Magazin für zeitgemäßes Wohnen
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch

Leutkirch: Nachbarschaftlich Wohnen im Marienhof

Ein Grundstück, sechs Bauherren und 33 Obstbäume: Was nach einer eigentümlichen Mischung klingt, ist das Erfolgsrezept für den Marienhof in Leutkirch, auf dem nachbarschaftlich geplant und individuell gelebt wird.

Kurz & bündig

Auf einem alten Bauernhof am Stadtrand von Leutkirch entstand auf Eigeninitiative des Architekten Edwin Heinz ein privates Bauherrenprojekt. Sechs Familien bauten dort innerhalb eines Jahres ein Wohnquartier, das sich zum einen der Nachhaltigkeit, zum anderen einer guten Nachbarschaft verpflichtet fühlt. Der Erfolg des mehrfach ausgezeichneten Projekts beruht auf einer gemeinschaftlichen Planung, die das Gelände als großes Ganzes erscheinen lässt. Gleichzeitig herrscht kein „zwanghaftes Miteinander“, so dass jeder der 23 Bewohner seine Wohnsituation individuell gestalten kann.

Erdacht hat das Projekt der Architekt Edwin Heinz, der bei seiner täglichen Fahrt von Leutkirch nach Isny stets an dem großen Grundstück mit einem nichtbewirtschafteten Bauernhof samt Stallungen vorbeigefahren ist. Er fand es schade, dass ein so schöner Hof einfach dem Verfall überlassen wurde und machte sich 2008 daran, ein Konzept dafür zu entwickeln. „Ich wollte etwas entwerfen, was dem Gelände gerecht wird und dabei einen ästhetischen Anspruch hat“, sagt Heinz. Schnell war klar, dass die Fläche zu groß sein würde für ein einziges Haus. So lag die Idee einer mehrparteilichen Nutzung im Rahmen eines privaten Bauherrenprojekts nahe.

Offene Türen bei Stadt und Landkreis

Sechs Häuser sollten auf dem Grundstück entstehen, die nach außen eine Einheit bilden, innen aber frei gestaltet werden können. Lediglich der alte Stall blieb im Grundsatz erhalten und sollte Wohnraum für zwei Mietparteien schaffen.

Dort habe ich mit dem Konzept gleich offene Türen eingerannt.

In Edwin Heinz‘ Bekanntenkreis fanden sich einige Interessierte für ein solches Projekt. So motiviert machte er sich auf den Weg zur Stadt Leutkirch. „Dort habe ich mit dem Konzept gleich offene Türen eingerannt“, erinnert sich der Architekt. Dennoch gestaltete sich der weitere Weg langwierig, denn das Grundstück gehörte zum Außenbereich der Stadt und fiel damit in die Zuständigkeit des Landratsamtes. Doch auch dort waren die Signale eindeutig. Deswegen nahm Edwin Heinz die zusätzlichen, notwendigen Untersuchungen, wie beispielsweise die Prüfung durch das Naturschutzamt, auf sich. 2009 reichte er die erste Skizze ein.

Auch wenn Heinz bis dahin alles alleine geplant hatte, war ihm von Beginn an klar, dass es in der Ausführung ein gemeinschaftliches Projekt sein würde. Doch ganz so leicht war es gar nicht, Menschen zu finden, die seine Grundidee verwirklichen wollten: Denn was für den einen schon allein optisch Gemeinsamkeit ausdrückt, kann bei dem anderen ein Gefühl von Eintönigkeit und mangelndem Individualismus hervorrufen. Im März 2013 war die Bauherrengemeinschaft jedoch komplett und dem Gang zum Notar stand nichts mehr im Wege.

Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch

Prominenter Einfluss

Edwin Heinz hatte nach seinem Studium eine Assistentenstelle bei Prof. Peter Faller an der Universität Stuttgart und dabei Gelegenheit, Entwurfsaufgaben zum Thema „Gemeinschaftsorientiertes Wohnen“ mit Studierenden durchzuführen. Diese Thematik hat Heinz geprägt, oder wie er sagt, „sie geisterte immer mal wieder in meinem Kopf herum“ und habe ihn beim Bau des Marienhofs maßgeblich beeinflusst.

Wohnen als Gemeinschaftsaufgabe

Das Grundstück wurde geteilt und an die Hauseigentümer einzeln verkauft. Lediglich die Zufahrt und das Gelände des heutigen Innenhofes sind gemeinschaftliches Eigentum. Dennoch planten die sechs Bauherren von nun an alles zusammen. Es wurde beispielsweise diskutiert, welches Holz sich für die Hausfassade eignet oder welche Farbe die Fenster oder der Sonnenschutz bekommen sollten. Heute überzeugen nicht nur die gradlinige Architektur und die senkrechte Verschalung mit Weißtannenbrettern. Auch die Anordnung der Häuser ist wohlüberlegt und belegt, dass nachbarschaftliches Denken schon früh im Vordergrund stand. „Wir wollten jeder Partei Bergsicht und möglichst viel Tageslicht ermöglichen“, sagt Heinz. Daher orientiert sich die Ausrichtung der Häuser an den Himmelsrichtungen.

Die nördlichen Gebäude stehen längsgerichtet in Richtung Ost-West und die südlichen Häuser in Richtung Nord-Süd. So kann jede Partei die Berge sehen und hat eine optimale Versorgung mit Sonnenlicht.

Auch in der Optik sollte ein möglichst harmonischer Gesamteindruck erzeugt werden. So sind alle Garagen in die Häuser integriert und die, ebenfalls mit Weißtanne verschalten, Tore „verschwinden“ in der Fassade. „Das Auge braucht Erholung. Und wer will schon ständig auf die Autos des Nachbarn schauen?“, so Heinz.

Freie Sicht in die Natur

Doch nicht nur die gemeinsam getragene Gestaltung der Wohnhäuser lag im Fokus der Bauherrengemeinschaft, auch die Außenanlagen wurden als Team geplant. Die Möglichkeit der Privatsphäre und eines eigenen Bereiches wurde dabei dem Gefühl von optischer Weite und dem Anspruch an eine ausgewogene Freiflächenanordnung untergeordnet. Um die offene Gestaltung und die nachbarschaftliche Nähe zu unterstreichen, ist beispielsweise komplett auf Zäune verzichtet worden. Stattdessen werden die Freiflächen von Heckenpollern, Pflanzbeeten und Obstbäumen durchzogen.

Das Büro lohrer.hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner hat die Wünsche und Anforderungen der Bauherrengemeinschaft an die Freianlagen realisiert.

Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch

Obstparadies

Die Eingriffs- und Ausgleichsbilanzierung sah vor, dass eine Ökomasse geschaffen werden sollte. Die Bauherren des Marienhofs entschieden sich für Obstbäume. Und so können sie sich nun bei der jährlichen gemeinsamen Ernte über Zwetschgen, Marillen und Äpfel freuen.

Nachbarschaft auf freiwilliger Basis

Zentraler Mittelpunkt des Quartiers ist der Innenhof mit einem Brunnen und einer Eiche. Hier spielen im Sommer die Kinder oder die Erwachsenen treffen sich zwanglos auf einen Kaffee oder zum Grillen. Das großzügige Gesamtkonzept der Anlage schafft eine hohe Aufenthaltsqualität und lädt dadurch zum Verweilen ein. Doch wird hier das Zusammenleben nicht organisiert. „Wir wollen nichts erzwingen. Unsere Nachbarschaft funktioniert, weil wir unser Umfeld gemeinsam geplant haben und in vielerlei Hinsicht ähnliche Ansichten haben. Regelmäßig organisierte Treffen passen da nicht zu unserem Konzept“, sagt Edwin Heinz.

Eine Herangehensweise, die gut ankommt. Schon während der Bauphase kamen immer wieder Passanten vorbei, die sich für das ungewöhnliche Bauprojekt am Stadtrand interessierten. Heute gewinnt der Marienhof für seine vorbildliche Bauweise zahlreiche Preise: Neben einer Auszeichnung der Architektenkammer Baden-Württemberg gewann die Bauherrengemeinschaft zu Beginn dieses Jahres den HolzbauPlus-Bundeswettbewerb 2016 in der Kategorie Wohnungsbau-Neubau. Aktuell bekommt die Stadt Leutkirch auch dank des Projekts Marienhof einen Preis im Kommunalwettbewerb HolzProKlima 2016/17 vom Land Baden-Württemberg. Weiterhin gibt es Nominierungen zum Beispiel für den DAMPreis 2018 des Deutschen Architekturmuseums.

Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch
Projektentwicklung Marienhof in Leutkirch

„Wie es sich in unserer Nachbarschaft anfühlt, ist Außenstehenden schwer zu vermitteln. Wir sind sechs BauherrenFamilien, die sich vor Baubeginn nicht kannten. Doch durch das gemeinsame Planen und Gestalten unseres Wohnquartiers haben wir eine besondere Verbindung zueinander aufgebaut. Das funktioniert wahrscheinlich nur, wenn alle Beteiligten eine gewisse Offenheit und Flexibilität für ein solches Projekt mitbringen.“

Ulla Praschak, Bewohnerin im Marienhof, Leutkirch
Faktenlage

Marienhof in Leutkirch

  • Fertigstellung: 2016
  • Umfang: Sechs Einfamilienhäuser und ein Haus mit zwei Mietwohnungen (Stallgebäude)
  • Besonderheiten: o Private Bauherrengemeinschaft o Von den rund 4.600 m² Gesamtfläche ist ca. ein Fünftel Gemeinschaftsfläche.
    • Die Grundstücke an sich gehören den Hauseigentümern und sind zwischen rund 450-630 m² groß.
    • Regionale und bundesweite Auszeichnungen
  • Architekt: Dipl. Ing. Edwin Heinz, GMS Freie Architekten, Isny
  • Gebäudehülle: Bau Fritz GmbH, Erkheim
  • Landschaftsgestaltung: lohrer.hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner GmbH, München