Magazin für zeitgemäßes Wohnen

"Es braucht gelebte Beispiele"

Mehrgenerationenhäuser, Senioren-WGs, Wohnungen für Alleinerziehende, Gemeinschaftsprojekte oder Single Units: Was brauchen wir, um den Wohnungsmarkt in Deutschland wieder zu entspannen? Darüber diskutieren Susanne Dürr, Expertin für Stadtentwicklung, und Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027 in Stuttgart. Soviel sei verraten: Sie schauen ganz genau hin, schätzen Gemeinschaft und konfrontieren die Verantwortlichen der Wohnungsbaubranche mit Behäbigkeit und fehlenden Ideen.

Was macht aus Ihrer Sicht zeitgemäßes Wohnen aus?

Andreas Hofer (AH): Zeitgemäß ist für mich gleich zeitgenössisch. Ich muss hinschauen, was die Bedürfnisse der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind. Nur dann kann ich als Architekt oder Bauherr angemessen agieren.

Susanne Dürr (SD): Welche Herkunft haben die Leute, welches Einkommen und Alter? Das sind entscheidende Fragen. Wichtig finde ich es auch, die gesellschaftlichen Realitäten nicht immer nur negativ zu bewerten. Egal ob die Einfamilienhäuser oder die zunehmenden Einzelhaushalte: All das bietet auch viel Potenzial, neue Wohnformen daraus abzuleiten.

Schätzen die wichtigen Akteure – von Investoren bis zur Politik – die aktuelle Lage am Wohnungsmarkt richtig ein?

SD: Nein, aus meiner Sicht orientieren sich die Verantwortlichen noch zu stark am vermeintlichen Standard. Ja, gute Alternativen bestehen zu den gängigen Wohnmodellen. Es braucht einfach mehr gelebte Beispiele und nicht nur die vielzitierten Leuchtturmprojekte.

AH: Die Zeiten, in denen wir um alternative Lebensmodelle kämpfen mussten, sind vorbei. Doch ist der Wohnungsmarkt aktuell so spekulativ getrieben, dass weiter immer Gleiches angeboten wird. Das soll heißen: Wer auf der Suche ist, nimmt den Wohnraum, den er kriegen kann – welche Form es ist, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

SD: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Da alles genommen wird, entsteht kaum Innovationsdruck auf die Anbieter von Wohnraum. Der Markt ist gezwungenermaßen unkritisch.

Der Begriff Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle. Ist das eine nachhaltige Form von zeitgemäßem Wohnen? Das verstärkte Zusammenleben mit anderen?

SD: Der Begriff der Gemeinschaft ist für mich sehr differenziert zu betrachten. Manchmal mutet er fast wie eine heilige Kuh an. Oder als eine Form der Zwangsbeglückung. Wenn ich mir unsere Lebenswirklichkeit anschaue – jeder ist mobil, es gibt viele Pendler, viele Scheidungen, man ist oft auf sich allein gestellt – dann kann eine informelle Gemeinschaft sehr gut sein für die Organisation meines eigenen Lebens. Doch bringt sie auch viel Verantwortung mit, es braucht Regeln, um miteinander zu leben.

AH: Was aus meiner Sicht eindeutig für Wohngemeinschaften spricht, ist die Grundidee jeder Genossenschaft: Zusammen ist einfach mehr möglich als alleine. Als Genossenschaftsmitglied kaufe ich mir über Anteile das Mitspracherecht an der Gestaltung meines Wohnraums ein. Gleichzeitig kann ich es als Wahlverwandtschaft auf Zeit betrachten. Denn gebe ich meine Anteile zurück, kann ich jederzeit aus dieser Gemeinschaft wieder aussteigen.

Susanne Dürr, Expertin für Stadtentwicklung, und Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027, diskutieren darüber, was gebraucht wird ,um den Wohnungsmarkt in Deutschland zu entspannen.

Susanne Dürr, Expertin für Stadtentwicklung, und Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027, diskutieren darüber, was gebraucht wird ,um den Wohnungsmarkt in Deutschland zu entspannen.

Wie stehen Städte und Kommunen gegenüber Genossenschaften?

SD: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Städte wie Tübingen, die andere Organisationsstrukturen und damit diese Form des Zusammenlebens sehr stark unterstützen, andere haben das noch nicht so im Fokus.

AH: Das hängt stark von den Eigentumsverhältnissen im Wohnungsmarkt ab. In Zürich sind beispielsweise 25 Prozent der Wohnungen im Besitz von Genossenschaften und der Kommune und somit dem Markt entzogen. Wenn Städte Flächen meistbietend verkaufen, dann sind diese Flächen weg. Die bekommen sie nicht zurück. Gerade in Zeiten mit sehr hohen Boden- und Immobilienpreisen zeigt sich, wie wichtig ein großer Anteil langfristig bezahlbarer Wohnungen ist. Im Moment besteht die Gefahr, dass ganze Bevölkerungssegmente keinen Zugang mehr zur Stadt haben. Das ist eine absolut antidemokratische Entwicklung!

SD: Was andererseits sehr erfreulich ist, ist, dass der Fokus beim Städtebau vermehrt auf die Quartiersentwicklung gelegt wird und Insellösungen abnehmen. Dabei muss man sich bewusst sein, dass lebendige Quartiere nicht vom Himmel fallen – egal, ob mit genossenschaftlicher Hilfe organisiert oder nicht. Sie brauchen Arbeit und Pflege. Und Ziele, die immer wieder neu justiert werden müssen.

Neben den Baugenossenschaften haben auch private Baugemeinschaften immer mehr Zulauf. Wie stehen Sie dazu?

SD: Alles hat seinen Platz, würde ich sagen. Im Vergleich zu Genossenschaften haben private Baugemeinschaften meist kleinere Dimensionen. Oft geht es hier auch weniger um die Quartiersentwicklung als mehr um das eigene Kapital und die eigene Traumwohnung.

AH: Ich denke, man muss auch die Förderung solcher Projekte kritisch hinterfragen. Warum soll ich einer privaten Baugemeinschaft günstiges Bauland anbieten? Was hat das Quartier davon?

SD: Ja, die Frage nach dem öffentlichen und privaten Sinn ist zulässig. Aber es gibt innerstädtisch auch Flächen, die für Genossenschaften zu klein und für Einzelpersonen zu groß sind. In einem solchen Fall machen private Baugemeinschaften für mich sehr viel Sinn und leisten auch einen Beitrag zum Quartier.

AH: Das stimmt. Ein weiterer kritischer Aspekt sind allerdings die Besitzverhältnisse und damit die Nachhaltigkeit. Privater Wohnungsbesitz ist spätestens wenn er in Erbengemeinschaften übergeht, vom spekulativen Verkauf bedroht.

Dabei muss man sich bewusst sein, dass lebendige Quartiere nicht vom Himmel fallen.

Das heißt, Sie sind für 100 Prozent Baugenossenschaften?

AH: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Ich bin ein großer Fan dieses Modells. Das würde auch die Bodenfrage lösen und Platz für ausreichend Sozialwohnungen schaffen.

SD: 100 Prozent dafür, das hieße ich bin heute Vegetarierin und morgen vegan. [lacht] Aber ja, grundsätzlich ist das Themas Boden neu zu ordnen und das wäre über mehr Genossenschaften sehr gut möglich. Ich denke, ich tendiere auch zu 100 Prozent.

Kommen wir noch konkreter zu einzelnen Wohnformen: Wie wichtig sind Cluster-Wohnungen als zeitgemäßes Modell?

SD: Für mich führen wir an der Stelle eine Ersatzdiskussion. Cluster-Wohnen wird so lange fokussiert werden, bis es sich im Immobilienmarkt kommerzialisieren lässt. Aber es löst nicht die Grundfrage: Welche Bedürfnisse haben die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen rund um ihren Wohnraum? Was ist wirklich nachhaltig – auch mit Blick auf mehrere Generationen?

AH: Cluster-Wohnungen sind eine Möglichkeit, der großen Zahl von Kleinhaushalten eine gemeinschaftliche und relativ flächensparende Wohnformanzubieten. Es stellen sich allerdings bei der Vermietung und Bewirtschaftung ganz neue Fragen für die Verwaltungen. Wie wähle ich die Mieter für Cluster-Wohnungen aus? Wie hoch wird die Fluktuation sein? Welche Mietverträge brauche ich für die gemeinsame Fläche? Solche Fragen lassen Investoren vorerst zögern, sie schauen aber genau auf die Erfahrungen, die in den Wohnexperimenten gemacht werden.

Was ist wirklich nachhaltig – auch mit Blick auf mehrere Generationen?

Cluster-Wohnen – Wohngemeinschaft in neuer Form

Cluster-Wohnungen sind eine Mischung aus WG und Wohnung. Jeder Bewohner hat eigene Räume, dazu kommen Gemeinschaftsbereiche wie eine Küche, die von allen genutzt werden können. Doch anders als bei der klassischen WG verfügen auch die eigenen Räume über Bad und Küchenzeile. Damit können alle Bewohner individuell entscheiden, wie stark sie sich an der Gemeinschaft beteiligen.

Was braucht der Wohnungsmarkt also? Wie lösen wir die Frage nach den richtigen Wohnformen?

SD: Es sollte auf ein möglichst diversifiziertes Angebot hinauslaufen. Und zwar nicht nur architektonisch. Wir brauchen auch Organisatoren, die Quartiere lebendig halten und weiterentwickeln. Damit meine ich Gemeinschaft durch Begegnung, Waschsalon-Werkstätten und ähnliches. Wie schon mehrfach angedeutet, geht es gar nicht nur um die Wohnung. Sie allein kann nicht leisten, was unsere Gesellschaft für das Wohnen und Leben braucht.

AH: Wir stehen vor einer neuen typologischen Aufgabe: Noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es eine Gesellschaft, die aus so vielen Einzelhaushalten bestand wie unsere heutige. In den Städten reden wir hier von über 50 Prozent. Dies wird sich voraussichtlich nicht mehr ändern und braucht völlig neue Antworten des Wohnungsmarkts.

SD: Ich schließe mich dem an: Wir brauchen ein typologisches Studium. Erschwert wird es allerdings dadurch, dass kaum Prognosen möglich sind. Lange galt unsere Gesellschaft als alternd und schrumpfend, jetzt sind wir das wohl gar nicht mehr. Es ist ein ständiger Prozess, dem wir gerecht werden müssen – mit immer kürzeren Zyklen. Das führt zu einergroßen Beliebigkeit: Hier und da reagiert man auf bestimmte Bedürfnisse, aber die Idee fürs große Ganze fehlt. Noch...

Im Gespräch haben Susanne Dürr und Andreas Hofer drei Projekte genannt, die aus ihrer Sicht exemplarisch für zeitgemäßes Wohnen stehen.

Zukunftsfähige Beispiele für zeitgemäßes Wohnen

Belegungsvorschrift in Zürich

Um eine haushälterische Nutzung der Ressource Wohnraum zu fördern, gelten bei den meisten Genossenschaften und im kommunalen Wohnungsbau seit langer Zeit Belegungsvorschriften. Das heißt, wenn sich die Anzahl der Bewohner einer Wohnung reduziert – weil beispielsweise die Kinder ausziehen – bekommen die verbleibenden Bewohner eine Auswahl an kleineren Wohnungen angeboten. Wer sich weigert umzuziehen, muss mit einer Kündigung rechnen. Das mag nach einer drastischen Vorgehensweise klingen, ist aber eine mögliche Strategie den knappen Wohnraum zu regeln.