Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Karlsruhe und Friedrichshafen: Neue Wohnformen

Über die MiKa

MieterInneninitiative Karlsruhe Wohnungsgenossenschaft eG

1997 gegründet, hatte der Zusammenschluss mehrerer Wohninitiativen zum Ziel, die vom Abriss bedrohten Smiley Barracks in Karlsruhe in sozial gebundenen Wohnraum umzuwandeln. Die Bewohner wollten ihre Wohnungen selbst gestalten, viel Raum zur individuellen und gemeinschaftlichen Entfaltung sollte verwirklicht werden. Eigenkapital wurde in Form von Genossenschaftsanteilen durch die wohnenden Mitglieder eingebracht. Geringe Umbaukosten, eine gute Bausubstanz und viel Selbsthilfearbeit machen das Projekt bis heute wirtschaftlich tragfähig. Heute leben in 86 Wohneinheiten mehr als 200 Menschen.

MiKa: "Es funktioniert!"

Wohnraum muss nicht immer nach etablierten Konventionen gestaltet und verwaltet werden. Das beweisen zwei außergewöhnliche Wohn- und Kulturprojekte in Friedrichshafen und Karlsruhe. Beide eint, dass sie zum Nachdenken oder Nachahmen anregen. Denn sie werfen die Frage auf: Was braucht es eigentlich wirklich zum Leben und Wohnen?

Eigeninitiative ist kein Muss für die Mitglieder der MiKa. Doch hat ein hohes Maß an Engagement das Projekt überhaupt Wirklichkeit werden lassen. „Wir erwarten schon, dass die Bewohner Lust haben auf diese Wohnform“, sagt Matthias Schmeling, der sich im Aufsichtsrat der Genossenschaft engagiert. Allein wegen der günstigen Mieten sollte man also nicht kommen.

Man muss auch viel Zeit haben für so ein Projekt.

„Wir hatten das Glück, dass für die MiKa sehr kompetente Menschen mit ganz unterschiedlichen Talenten zusammengefunden haben“, erinnert sich Sabine Skubsch. Sie ist seit der ersten Stunde engagierte Bewohnerin. „Man muss auch viel Zeit haben für so ein Projekt. Wir sind basisdemokratisch organisiert. Entscheidungen brauchen auch mal eine Weile.“

Ein Leuchtturm für die Region, auch zukünftig

Anfänglich hatte die MiKa auch mit Vorbehalten zu kämpfen. „Mittlerweile haben wir aber längst bewiesen, dass unser Projekt funktioniert“, so Schmeling. Mehr noch, die MiKa hat längst eine Leuchtturmfunktion für die Region und wurde über die Jahre vielfach ausgezeichnet. „Wir wollen aber nicht immer nur gelobt werden“, ergänzt Skubsch. „Wir wünschen uns, dass die Politik daraus Konsequenzen zieht und zukünftig mehr solcher Projekte ermöglicht.“

Mehr als 200 Menschen bewohnen die MiKa-Wohnungen. Da viele bereits über 50 Jahre alt sind, ist Wohnen im Alter ein hochaktuelles Thema für die Mitglieder der Wohninitiative.

Mehr als 200 Menschen bewohnen die MiKa-Wohnungen. Da viele bereits über 50 Jahre alt sind, ist Wohnen im Alter ein hochaktuelles Thema für die Mitglieder der Wohninitiative.

Apropos Zukunft: Auch in der MiKa ist der demografische Wandel ein Thema. Ein Großteil der Bewohner ist mittlerweile über 50. Gemeinschaftlich erörtern sie, wie man im Alter zusammenleben möchte. Dabei eint die Mitglieder das gemeinsame Ziel, auch künftig in der MiKa wohnen bleiben zu wollen. „Damit nicht jeder einzeln seinem Schicksal entgegengeht“, so Sabine Skubsch. Welche baulichen Veränderungen sind dazu nötig? Man denke zum Beispiel an Treppenlifte oder barrierefreie Badezimmer. Im Hinblick auf die denkmalgeschützten Gebäude kommt zum Bedarf noch die Frage der Realisierbarkeit hinzu.

Der gemeinschaftliche Zusammenhalt bietet dabei viele Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung. So wurde kürzlich die erste Alters-WG von drei Bewohnerinnen gegründet. Auch über einen genossenschaftlich organisierten Pflegedienst wird diskutiert. Die Überlegungen zur Zukunft der MiKa enden aber nicht mit dem Lebensweg der jetzigen Bewohner. „Diese Fragen werden uns die nächsten Jahrzehnte begleiten. Aber wir wollen natürlich auch, dass die MiKa für künftige Generationen bestehen bleibt.“

Über die Blaue Blume

Die Blaue Blume e.V.

Von Studierenden als Wohn- und Kulturprojekt gegründet, sucht der Verein nach neuen Wegen, um Wohn- und Stadtraum mitzugestalten. Die Bewohner leben in umgerüsteten Bauwagen. Küche, Bad und WC sind als gemeinschaftlich genutzte Räume in umgebauten Omnibussen untergebracht. Neben viel Eigenleistung und Engagement finanziert sich der Verein hauptsächlich über Spenden. Wer die Blaue Blume unterstützen möchte, findet alle Informationen zum Projekt unter www.dieblaueblume.org.

Die Blaue Blume: Stadt- und Wohnraum mitgestalten

„Grenzen zu überschreiten oder Vorschriften zu missachten war für uns nie Selbstzweck“, sagt Louisa Deinhart, die dem Verein nach der Gründungsphase beitrat und selbst im Bauwagen wohnt. Nach dem Start auf einer privaten Obstwiese hat das anfängliche Studierendenprojekt mittlerweile einen neuen Standort am Heizhaus im Fallenbrunnen, inklusive der erforderlichen Genehmigungen.

„Es geht darum, als Bewohner Stadt- und Wohnraum mitzugestalten. Außerdem eint uns das grundlegende Interesse an einem anderen Wohnen, näher am Draußen.“ Die meisten Gründungsmitglieder der Blauen Blume kamen wegen des Studiums in die Stadt am Bodensee. Politisch und kulturell hatte Friedrichshafen ihrer Meinung nach wenig zu bieten für junge Leute. „Es fehlte einfach der geeignete Freiraum“, so Deinhart.

Vorurteile halten sich vor Ort nicht lange

Für viele Passanten und Nachbarn ist die Neugierde auf das Wohnprojekt ein Impuls, der Blauen Blume einen Besuch abzustatten. „Klar, das ist ein Anziehungspunkt“, so Louisa Deinhart. „Da wird man häufig mit intimen Fragen konfrontiert: Wie oft duschst du? Wo wascht ihr eure Wäsche? Seid ihr alle arbeitslos?“ Anfänglich gibt es also durchaus Vorurteile. Aber vor Ort ändert sich das dann schnell. „Wir kommen mit den Leuten ins Gespräch. Die Blaue Blume bringt Menschen zusammen.“

Das Projekt zeigt uns, was in Bezug auf das eigene Zuhause alles möglich ist.

Die Wohnsituation ist mitunter herausfordernd, aber auch darum geht es im Projekt. „Es zeigt uns, was in Bezug auf das eigene Zuhause alles möglich ist. Man entwickelt Eigeninitiative und übernimmt Verantwortung“, meint Louisa Deinhart. Auch wenn Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit als zentrale Erfahrungen im Mittelpunkt stehen, die Auseinandersetzung mit geltendem Baurecht hat allen Beteiligten viel Durchhaltevermögen abverlangt. Das Genehmigungsverfahren zog sich über zwei Jahre hin.

Bauwagen wurden zu Neubauten

Die zuständigen Behörden waren dabei durchaus wohlwollend. Am geltenden Recht führte dennoch kein Weg vorbei. So mussten die Bauwagen beispielsweise wie Neubauten behandelt werden, einfach weil sie dauerhaft an Ort und Stelle bleiben sollen. „Das Baurecht ist für Laien recht unzugänglich“, so Louisa Deinhart. „Wir haben viel wertvolle Hilfe von ehrenamtlichen Unterstützern erhalten. Auch der Architektenkammer Baden-Württemberg haben wir sehr viel zu verdanken.“

Und in Zukunft? Ist für die Blaue Blume noch viel Luft nach oben, findet Louisa Deinhart. Die Genehmigung für das Wohnprojekt ist zeitlich be- grenzt. Außerdem ist das jetzige Gelände nicht optimal. „Ganz all- gemein wünschen wir uns, dass die rechtliche Lage so angepasst wird, dass man als Bürger mehr Möglich- keiten hat, Stadt mitzugestalten.“

Natürlich ist so eine Wohnsituation herausfordernd, aber eben auch etwas sehr besonderes. Man entwickelt Lösungen auf dem Weg und lernt viel Neues dazu.

Louisa Deinhart, lebt als Bewohnerin der Blauen Blume in Friedrichshafen in einem umgebauten Bauwagen

Zwei Jahre dauerte das Genehmigungsverfahren, bis die umgebauten Bauwagen und Omnibusse der Blauen Blume geltendes Baurecht erfüllten. Für die Zukunft habe das Projekt „noch Luft nach oben“, sagen die Bewohner.

Zwei Jahre dauerte das Genehmigungsverfahren, bis die umgebauten Bauwagen und Omnibusse der Blauen Blume geltendes Baurecht erfüllten. Für die Zukunft habe das Projekt „noch Luft nach oben“, sagen die Bewohner.

Kurz & bündig

Die Blaue Blume in Friedrichshafen und die MiKa MieterInneninitiative Karlsruhe zeigen, dass es Alternativen zu etablierten Wohn- und Besitzstandsformen gibt. Sicher, eine sehr reduzierte Form des Wohnens, wie sie die Blaue Blume anstrebt, ist nicht pauschal für jeden zur Nachahmung empfohlen. Und die genossenschaftliche Selbstverwaltung, wie sie in der MiKa gelebt wird, mag sich nicht so einfach an anderer Stelle wiederholen lassen. Doch beide Projekte regen mindestens zum Nachdenken an. Sie zeigen, nicht zuletzt durch ihren erfolgreichen Verlauf, dass sich abseits etablierter Pfade eigene Wege finden lassen. Damit die Frage nach der richtigen Wohnform individuell und jenseits gängiger Konventionen beantwortet werden kann.

Interview mit Architekt Dietmar Kathan

Dietmar Kathan, Architekt aus Friedrichshafen, hat die Blaue Blume ehrenamtlich unterstützt. Für ihn eine Selbstverständlichkeit – und eine Erfahrung, die zum Nachdenken anregt.

Herr Kathan, wie kamen sie bei der Blauen Blume ins Spiel?

„Markus Müller und Johann Senner haben das Projekt anfangs betreut, das habe ich dann gerne ehrenamtlich übernommen. Wir waren hauptsächlich beim Baugesuch beratend tätig.“

Ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Wohnprojekt, oder?

„Hauptsächlich waren das ganz normale Prozesse der Abstimmung mit Bauherren und Behörden. Die Herausforderung war eher, dass sich eine Gruppe junger Menschen, die es gewohnt sind, freier zu denken und zu leben, an die Gegebenheiten eines Baugesuchverfahrens anpassen musste. Für mich ein Anlass, selbst über Dinge wie Wohnbedürfnisse und Genehmigungsverfahren nachzudenken.“

Zum Beispiel?

„Mehr Gelassenheit würde uns glaube ich guttun. Auch eine Rückbesinnung auf wirkliche Bedürfnisse würde ich mir wünschen. Wir bauen immer besser und teurer, mit immer mehr Komfort. Bei der Blauen Blume dagegen ging es um Fragen wie: Muss der gemeinschaftlich genutzte Toilettenwagen unbedingt beheizt sein? So ein reduziertes Wohnen funktioniert sicher nicht für jeden. Aber es wirft die richtigen Fragen auf.“

Faktenlage

Blaue Blume

  • Fertigstellung: 2018

  • 16.000 EUR Gesamtzahlungen an die Stadt Friedrichshafen für Baugenehmigung und -umsetzung

  • Miete: Das Wohnprojekt der Blauen Blume zahlt Miete für das Grundstück an die Stadt Friedrichshafen.

  • Bauherrin: Die Blaue Blume e.V.

  • Architekten: Markus Müller, MAP Architekten, Meckenbeuren; Dietmar Kathan, GMS Architekten, Friedrichshafen (ehrenamtlich, Kammergruppe Bodenseekreis)

  • Landschaftsarchitekt: Johann Senner, Planstatt Senner, Überlingen (ehrenamtlich, Kammergruppe Bodenseekreis)

Bauliche Besonderheiten:

  • 8 umgebaute Bauwagen

  • 2 gemeinschaftlich genutzte, umgebaute Omnibusse für Gemeinschaftsräume (Küche, Bad, WC)

MiKa

  • Fertigstellung: 2002

  • Gesamtumbaukosten: ca. 7,7 Mio. EUR / ca. 511 EUR/m2

  • 86 sozial gebundene Wohneinheiten mit 1 bis 8 Zimmern und ca. 50 bis 200 Quadratmetern Wohnfläche

  • Unterstützung aus Landeswohnraumförderprogramm

  • Miete: 5,20 EUR/m2 (kalt)

  • Konzeption und Entwurf: MiKa Bauplanungsgruppe und spätere Bewohner

  • Bauherrr: MiKa Mieterdinneninitiative Karlsruhe eG

  • Planung und Bauleitung: archis Architekten+Ingenieure GmbH, Karlsruhe

Bauliche Besonderheiten:

  • 4 denkmalgeschützte, ehemalige Wehrmachtsgebäude, Baujahr 1938/39

  • 1 Kultur und Gemeinschaftshaus mit Multifunktionsräumen, Büros und Gaststätte mit Biergarten