Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Mannheim: Konsens statt Kommandos

Kurz & bündig

Basis des Projektes ist die Entscheidung der Stadt Mannheim, die ehemals militärisch genutzten Flächen für die Stadtentwicklung zu nutzen. In einem Prozess mit starker Bürgerbeteiligung entstanden Projekte wie „13haFreiheit“. 50 Erwachsene und 15 Kinder leben dort ihre Vision vom kostengünstigen und gemeinschaftlichen Wohnen. „Mit unserem Projekt setzen wir ein Signal gegen die zunehmende Vereinzelung und soziale Kälte in unserer Gesellschaft“, sind die Initiatoren überzeugt. Sie sind in einem Verein organisiert und zusammen mit der Mietshäuser Syndikat GmbH Eigentümer der Immobilie. Sämtliche Entscheidungen werden im Plenum und in Arbeitsgruppen beraten, bis alle erwachsenen und jugendlichen Bewohner einverstanden sind.

Das Projekt „13haFreiheit“

Nein, ein Projekt wie jedes andere ist „13haFreiheit“ nicht. Es beginnt mit dem Ort. Und endet bei den Menschen: Wo einst militärische Kommandos über den Kasernenhof schallten, verwirklichte 2016 eine bunt gemischte Gruppe mutiger Menschen ihren Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen.

Generationen von Mannheimern kennen das Gelände, auf dem „13 ha Freiheit“ liegt, unter dem Namen Turley-Barracks. Um 1900 als Kaiser-Wilhelm- Kaserne erbaut, wurde das Areal ab 1945 von der US-Armee genutzt. Militärischer Drill und strenge Kommandos beherrschten also lange Zeit das Geschehen. Bis die Stadt Mannheim die Gelegenheit nutzte, die sich durch den Abzug der Amerikanervor mittlerweile elf Jahren ergab: Unter Oberbürgermeister Peter Kurz wurde eine groß angelegte Initiative gestartet, die die ehemaligen Militärflächen als Chance für die Stadtentwicklung verstand.

Mannheimer Konversionsflächen

Bis 2015 sind in Mannheim über 300 Hektar ehemalige Militärflächen frei geworden. Ein Teil davon wird bereits zivil genutzt. Für die Stadt Mannheim ergeben sich durch die beachtliche Größenordnung neue Chancen für die Stadtentwicklung. Notwendige Potenziale für Gewerbe, Wohnen, Naherholung und Infrastruktur können so erschlossen werden.

Über 1.000 Ideen wurden dazu von der Stadt gemeinsam mit den Bürgern entwickelt. Diese hatten die Möglichkeit, ihre Vorstellungen in Initiativen undArbeitskreisen einzubringen. In einem Weißbuchprozess wurden Eckpunkte festgehalten, die bürgerschaftliche und städteplanerische Zielvorstellungen vereinen und auch Interessen von Investoren berücksichtigen. Attraktiv gemischte Wohn- und Arbeitsgebiete und Freizeitflächen sollen so integriert wie möglich geplant werden, um die Stadt grüner und offener zu gestalten und neue Qualitäten zu schaffen.

"Wir lernen jeden Tag dazu, niemand von uns ist zum gemeinschaftlichen Wohnen geboren."

Was unter anderem eine bunt gemischte Gruppe auf den Plan rief, die sich „marktbefreites, gemeinschaftliches Wohnen auf die Fahnen geheftet hat“, wie es Evelyn Beyer formuliert. Die Yogalehrerin und freiberufliche Journalistin ist eine der wesentlichen Kräfte von „13haFreiheit“. Nach dem Konzept des Mietshäuser Syndikat-Modells wurde ein Hausverein gegründet, in dem alle Bewohner Mitglieder sind. Eigentümer der Gebäude und Flächen ist die F13 Turley GmbH, deren beide Gesellschafter der Hausverein und die Mietshäuser Syndikat GmbH sind. Das Syndikat ist als Dachverband mit der Erfahrung von mittlerweile 132 derartigen Projekten ein wertvoller Partner für den Verein, der 2012 eine ausführliche „Konzeption für die Nachnutzung von ehemalig militärisch genutztem Mannheimer Raum“ vorlegte. „Auf Grundlage dieses Papiers und inspiriert von anderen Gemeinschaften wie zum Beispiel Schloss Tempelhofhaben wir im Juni 2014 begonnen, gemeinschaftlich unsere Vision zum Leben zu erwecken“, erinnert sich Evelyn Beyer an den Planungsprozess zurück.

Die sanierten Wohnungen sind sozial durchmischt. Junge und Ältere leben ebenso dort wie Menschenmit oder ohne Kinder, mit oder ohne Migrationshintergrund, mit oder ohne Handicaps. Gemeinsame Basis für alle auf Turley sind Solidarität, gegenseitige Hilfe und respektvolles Miteinander. Entstanden ist bezahlbarer und hochwertiger Wohnraum, der unter anderem nach folgenden Eckpunkten geplant wurde:

„Mit unserem Projekt setzen wir ein Signal gegen die zunehmende Vereinzelung und soziale Kälte in unserer Gesellschaft“, ist Evelyn Beyer überzeugt. Man lerne immer noch jeden Tag dazu, „schließlich ist niemand von uns zum gemeinschaftlichen Wohnen geboren“.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind erschwingliche Mieten. „Da unsere Immobilie Gemeineigentum bleibt, wird sie dem spekulativen Immobilienmarkt entzogen.“ Ursprünglich hatte man gehofft, mit einem sparsamen Umbau einen Mietpreis um die sechs Euro pro Quadratmeter verwirklichen zu können. „Leider sind die Baupreise explodiert und die Umbauten waren aufwändiger als gedacht.“ Da man nicht an der Qualität sparen wollte, pendelte sich der Quadratmeterpreis am Ende bei 7,60 Euro ein. „Das werden wir aber auf sehr lange Zeit halten. Schließlich kann niemand außer uns selbst die Miete erhöhen.“

Besonderheiten des Projekts "13haFreiheit"

  • Diversity: Wohnungsgrößen von 40 bis 160 Quadratmeter für WG‘s, Familien, Paare und Singles

  • Weitestgehende Barrierefreiheit

  • Nutzung ökologischer Materialien (Herkunft und Inhalt aller Materialien werden kontrolliert)

  • Denkmalschutzgerechte Instandsetzungsmaßnahmen

  • Gemeinschaftsräume für alle: Gemeinschaftsküche, großer Versammlungsraum, Gemeinschaftsbalkone, eine Werkstatt und ein Rollstuhl-/Fahrradkeller

  • Holzböden

  • Heizung mit Fernwärme

„Anfang 2010 machte sich eine Gruppe antikapitalistisch gesinnter Menschen aus Mannheim und Umgebung auf, das marktbefreite Wohnen auch in unserer Stadt zu etablieren.“

Die Betreiber von „13haFreiheit“ über die Anfänge des Projekts
Kurz & bündig

Die soziale Durchmischung ist bunt und vielfältig wie selten: Junge und Ältere leben auf einem ehemaligen Militärgelände nahe des Mannheimer Zentrums ebenso wie Menschen mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Migrationshintergrund, mit oder ohne Handicaps. Basis für das gemeinschaftliche Wohnen auf Turley sind Solidarität, gegenseitige Hilfe und respektvolles Miteinander. Entstanden ist bezahlbarer und hochwertiger Wohnraum. Sämtliche Entscheidungen werden von allen erwachsenen und jugendlichen Bewohnern gemeinsam getroffen – nach dem Einstimmigkeitsprinzip.

„Wir lernen jeden Tag dazu“

Evelyn Beyer über die praktischen Erfahrungen mit „13haFreiheit“:
Papier ist ja bekanntlich geduldig. Wieviel von dem, was Sie sich für „13ha Freiheit” vorgenommen haben, hat in der Praxis gehalten?

„Unser Projekt ist ein fortwährender Prozess. Sehr viel löst sich ein, vor allem was die gegenseitige Unterstützung und das Miteinander anbelangt. Und es kommen immer neue Ansätze dazu: Autoteilen ist ein Beispiel dafür, solidarische Landwirtschaft ein anderes. Auch die Idee des Gemeinschaftsraums für uns und das ganze Viertel entwickelt sich langsam.“

Rundum zufrieden?

„Wir könnten nach unserem Geschmack noch weiter sein. Die Theorie ist gut, die Umsetzung lebt, wandelt und entwickelt sich mit den Menschen. Da lernen wir jeden Tag dazu, niemand von uns ist zum gemeinschaftlichen Wohnen geboren.“

Was hat Sie am meisten überrascht?

„Man entscheidet sich sehr bewusst für ein solches Projekt.Trotzdem weiß man vorher nicht in allen Details, was auf einen zukommt. Für mich ist es wie eine Schule fürs Leben, mit Andersartigkeit umgehen zu lernen und sie auch annehmen zu können. Diesen Aspekt hätte ich so nicht erwartet.

Wie fallen Entscheidungen in Ihrer Gruppe, die ja immerhin 65 Menschen umfasst?

„Das ist immer ein Zusammenspiel von Plenum und den verschiedenen Arbeitsgruppen. Die prüfen alles sehr genau und erstellen Beschlussvorlagen. Wenn es im Plenum dafür keinen Konsens gibt, geht das Thema zurück in die Arbeitsgruppe.“

Also Einstimmigkeit als Grundpfeiler Ihres Konzeptes?

„So ist es. Das gemeinsame Wollen ist entscheidend für die Qualität des Projekts. Da braucht es volle Überzeugung, eine überstimmte Minderheit wäre kontraproduktiv.“

Das Plenum entscheidet auch über neue Bewohner?

„Ja. Und auch das ist nicht einfach. Die Warteliste ist lang.“

Ohne diese Zuschüsse hätten wir die ersten drei Häuser gar nicht bauen können.

Charta des Hausvereins 472 (ein Auszug)

1. Selbstverwaltung 

Wir alle tragen Verantwortung für unser Haus, sind Mieter/-innen und Vermieter/-innen zugleich. Die Übertragung von Aufgaben auf Einzelne begründet keine Hierarchie.

2. Gemeinschaftliches Leben

Wir wollen Gemeinschaft und Solidarität in Offenheit und Vielfalt leben. Unsere Gemeinschaft schließt Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, Neigungen und Einschränkungen ein. Jedes Lebensalter ndet bei uns seinen angemessenen und geschützten Raum. Die Individualität ist die Basis der Gemeinschaft, entsprechend respektieren wir die Privatsphäre und die Grenzen jedes/-r Einzelnen.

3. Kommunikation und Entscheidungsfindung

Wir wollen klar, offen und ehrlich miteinander reden. Durch die Berücksichtigung jeder Stimme kommen wir zu tragfähigen Entscheidungen nach dem Kon-sensprinzip. Wir nehmen Konflikte ernst und schaffen uns Räume, konstruktiv damit umzugehen.

4. Ökologie und Nachhaltigkeit

In unserer Gemeinschaft wollen wir die natürlichen Lebensgrundlagen schonen und nachhaltig mit ihnen umgehen. Dazu zählt, dass wir Vorhandenes weiter nutzen und gegebenenfalls reparieren, Dinge des täglichen Lebens miteinander teilen und wieder verwendbare Materialien verwenden.

5. Vernetzung

Wir verstehen uns als Teil eines gesellschaftlichen Wandels hin zu Solidarität, Vielfalt, Integration und Nachhaltigkeit. Unser Haus soll als Veranstaltungsort und Kommunikationsraum im Quartier und in der gesamten Region genutzt werden.

 

Faktenlage

13haFreiheit

Einzug: Frühjahr / Frühsommer 2016

Grundstück: 2.318 m2 (13 ha bezieht sich auf die Gesamtfläche des Turley-Geländes)

Wohnraum: 2.627 m2 für etwa 65 Menschen (ca. 50 Erwachsene plus Kinder)

Besonderheiten: Das Gelände liegt zentrumsnah, die Gebäude stehen unter Denkmalschutz

Gesamtkosten: 4,5 Mio. EUR

Bruttokosten Kostengruppe 300: 2.198.071 EUR

Bruttokosten Kostengruppe 400: 704.523 EUR

Miete: 7,60 EUR/m2

Bauherr: F13 Turley GmbH

Architekt: Mark Schütz von S09 Architekten in Mannheim