Magazin für zeitgemäßes Wohnen

"Stadtraum als Sozialraum"

Der Ruf nach mehr, nach viel mehr Wohnraum und vor allem nach mehr „bezahlbaren Wohnungen“ ist zurzeit allgegenwärtig. Bei der angestrengten Suche nach Steigerung der Quantitäten tritt freilich nur allzu leicht in den Hintergrund, dass qualitätvolles, nachhaltiges urbanes Wohnen nur im Zusammen- und Wechselspiel mit einem entsprechenden Wohnumfeld entstehen kann.

Die Grundrissqualität korrespondiert mit der Lagequalität der Wohnung. Dies betrifft die stadtgeschichtliche, kulturelle und soziale Identität des Quartiers, die Qualität der Nachbarschaftsbeziehungen, die infrastrukturelle Versorgungsqualität, Gestaltungsfragen, die erreichte „Zähmung“ des Verkehrs, Freiflächen, Grün und – sehr grundsätzlich – die (noch) vorhandene Mischung. Nur ein sozial und funktional vielfältiges und gemischtes Quartier ist auch ein urbanes und lebenswertes Quartier. Die über den Markt vermittelte Preis- und Mietendynamik weist allerdings gegenwärtig gerade umgekehrt in die Richtung wachsender Entmischung!

Verhindern Sie ein Auseinanderdriften der Städte!

In sozialer Hinsicht drohen damit Segregation, Gentrifizierung und ein soziales „Auseinanderdriften der Städte“. Betroffen sind beileibe nicht allein einkommensschwächere Schichten, sondern immer häufiger auch Fachkräfte der Wirtschaft oder aus den sozialen und technischen Dienstleistungsberufen – die Wohnungskrise ist längst nicht mehr allein ein soziales, sondern auch ein Standortproblem. Ein bedarfsgerechtes Wohnungsangebot muss „bezahlbar“ sein, aber auch auf die enorm ausdifferenzierte Vielfalt unterschiedlicher sozialer Milieus, Einkommensgruppen, Lebensformen, Haushaltsgrößen, Altersgruppen und Ethnien antworten.

Typologisch experimentieren Städte und Wohnungswirtschaft mit einer Vielzahl verdichteter urbaner Gebäudetypen wie Blockrandbebauungen, Stadtvillen, Wohnhochhäusern etc.. Freistehende Einfamilien-, Atriumhäuser und Winkelbungalows erscheinen aufgrund ihres Flächenbedarfs heute im urbanen Kontext kaum mehr als angemessen. Mit wachsender Dichte und Begrenzung privater Wohnflächen wird die Herstellung halbprivater Gemeinschaftsflächen und eines öffentlichen Straßen- raums, der wieder als Wohnflächenergänzungs- und Kommunikationsraum dienen kann, immer wichtiger.

Landschaftsarchitekten sind dabei nicht diezur nachträglichen „Verhübschung“ aufgeforderten „Sonderfachleute fürs Grüne“, sondern, wie dies der viel zu früh verstorbene Peter Conradi einmal ausgedrückt hat, „unverzichtbare Architektenkollegen“ bei der Rückgewinnung des Stadtraums nicht nur als Grünraum und Erholungslandschaft, sondern vor allem auch als Sozialraum.

Ohne bürgerliches Engagement geht es nicht

Allerdings: Fast durchweg werden die neuen städtischen Wohnformen gegenwärtig als Wohnformen in hochpreisigem Eigentum entwickelt. In der damit einhergehenden Verengung auf das Einkommenssegment vermögender urbaner Mittel- und Oberschichten steckt auch eines der größten Risiken. Vieles spricht dafür, dass die Neu- und Restrukturierung der städtischen Wohnungsmärkte wohl nur dann erfolgreich bewältigt werden kann, wenn sie nicht allein Markt und/oder Staat übertragen wird, sondern auch zu einer durch die Bürger selbst (mit-) getragenen zivilgesellschaftlichen Aufgabe wird, in der neue gemeinschaftshaltige Trägerformen wie Baugruppen und (neue) Genossenschaften eine wichtige Rolle spielen.