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Metzingen - Wohn(t)raum für Jung und Alt

Metzingen: Wohn(t)raum für Jung und Alt

Gut Ding will Weile haben! Dieser Satz war für Metzingens erste private Bauherrengemeinschaft „Wohn(t)raum Sannental GbR“ Programm. Ihr Projekt – das erste Mehrgenerationenhaus der Stadt – zog sich unerwartet über mehrere Jahre hin. Doch seit 2017 steht das innovative Gebäude, das Platz für 31 Wohnungen bietet.

Kurz & bündig

Seit 2017 hat Metzingen sein erstes Mehrgenerationenhaus – gebaut von der ersten privaten Baugemeinschaft der Stadt. In den 31 zentral gelegenen Wohnungen leben 69 Menschen mit dem Ziel, sich gegenseitig zu unterstützen und zu entlasten. Die Architektur fördert das Zusammenleben sowohl im Haus als auch im Quartier: So gibt es öffentlich nutzbare Gemeinschaftsräume genauso wie eine große Gartenanlage, eine Kindertagesgruppe und eine ambulant betreute Wohngemeinschaft der Bruderhaus-Diakonie. Ein weiteres Plus: Durch die Passivhausbauweise und weitere Energiesparmaßnahmen können die Bewohner trotz steigender Energiepreise kostengünstig wohnen.

Deutschlandweit gibt es laut Michael Giehrl heute mehr als 600 Mehrgenerationenhäuser, darunter 68 in Baden-Württemberg. „Jedes Haus hat sein eigenes Profil, das sich an den Strukturen und Besonderheiten des Ortes ausrichtet, an dem es sich befindet“, sagt das Gründungsmitglied der privaten Bauherrengemeinschaft „Wohn(t)raum Sannental GbR“.

Initiativ entstanden

Das Haus geht zurück auf eine Initiative des Oberbürgermeisters aus 2009. Ziel war es, die Bürger der Stadt aktiv in kommunale Planungs- und Entscheidungsprozesse einzubinden. Aus dieser Initiative entstanden mehrere Zukunftsteams. Eines davon beschäftigte sich mit dem Thema „Mehrgenerationenhaus als neue Wohnform in Metzingen“. Michael Giehrl wurde damals als Sprecher für das The- ma gewählt. „Ich war von der Idee begeistert. Als Schulleiter war ich gerade pensioniert worden und meine Frau und ich wollten unsere Wohn- und Lebensformen neu ausrichten. Ein Haus, in dem mehrere Generationen unter einem Dach leben, schien wie für uns gemacht.“ Schnell bildete sich aus dem Team eine Interessengemeinschaft, die das Thema weiter forcierte und fortan nach einem Grundstück zur Realisierung ihres „Wohntraumes“ Ausschau hielt. Doch noch mangelte es an zentral gelegenen Plätzen für das Vorhaben.

Von der Idee zur Planungsgesellschaft

2012 stellte der Gemeinderat der noch losen Interessengemeinschaft das Grundstück des ehemaligen Kindergartens in der Sannentalstraße und ein angrenzendes Gewerbegrundstück in Aussicht. „Damit wurde aus der Idee endlich ein konkretes Projekt“, so Giehrl. Um es voranzutreiben, holte sich die Gruppe mit citiplan einen professionellen Projektentwickler ins Boot.

Nach intensiven Gesprächen über die Philosophie, die Wohnungs- und entsprechende Kostenaufteilung, die Ausstattung und die Finanzierung des Mehrgenerationenhauses kam 2014 der nächste Meilenstein: Die Gründung einer Planungsgesellschaft, die später in die private Bauherrengemeinschaft überging.

Private Bauherren denken anders als professionelle Bauträger. Während bei Letzteren der kurzfristige Verkaufserfolg zählt, setzen die privaten Bauherren auf Langfristigkeit und Alltagstauglichkeit.

Albrecht Reuß, citiplan GmbH

Altersstruktur der Bewohner:

  • unter 25 Jahre: 30 Prozent

  • 25 bis unter 45 Jahre: 25 Prozent

  • 45 bis unter 65 Jahre: 15 Prozent

  • über 65 Jahre: 30 Prozent

„Vor allem jüngere Interessenten wollten nicht ins Blaue hinein einzahlen, bevor überhaupt klar wurde, wann der Bau Realität werden kann. Sie suchten kurzfristig nach Eigentum“, erzählt Albin Gugl. Der 69-Jährige ist ebenfalls Gesellschafter der ersten Stunde und war im Projekt insbesondere für die Finanzierung zuständig. Doch gerade die Jüngeren brauchte es, um die vorgesehene Altersdurchmi- schung für das Mehrgenerationenhaus zu erreichen. Um das Projekt voranzutreiben, gründete die Baugemeinschaft schließlich eine Grundstücks GbR, die die noch nicht verkauften Wohnungen übernahm. Teils kauften die Gesellschafter auch eine zweite Wohnung im Haus dazu. Außerdem wurden die bisherigen Einlagen verdoppelt. „Kaum starteten wir Anfang 2016 mit dem Bau, verkauften sich die Wohneinheiten fast von alleine“, sagt Gugl.

Energetische Bauweise zahlt sich aus

Die Bauzeit des „Wohn(t)raum Sannental“ betrug rund 17 Monate. Neben einem Bankdarlehen hat die private Baugemeinschaft das viergeschossige Gebäude teils über KfW-Mittel und Fördergelder des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) finanziert. Das Haus ist mit Photovoltaik-Elementen und Geothermie mittels Sole-Wärmepumpen ausgestattet, verfügt über dreifachverglaste Fenster sowie eine Fassadendämmung und erfüllt damit den KfW 40-Standard. Die energetische Bauweise macht sich laut Albin Gugl vor allem bei den Heizkosten bemerkbar. „Für die gesamte Wohnfläche von 3.000 Quadratmetern zahlen wir gerade einmal 6.000 Euro im Jahr.“

Gemeinschaftlich und doch individuell

Die 31 Wohnungen sind über Laubengänge und einen Aufzug barrierefrei zugänglich und zeichnen sich durch individuell gestaltete Grundrisse, lichtdurchflutete Räume und große Balkone aus. Auch die Ausstattung konnte abweichend vom gemeinsam beschlossenen Standard individuell gewählt werden. Ein zentral gelegener Gemeinschaftsraum und eine großzügige Gartenanlage unterstützen das generationenübergreifende Zusammenleben. Beides kann auch von der Nachbarschaft genutzt werden und stärkt so zusätzlich den Zusammenhalt im Quartier. Eine Kindertagesstätte mit aktuell neun Kindern unter drei Jahren und eine ambulant betreute Wohngemeinschaft mit geringfügig behinderten Menschen runden den Integrations- und Inklusionsgedanken des „Wohn(t)raum Sannental“ weiter ab. Derzeit leben 69 Menschen im Mehrgenerationenhaus. „Alltagskompetenzen und Erfahrungswissen über vier Generationen hinweg spielen bei uns optimal zusammen und fördern das Gemeinschaftsgefühl“, meint Michael Giehrl. Getreu dem Motto: Jüngere helfen Älteren und umgekehrt. Selbstorganisation, Solidarität, Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit, die Kerngedanken eines Mehrgenerationenhauses, werden hier einmal mehr gelebt.

Die architektonisch anspruchsvolle Fassadengestaltung wertet die Optik des Quartiers auf.

Die architektonisch anspruchsvolle Fassadengestaltung wertet die Optik des Quartiers auf.

Alltagskompetenzen und Erfahrungswissen über vier Generationen hinweg spielen bei uns optimal zusammen und fördern das Gemeinschaftsgefühl.

Michael Giehrl, Bewohner und Gesellschafter des „Wohn(t)raum Sannental“ in Metzingen

Zukunft ungewiss

Von den ehemals 20 Interessenten unterzeichneten nur acht den GbR-Vertrag für die Planung des Gebäudes mit 31 Wohneinheiten. Die Gesellschafter, allesamt über 60 Jahre alt, zahlten Einlagen von je 24.000 Euro auf ein Treuhandkonto ein, um eine erste Zwischenfinanzierung unter anderem für Architekten und Projektentwickler zu gewährleisten. Der Baustart war zu dieser Zeit noch ungewiss. Die Suche nach Gesellschaftern für die restlichen Wohnungen gestaltete sich entsprechend schwierig. Doch ohne diese Gesellschafter kein Baustart, das Projekt drehte sich im Kreis.

Faktenlage

Bau eines Mehrgenerationenhauses in Metzingen

  • Fertigstellung: 2017

  • Erstes Mehrgenerationenhaus, realisiert von erster privater Baugemeinschaft der Stadt

  • Bauherr: Private Bauherrengemeinschaft „Wohn(t)raum Sannental GbR“, Metzingen

  • Projektentwicklung: citiplan GmbH, Pfullingen

  • Architekten: Casa Nova Planungs- und Wohnbaugesellschaft mbH, Ulm

  • Landschaftsarchitektin: Dipl.-Ing. (FH) Claudia Hetzel-Zink, Giengen an der Brenz

Wohnflächen:

  • 31 Wohneinheiten: 2 Einheiten je 36 m2, sonst 70-120 m2

  • Anzahl der Zimmer: 1,5 bis 5

Bauliche Besonderheiten:

  • KfW Effizienzhaus 40, Photovoltaik und Geothermie

  • Barrierefrei, individuell gestaltete Grundrissvarianten, hochwertige Ausstattung

  • Gemeinschaftsraum mit integrierter Küche und Nebenraum

  • 1.000 m2 Gartenanlage

  • Tiefgarage

  • KG 300 + 400: 7,2 Millionen EUR (brutto)