Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Villingen-Schwenningen: Faires Wohnen

Mit dem Projekt NeckarFair hat die städtische Wohnungsbaugesellschaft gezeigt, dass auch mit wenigen Mitteln qualitativ hochwertiger Wohnraum zu erschwinglichen Mietpreisen entstehen kann. Durch geschickte Planung und effizienten Materialeinsatz konnten 47 Wohnungen mit vielfältigem sozialen Angebot errichtet werden. Inklusion auf jeder Ebene!

Kurz & bündig

Als zukunftsfähige Alternative zum Überangebot an teuren Neubauwohnungen präsentiert die städtische Wohnungsbaugesellschaft Villingen-Schwenningen eine kleine, kostengünstige Wohnanlage mit 47 Einheiten, die zudem soziale Projekte inkludiert. Durch geschickte Planung, geeignete Projektpartner und effizienten Materialeinsatz passen die Wohnungen zu zahlreichen Wohnansprüchen. Darüber hinaus bewegt sich das Mietpreisniveau der 2- bis 4-Zimmerwohnungen um die sechs Euro pro Quadratmeter und liegt damit deutlich unter dem Durchschnitt von neun Euro vor Ort. Das Projekt wurde dieses Jahr mit dem Bauherrenpreis 2018 ausgezeichnet.

Herr Müldner, erst einmal Gratulation zum Bauherrenpreis 2018. Kam die Auszeichnung für Sie als Geschäftsleiter der wbg Villingen-Schwenningen überraschend?

„Ja, auf jeden Fall. Als wir letztes Jahr erfahren haben, dass wir mit dem Projekt NeckarFair zum Kreis der Nominierten gehören, haben wir uns schon darüber sehr gefreut. Und als dann im April der Bauherrenpreis in der Kategorie ‚Kleine Wohnanlagen‘ nach Villingen-Schwenningen ging, war das natürlich ein besonderer Moment und eine tolle Bestätigung unserer Arbeit.“

Vor welchem Hintergrund ist das Projekt entstanden?

„2012 haben wir uns in der Wohnungsbaugesellschaft Gedanken darüber gemacht, wie wir uns in Zukunft ausrichten wollen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir unseren Schwerpunkt im Bereich des Massenmietwohnungsmarktes sehen. Sprich dort, wo es um bezahlbare Mieten geht. Im Zuge dessen haben wir eine Projektgruppe ins Leben gerufen, um leistbares Wohnen zu ermöglichen. Wir wollten ein Gebäude konzipieren, bei dem die Mieten im fünf Euro-Bereich pro Quadratmeter liegen. Schon bald haben wir dann Architekten und Fachingenieure mit ins Boot geholt und diese Idee weiterverfolgt, welche dann im Projekt NeckarFair gemündet ist.“

Und wie wurden die vier Gebäude finanziert?

„Damals haben wir uns entschieden, das Projekt nur aus frei finanzierten Mitteln beziehungsweise aus Eigenkapital zu errichten. Gelungen ist das Ganze letztendlich dadurch, dass bereits sehr früh die Kosten für die Planung gering gehalten wurden. Die Baukosten bewegten sich durch alle Kostengruppen hindurch bei etwa 1.700 Euro pro Quadratmeter. Wir haben uns bewusst für eine reduzierte Architektur entschieden, die trotzdem eine sehr hohe Qualität liefert. Und da wir die Häuser 50 bis 80 Jahre bewirtschaften wollen, haben wir darauf geachtet, keine hohen Folgekosten entstehen zu lassen. Dadurch konnten wir auch als kommunale Wohnungsbaugesellschaft eine positive Rendite erreichen.“

Was zeichnet das Wohnen in NeckarFair besonders aus?

„Zum einen die günstige Miete und zum anderen auch die attraktive Lage. Man ist innerhalb weniger Minuten im Stadtzentrum und doch wohnt man im Grünen am nahegelegenen Neckarufer. Des Weiteren haben wir auch sehr stark darauf geachtet, dass jedes der vier Häuser eine schöne Durchmischung hat. In den insgesamt 47 Wohnungen wohnen Senioren, junge Familien, Singles oder Alleinerziehende. Zusätzlich wurden auch zwei soziale Projekte integriert. Damit kombinieren wir das übliche Wohnungsangebot mit Inklusion, was das Wohnen besonders zukunftsfähig macht.“

Wohnen mit besonderem Bedarf

Neben dem durchmischten Angebot von 2- bis 4-Zimmerwohnungen in NeckarFair wurden eine Caritas-Wohngruppe für Menschen mit Handicap sowie eine Wohngemeinschaft der ProKids Stiftung für Teenie-Mütter integriert. Die Wohnungen der sozialen Projekte sind speziell auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten. Das heißt sie bieten beispielsweise genügend Raum für Mutter und Kind oder sind mit speziellen Vorkehrungen wie Haltegriffen oder breiten Gängen behindertengerecht ausgeführt.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für Nachfolgeprojekte?

„Wir starten dieses Jahr tatsächlich mit einem neuen Projekt, welches das Konzept von NeckarFair fast vollständig übernehmen wird. Es umfasst ebenfalls vier Gebäude mit gleicher Architektursprache, allerdings wird das Projekt mit 66 Wohneinheiten noch größer werden. Zudem können wir eines der vier Häuser komplett aus den Fördermitteln der Landeswohnraumförderung finanzieren.“

Auf was sind Sie als Bauherr besonders stolz?

„Einmal, dass es uns gelungen ist, das Spannungsverhältnis zwischen Baukosten und günstigen Mieten nahezu perfekt auszutarieren. Und zum anderen, dass all diese vollkommen unterschiedlichen Nutzungsformen in den Gebäuden untergebracht wurden. Also von sozialen Projekten, zu Familienwohnungen bis hin zu einem rollstuhlgerechten Zuhause. Im Grunde ist diese Anlage ein kleiner Mikrokosmos unserer gesellschaftlichen Zusammenhänge.“

 

Menschen müssen ja nicht nur wohnen, sondern leben – und ich habe hier einfach gute Laune, weil ich mich so wohlfühle.

Bewohnerin von NeckarFair in Villingen-Schwenningen

Wenn Sie die Entwicklungen im Wohnungsbau anschauen, wie ändern sich die Anforderungen?

„Wenn man vergleicht, mit wie vielen Quadratmetern jemand vor dreißig Jahren zufrieden war und wie viel Wohnraum heute gefordert wird, ist die Entwicklung unverhältnismäßig. Ich denke, dieses Thema ‚Immer mehr Quadratmeter pro Kopf‘ wird in Zukunft ein Stück weit zurückgehen, um das Wohnen bezahlbar zu halten. Mit einer geschickten Planung kann auch eine 4-Zimmer-Wohnung mit 90 Quadratmetern gut geschnitten sein. Weiters ist unsere gesellschaftliche Zusammensetzung vielschichtiger geworden. Die klassische Familie mit Mutter, Vater und zwei bis drei Kindern ist nicht mehr die Norm. Es sind sehr viele andere Modelle hinzugekommen wie beispielsweise die Alleinerziehenden oder die Alleinstehenden. Man muss heutzutage wesentlich mehr Bedürfnisse berücksichtigen und darauf achten, dass die entsprechenden Wohnformen auch dargestellt werden können."

Im Grunde ist diese Anlage ein kleiner Mikrokosmos unserer gesellschaftlichen Zusammenhänge.

Welchen Rat geben Sie Bauherren, die ein ähnliches Projekt realisieren wollen?

„Das hängt natürlich sehr stark von der strategischen Ausrichtung des jeweiligen Unternehmens ab. Als Rat für alle, die letztendlich überhaupt darüber nachdenken, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen: Betreiben Sie ein ganz enges Projektcontrolling. Zusätzlich sollte ein hohes Augenmerk darauf gelegt werden, mit wem man zusammenarbeitet. Das betrifft den Architekten genauso wie den Fachplaner und das ausführende Handwerksunternehmen."

Faktenlage

Kleinwohnanlage NeckarFair, Villingen-Schwenningen

  • Fertigstellung: 2017

  • Wohnfläche: insgesamt 3.770 m2

  • KG 300 + 400: 1.304 m2 brutto

  • Nettokaltmiete: 5,85 – 6,20 EUR/m2

  • Bauherr: Wohnungsbaugesellschaft Villingen-Schwenningen (wbg)

  • Architekten: Martin Architektur, Dipl. Ing. Johannes Martin, Villingen- Schwenningen, Schwarz.Jacobi Architekten BDA, Stuttgart

  • Landschaftsarchitekten: Wolfgang Blank Landschaftsarchitekt, Stuttgart

Auszeichnung:

Deutscher Bauherrenpreis 2018

Bauliche Besonderheiten:

  • Vorgefertigte, modulare Holzfassaden, geringfügige Unterkellerung

  • Zentrale Pelletsheizung

  • Bodentiefe Fenster

  • 1/3 der Wohnungen sind barrierefrei, fünf Wohnungen behindertengerecht ausgeführt