Magazin für zeitgemäßes Wohnen

"Wohnen nach Maß"

Welche Wohnform wird sich in Zukunft durchsetzen? Diese Frage ist zumindest in einer Hinsicht einfach zu beantworten: Es wird nicht nur eine sein.

Unsere Gesellschaft verändert sich. Sie wird bunter und vielfältiger. Die Lebensformen orientieren sich nicht mehr an vorgegebenen Mustern. Die Individualisierungsprozesse führen dazu, dass in Baden-Württemberg 2015 der Anteil der Ein-Personen-Haushalte auf 42,6 Prozent der Bevölkerung angewachsen ist. Tendenz steigend.

Demografischer Wandel heißt: Einer immer älter werdenden Bevölkerung stehen weniger junge Menschen gegenüber. Wir wissen schon heute: In zehn bis fünfzehn Jahren kommen die geburtenstarken Jahrgänge, die „Baby-Boomer“, ins Rentenalter und benötigen Wohnraum, der ihren Bedürfnissen gerecht wird. Weil sich dann die Zahlungsströme in den sozialen Sicherungssystemen umkehren werden, wird der Druck auf die Kosten des Wohnens dramatisch ansteigen.

All diese unterschiedlichen Lebenssituationen erfordern eine entsprechende Vielfalt am Wohnungsmarkt. Das klassische Einfamilienhaus gilt nicht länger als das Lebensmodell schlechthin. Tatsächlich klafft schon heute eine Lücke zwischen dem Wohnraumbedarf und einem Angebot, das komplett an der Nachfrage vorbeigeht. Die Fluktuation von Ein- und Auszügen ruft geradezu nach einer Neubelebung des Mietwohnungsmarktes. Seniorengerechte Wohnangebote sind an vielen Stellen im Land bereits vor Baubeginnausverkauft – die Spuren der Demografie sind in den Einfamilienhaus-Gebieten der 1960er- und 1970er-Jahre unübersehbar.

Setzen wir auf Vielfalt, auf die soziale Durchmischung von Quartieren. Lebendige Nachbarschaften sind Abbilder der gesamten Gesellschaft mit aller Buntheit und mit allen Schwierigkeiten. Wir „Individualisierten“ müssen Gemeinschaftsorientierung wieder lernen. Moderne Wohnungsbauprojekte setzen deshalb auf Sozialraumbetrachtung, aktive Assistenzsysteme in Form von Quartierszentren, dezentrale kommunale Einrichtungen, die Gemeinschaftsräume und Nachbarschaftsmanagement berücksichtigen.

„Ich glaube, alle gelebten Nachbarschaften, die in Quartieren und Gebäuden stattfinden, sind sehr zukunftsfähig. Doch wird es auch künftig weiterhin wichtig sein, Wohnformen zu finden, die auf Dauer finanzierbar bleiben.“

Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg

Fokus Wohnformen

Unsere Art zu wohnen war schon immer einem beständigen Wandel unterzogen. Doch scheinen die Zyklen immer kürzer zu werden, in denen sich die Bedürfnisse der Bewohner ändern. Welche Wohnungen brauchen wir heute? Und was fordern die kommenden Jahrzehnte?

Es gilt Interessen und Ansprüche zu bündeln. Denn in der Gruppe lässt sich mehr gestalten und erreichen als alleine.

Das Projekt „13haFreiheit“ setzt mit seiner gemeinschaftlichen Wohnform beispielsweise ganz bewusst ein Zeichen gegen die soziale Vereinzelung. In Metzingen baute die erste private Baugemeinschaft der Stadt das erste Mehrgenerationenhaus vor Ort. Und die Wohnanlage NeckarFair in Villingen- Schwenningen bietet neben bezahlbaren Wohnungen auch Platz für die besonderen Bedürfnisse von Teenie-Müttern und Menschen mit Handicap.

Ganz eigene Wohn-Vorstellungen zeichnet auch die Projekte MiKa in Karlsruhe und Blaue Blume in Friedrichshafen aus. Ob ehemaliges Kasernengelände oder Bauwagen: Die Bewohner wollen ihre Form des Zusammenlebens selbst bestimmen und aktiv zur Quartiers- und Stadtentwicklung beitragen.

Ganz neu sind Münchens erste Cluster-Wohnungen – eine Mischung aus WG und Wohnung, die das genossenschaftliche Projekt wagnisART realisiert hat. Doch auch wenn der Markt schon einiges biete, müsse der Innovationsdruck auf die Verantwortlichen der Wohnbaubranche noch weiter zunehmen. Das fordern Susanne Dürr, Expertin für Stadtentwicklung, und Andreas Hofer, Intendant der IBA 2027, im Interview​​​​​​​.