeitgemäßes Wohnen

"Wohnungen werden für Generationen gebaut“

Lange galt die Devise „Deutschland ist gebaut“. Welch gravierende Fehleinschätzung! Statt gemächlicher und architektonisch ansprechender Nachverdichtung der Wohnungsbestände im Innenbereich der Städte steht angesichts der Zunahme der Bevölkerung seit 2011 in Deutschland um rund 2,5 Millionen Menschen in vielen Regionen und Städten die Organisation dynamischer Wachstumsprozesse im Vordergrund.

Wohnungen werden nicht nur für die nächsten Jahre, sondern langfristig für nachfolgende Generationen gebaut. Die Bau- und Wohnungspolitik war zu kurz gedacht und der Wohnungsbau fiel den kurzfristigen Einsparungszwängen bei der sozialen Wohnraumförderung nach der Finanzkrise 2008/2009 zum Opfer. Darüber hinaus hat sich der Bestand an sozialen Wohnungen in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren halbiert und ruft bei deutlich gestiegener Wohnungsnachfrage einen massiven Engpass an bezahlbarem Wohnraum gerade in urbanen Wohnungsmärkten hervor. Einige Bundesländer und Großstädte haben sich zudem von Wohnungsunternehmen mit großen Mietwohnungsbeständen getrennt. Die fehlenden Wohnungen, die in den Jahren 2011 bis 2014 bei noch vorhandenen Kapazitäten der Bauwirtschaft zu deutlich moderateren Bau- und Grundstückskosten hätten gebaut werden können, lassen sich unter den nun angespannten Rahmen- und Marktbedingungen kurzfristig nicht mehr auffangen.

Nicht wegschauen!

Der Wohnraummangel ist kein soziales Randthema mehr, sondern längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Der ländliche Raum ist inzwischen in wirtschaftsstarken Teilräumen ebenso betroffen wie das städtische Umland und die Ballungszentren. Wegschauen ist angesichts der überall wachsenden Engpässe, überproportional steigender Miet- und Kaufpreise und der Vielzahl an Wohnungssuchenden, die entweder ins Umland ziehen oder auf immer kleiner werdenden Fläche nwohnen, nicht mehr möglich. Die nicht gelösten Wohnungsmarktprobleme in den Städten werden durch zusätzlich steigende Pendlerbeziehungen auf den Verkehrssektor abgewälzt. Und auch Arbeitgeber spüren die Konsequenzen des Wohnungsengpasses bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter.

Der Wohnraummangel ist kein soziales Randthema mehr, sondern längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen.

Fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät

Städte und Kommunen als Träger der Bauleitplanung sind massiv gefordert – und teilweise überfordert. Neben fehlendem Personal in den Bauämtern, Flächennutzungsplänen aus den 1970er- und 1980er-Jahren bleiben die Neu- und Umbauaktivitäten oft deutlich hinter dem Wohnraumbedarf zurück. Ausnahmen bestätigen die Regel. In vielen politischen Gremien fehlt es zudem an Weitblick, Mut und beherztem Zupacken. „Nicht nachlassen, sondern wir bauen weiter“ muss wie in vorherigen Generationen die zukunftsgerichtete Devise für Bürgermeister in angespannten Märkten lauten. Doch die langen Vorlaufzeiten für die Planung, Genehmigung und Bauphasen lassen kurzfristig keine Entlastung erwarten. In vielen Märkten ist es fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät.

Städte und Kommunen müssen wieder entschlossen eine aktive Grundstücks- und Baulandpolitik verfolgen. Neben der Verdichtung im Bestand muss der Schwerpunkt auf die gezielte und zeitnahe Baulandgewinnung im Außenbereich gelenkt werden.Der alleinige Blick auf das jeweilige Gemeindegebiet der Stadt bzw. Kommune stößt in vielen Ballungsräumen angesichts immer kleiner werdender Gestaltungsspielräume sowie wachsender Pendlerbeziehungen an Grenzen. Die Zukunft gehört der integrierten Siedlungs-, Verkehrs- und Infrastrukturplanung mit interkommunaler und regionaler Kooperation in vernetzten Wohnungsmärkten.

Tobias Koch, Principal der Prognos AG, November 2018

Nicht nachlassen, sondern wir bauen weiter.

Prognos trendletter

Der Prognos trendletter® ist das offizielle Magazin der Prognos AG für Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Prognos-Experten berichten darin für neue Studienergebnisse und zeigen Konzepte für die Aufgaben von morgen. Die Themen sind so vielfältig wie die Expertise von Prognos. Das Magazin erscheint halbjährlich.

Der trendletter 02/2018 mit dem aktuellen Schwerpunkt „Arbeiten, Wohnen und Pendeln" erscheint voraussichtlich am 26. November 2018. Die Themen sind eng miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig. Viele Menschen in der Stadt und auf dem Land sind zunehmend belastet – sei es durch das teure Wohnen, das lange Pendeln oder die Sorge um Abwanderung und Überalterung.

Der neue trendletter stellt kreative Initiativen und innovative Projekte vor, mit denen die Balance zwischen Arbeiten, Wohnen und Pendeln wieder hergestellt werden könnte.

Lesen Sie mehr auf: www.prognos.com/trendletter Kontakt: trendletter@prognos.com

Der Text „Wohnungen werden für Generationen gebaut“ ist eine Vorabveröffentlichung aus dem trendletter „Vom Arbeiten, Wohnen und Pendeln“ (02/2018) der Prognos AG. Inhaltliche und redaktionelle Änderungen bleiben vorbehalten.