Magazin für zeitgemäßes Wohnen

München: Herzstück ist das Miteinander

Was kann eine Wohngemeinschaft leisten, das alleine nicht möglich wäre? Das genossenschaftliche Projekt wagnisART in München gibt Antwort darauf. Hier leben 190 Erwachsene und 120 Kinder mitten in der Stadt: zu bezahlbaren Kosten und in Wohnungen, die sie selbst mitgestaltet haben. Auf viele Schultern verteilt, erfüllt das neue Quartier zahlreiche Wohnträume – bis hin zu Münchens ersten Cluster-Wohnungen.

Kurz & bündig

Im Norden Schwabings sind im Sommer 2016 knapp 140 Wohnungen in fünf Passivhäusern fertiggestellt worden. Wie bei allen Projekten der Münchner Baugenossenschaft wagnis eG stellt auch wagnisART das gemeinschaftliche Wohnen in den Mittelpunkt. Dabei sind die einzelnen Wohnungen unterschiedlich gefördert sowie frei finanziert. Als Besonderheit bietet das Projekt Münchens erste Cluster-Wohnungen: eine Kombination aus individuellem Wohnen und einer Wohngemeinschaft.

Wir starten in Amerika. Und machen uns in luftiger Höhe auf den Weg nach Asien. Aber nicht etwa per Flugzeug – nein, zu Fuß. Nach ein paar hundert Metern über eine Art Brücke, die die insgesamt fünf Gebäude miteinander verbindet, kommen wir an. Und blicken von der Dachterrasse im 5. Stock zurück nach Amerika. Rechts liegt Europa, links sind es Afrika und Australien.

„Die Gebäudeeinheiten nach den Kontinenten zu benennen, war die Idee der Kinder. Es entspricht ihrer Anordnung auf dem Gelände“, sagt Rut Gollan. Sie hat die Projektleitung des neuen Wohnquartiers im Norden Schwabings zu einem weit fortgeschrittenen Zeitpunkt von ihrer Vorgängerin Elisabeth Hollerbach geerbt und erklärt uns wagnisART. Ein Konzept, das dem Namen nach an eine ehemalige Künstlerkolonie vor Ort erinnert. Und für eine innovative LebensART steht, deren Herzstück das Miteinander ist.

Die Gebäudeeinheiten nach den Kontinenten zu benennen, war die Idee der Kinder.

Zeitgemäßes Wohnen: in Gemeinschaft

Grundsätzlich folgt wagnisART den Vorstellungen einer Genossenschaft und ist auch als solche organisiert. Das Projekt stellt das gemeinschaftliche Wohnen in den Fokus und wirkt damit der Vereinzelung entgegen, die sich in München genauso wie in zahlreichen anderen Metropolen immer mehr einstellt.

Was anders ist: Neben klassischen Wohnungen bietet wagnisART auch sogenannte Cluster-Wohnungen an. Das ist eine ganz neue Art von Gemeinschaftshaushalt. „Im Unterschied zur WG hat jeder Bewohner sein eigenes Appartment, das er auf Wunsch dank kleiner Küche und Bad auch autark bewohnen könnte“, sagt Rut Gollan. „Doch konzipiert sind die Appartments als Teil eines großen Ganzen – verbunden durch Gemeinschaftsräume, über die man auch zum Treppenhaus gelangt.“

In neun Clustern sind 57 Haushalte organisiert und ergänzen die 81 „normalen“ Haushalte. Sie werden nicht nur von ganz unterschiedlichen Personen in verschiedenen Lebenssituationen bewohnt. Sie sind auch ganz individuell gestaltet: Haben die einen eine große Kuüche für die gemeinschaftlichen Räume gezimmert, haben andere dort eine Werkstatt eingerichtet. „Wir haben sogar ein Cluster mit Schauspielern und Clowns. Die haben sich dort eine Bühne gebaut“, sagt Rut Gollan. Vorführungen für die Nachbarschaft inklusive.

Die Wohnbaugenossenschaft wagnis eG München

„Zweck der Genossenschaft ist die Förderung ihrer Mitglieder vorrangig durch eine sozial und ökologisch verantwortbare und sichere Wohnungsversorgung.“ So steht es auf der Website der wagnis eG. Im Jahr 2000 gegründet, startete sie mit 21 Mitgliedern. Heute sind es knapp 2.000. Vor wagnisART hatte die Genossenschaft mit wagnis 1-4 bereits Wohnprojekte nach ähnlichem Prinzip in München umgesetzt, weitere sind in Planung und Bau.

35 bis 55 Quadratmeter

In den Wohnungs-Clustern hat jeder Haushalt individuell eine Fläche von 35 bis 55 Quadratmetern – und finanziert anteilig, mit rund zehn bis 15 Quadratmetern, die Gemeinschaftsfläche mit.

Zusammen haben diese Drei mit Walter Hable, der bei dem Interviewtermin nicht dabei sein konnte, zum Erfolg von wagnisART beigetragen: Vorständin Rut Gollan, Architekt Rainer Hofmann (r.) und Landschaftsarchitekt Florian Otto.

Zusammen haben diese Drei mit Walter Hable, der bei dem Interviewtermin nicht dabei sein konnte, zum Erfolg von wagnisART beigetragen: Vorständin Rut Gollan, Architekt Rainer Hofmann (r.) und Landschaftsarchitekt Florian Otto.

Keine Nachbarschaftsgrenzen

„wagnisART soll auf gar keinen Fall eine Schlafstadt sein“, so die Vorständin weiter. „Wir wollen ganz klar einen Beitrag zum Quartier leisten und unsere Wohnanlage mit der Nachbarschaft vernetzen.“ Dies gelingt zum einen über 14 Gewerbeeinheiten, die mit den Wohngebäuden entstanden sind. Dazu zählen Büros, Werkstätten, Ateliers, Praxisräume und ein Gasthaus. Zum anderen sind es eben engagierte Bewohner, die Kontakte knüpfen. „Eine Genossenschaft wie unsere braucht Leute, die Verantwortung übernehmen und ihre Chance nutzen, etwas zu gestalten.“

Ob alle Bewohner Mitglieder der Genossenschaft seien? Ja, sagt Rut Gollan. Und ob man sich gegenseitig immer mögen müsse? „Unsere Bewohner hier sind sehr stark durchmischt. Sowohl was das Alter als auch die finanziellen Möglichkeiten angeht. Natürlich gibt es da Reibereien und Auseinandersetzungen. Und natürlich kann auch nicht jeder jeden leiden.

Natürlich gibt es da Reibereien und Auseinandersetzungen. Und natürlich kann auch nicht jeder jeden leiden.

Aber die Leute kennen sich aus einem langen und intensiven Planungsprozess. Sie haben sich dort miteinander auseinandergesetzt, auch kontrovers, und ich glaube, jeder hatte genug Zeit zu entscheiden, ob er in dieser Gemeinschaft leben möchte oder nicht. “Die Entwicklung gibt ihr Recht: Bisher ist die Fluktuation äußerst gering, das Interesse von neuen Bewohnern dagegen sehr groß. „Wir informieren alle sechs Wochen mit einer öffentlichen Veranstaltung zur wagnis. Da sind jedes Mal rund 100 Interessierte dabei. Es gibt einfach zunehmend Leute, die sich fragen: Was muss ich für mich privat haben? Und was will ich teilen beziehungsweise gemeinsam schaffen?“

„Ich bin überrascht, wie gut sich das Gemeinschaftskonzept nach nur 2 1⁄2 Jahren etabliert hat. In Arbeitsgruppen gestalten wir unser Wohnprojekt wagnisART aktiv, wir warten und reinigen die Häuser, organisieren Veranstaltungen und stimmen uns ab, was uns als Ge- meinschaft wichtig ist. So sind wir in ständigem Kontakt mit den anderen Bewohnern. Nach nur kurzer Zeit entwickelte sich dadurch nicht nur eine gute Nachbarschaft, sondern es entstanden viele Freundschaften – und das generationenübergreifend.“

Florian Geierstanger, Bewohner von wagnisART in München

Beteiligung in Extremform

Den heutigen Gebäuden gingen langjährige Planungsprozesse mit einer extrem starken Beteiligung der zukünftigen Bewohner voraus. Ob Cluster oder klassische Wohnung: Jeder konnte sich mit seinen Vorstellungen und Wünschen einbringen und diskutieren, bis eine tragbare Lösung gefunden war. „Ein Stück weit haben wir die Kontrolle der Planung auf die zukünftigen Bewohner verlagert“, sagt Rainer Hofmann, der mit dem Büro bogevischs architekten den Prozess begleitet und moderiert hat. „Wir mussten uns als Fachleute ganz bewusst darauf einlassen. Aber am Ende ist wirklich eine ganz neue Architektur entstanden. Eine, die das Haus und seine Bewohner sehr eng miteinander verbindet.“

Wohin der Blick von unserer Dachterrasse inmitten von Asien auch schweift, überall stehen Tische und Stühle in den vielen Höfen und Nischen. Alles Gemeinschaftseigentum, so Rut Gollan. „Wenn es warm ist, findet man draußen schnell Gesellschaft zum Essen. Sofern man das möchte. Wohnquartiere wie wagnisART bieten so viele Abstufungen von Gemeinschaft und Privatheit. Da kann jeder sein eigenes Maß finden.“ Ein Modell, das die fünf Kontinente zumindest hier in einem sehr entspannten Verhältnis zueinander stehen lässt.

Wissen zum Mitnehmen

Der Name wagnisART ist eine Reminiszenz an die ehemalige Künstlerkolonie auf dem gleichen Gelände und Verweis auf das Bestreben möglichst viel dieses Geistes weiterleben zu lassen. Darin begründet sich auch die künstlerisch-kulturelle Ausrichtung vieler Angebote und Initiativen im Projekt. Zugleich verweist er auf die unmittelbare Nähe zu den Domagk-Ateliers, die 101 städtische Künstlerateliers umfassen.

Faktenlage

wagnisART, München

  • Fertigstellung: 2016

  • 138 Wohnungen mit einer Größe von 35 bis 115 m2

  • Grundstück: ehemalige Funkkaserne, 10.610 m2 Nutzfläche in fünf Häusern

  • 800 Einwohner

  • Bauherr: Wohnbaugenossenschaft wagnis eG, München

  • Architekten: ARGE bogevischs buero architekten und stadtplaner gmbh mit shag udo schindler walter hable architekten gbr (Planung)

  • Landschaftsarchitekten: bauchplan ).( GbR und Auböck/Kárász, Wien

Bauliche Besonderheiten:

  • 9 Wohn-Cluster mit 57 Appartements

  • 2 Gemeinschaftsräume, Veranstaltungsraum, Werkstatt, Atelier, Waschcafé, Nähstube, Gäste-Apartments, Musikübungsräume, Toberaum, Bad/Sauna

  • 14 Gewerbeeinheiten wie Ateliers, Werkstätten, Praxisräume, Büros, Speisecafé

  • Bauweise entspricht ökologischen, nachhaltigen Vorgaben sowie zertifiziertem Passivhaus-Standard mit PV-Anlage und Mieterstromkonzept

  • Stellplatzschlüssel konnte durch ein Mobilitätskonzept von 1,0 auf 0,5 reduziert werden, ausreichend wäre 0,3

  • KG 300 + 400: 2.060,- EUR/m2 (Baukosten ohne Tiefgarage)

  • Miete: individuell zu zahlen, je nach Einkommen zwischen 5,65 EUR (EOF1) und 13 EUR (freifinanziert)

  • Förderung durch bundes- und landesweite Programme:
    30 % EOF-EinkommensOrientierteFörderung (=Sozialwohnung),
    40 % München Modell Genossenschaften (= Kommunale Förderung für Mittlere Einkommensgruppen)

Auszeichnungen:

  • DAM Preis 2018

  • DGNB-Preis für Nachhaltiges Bauen 2018

  • Deutscher Städtebaupreis 2016

  • Deutscher Landschaftsarchitektur-Preis 2017

  • Anerkennung beim Deutschen Architekturpreis 2017 und einige mehr