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Dußlingen: Lebensräume für Jung und Alt

Kurz & bündig

Innerhalb weniger Jahre hat sich die Ortsmitte von Dußlingen komplett gewandelt. Aus einer Gewerbebrache entstand ein lebendiges Quartier, in dem Menschen aus allen Lebenslagen zusammenwohnen. Für das gute Miteinander spielen dabei die Außenräume eine wesentliche Rolle, da sie auf verschiedene Art und Weise zum Austausch einladen. Dass dieses Projekt so reibungslos funktioniert, ist zum einen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den sozialen Einrichtungen, vor allem aber der vorausschauenden und präzisen Planung der Kommune zu verdanken. So wurde durch die konsequente Umsetzung des Quartiergedankens, der auch eine sinnvolle Einbindung von Freiflächen vorgesehen hat, eine neue Ortsmitte mit Vorbildcharakter geschaffen.

Soziale Quartiersentwicklung

„Das war eine einmalige Chance“, antwortet Thomas Hölsch, Bürgermeister der Gemeinde Dußlingen, fragt man ihn danach, wie es zu dem Quartier in der neuen Ortsmitte kam. Denn wo heute kurze Wege und ein gemeinschaftliches Miteinander zwischen Jung und Alt, Menschen mit Einschränkungen und Familien das Bild beherrschen, war bis kurz vor seiner Wahl 1995 nur eine Gewerbebrache. Als die zum Sanierungsgebiet erklärt wurde, waren plötzlich für die Kommune 4,5 Hektar Land mitten im Ort frei verfügbar.

Hölsch hatte eine Vision: Das Herz von Dußlingen sollte ein Ort für Menschen werden, an dem Begegnungen möglich sind und wo sich das Leben abspielt. „Es ist meiner Ansicht nach die Aufgabe der Gemeinde, für ein gleichberechtigtes Miteinander zu sorgen“, so Hölsch. „Daher wollen wir auch Menschen, die nicht mobil sein können, nicht ausgrenzen, sondern ihnen einen Platz in unserer Mitte schaffen.“

Es ist meiner Ansicht nach die Aufgabe der Gemeinde, für ein gleichberechtigtes Miteinander zu sorgen.

Thomas Hölsch, Bürgermeister Dußlingen

Fachleute früh eingebunden

Für Hölsch und den Gemeinderat gilt bis heute „Inklusion und Integration“. Damit dieses Prinzip auch in der Realität greift, wurde nicht nur das Rathaus in das Zentrum gebaut, sondern vor allem Wohnräume mit offenen Grünanlagen entworfen, die Menschen aus allen Altersklassen und Lebenslagen offen stehen.

Um ein solches Projekt fundiert und zukunftsfähig zu gestalten, nahm Hölsch noch in der Planungsphase Kontakt mit der gemeinnützigen Stiftung Liebenau aus Meckenbeuren auf.

„Das ist für uns natürlich eine ideale Ausgangssituation, wenn wir schon zu so einem frühen Zeitpunkt mit eingebunden werden“, sagt Dr. Berthold Broll, Vorstandsmitglied der Stiftung Liebenau. Dann könne von Beginn an Rücksicht auf die baulichen Besonderheiten genommen und auch die Außenanlagen gemeinsam geplant werden. Denn besonders die Freiflächen sind für ein gelebtes Miteinander wichtig. Hier treffen sich die Menschen und kommen in Kontakt.

2004 wurde mit dem Bau der „Lebensräume für Jung und Alt“, einer Form des Mehrgenerationenwohnens, begonnen. Diese Wohnform ermöglicht das Zusammenleben von älteren und jüngeren Menschen. Egal ob als Paar, Familie, Single oder alleinerziehend: Die Bewohner der 21 Wohnungen sind bunt durchmischt und aus allen Lebensphasen. „Genau das ist das Konzept. Wir streben damit Hilfe zur Selbsthilfe an, denn nicht nur die Jüngeren können den Älteren helfen. Das funktioniert auch oftmals anders herum“, so Broll.

Ein weiterer Gebäudekomplex, der den InklusionsAnsatz komplettiert, ist das Wohnhaus mit 13 Wohnungen für Menschen mit und ohne Behinderung. „Besonders für Menschen mit Behinderung ist eine rege Nachbarschaft sehr wichtig“, so Broll. Das gesamte Quartier wird zudem durch eine Bibliothek mit Schulmediothek und ein Gebäude, das als Wohn- und Geschäftshaus fungiert, ergänzt.

Projekt-Café und Rolladendienst

Der Alltag in einem Quartier sollte ein gelebtes Miteinander sein. So gibt es in Dußlingen regelmäßig das Projekt-Café, bei dem man miteinander ins Gespräch kommen kann. Beim „Rolladendienst“ wird besonders bei den Älteren darauf geachtet, ob regelmäßig die Jalousien betätigt werden oder ob vielleicht jemand Hilfe benötigt. Die Teilnahme an solchen Angeboten ist freiwillig. „Wir zwingen niemanden mitzumachen. Es gilt die Devise: Jeder kann, keiner muss“, betont Dr. Berthold Broll, Vorstandsmitglied der Stiftung Liebenau. Auch wer lieber unter sich sein möchte, findet hier seinen Platz.

Inklusion und Pflegeheim

2005 kam dann ein Pflegeheim mit 42 Pflegeplätzen dazu. „Auch hier war es uns wichtig, dass ältere Menschen auch mit Bewegungseinschränkungen nicht den Kontakt zu ihrer Umwelt verlieren“, sagt Thomas Hölsch und Dr. Berthold Broll ergänzt: „Es ist viel Leben im Haus, denn durch die zentrale Lage muss ein Besuch im Heim nicht extra geplant werden, sondern lässt sich auch mal mit einem Gang zum Rathaus oder zum Bahnhof verbinden.“

Management im Quartier

Wichtiger Bestandteil des zentralen Quartiers in Dußlingen ist die Außenraumgestaltung, denn sie spielt eine zentrale Rolle in dieser sehr gemischten Nachbarschaft. Dank eines großen Platzes mit Fontänenanlage und Café, sowie geschickt angeordneten Grünanlagen und Freiflächen gibt es viel Platz für Begegnungen und zum Austausch. Hier spielen Kinder, werden Feste gefeiert oder wird einfach nur der Tag in der Sonne genossen. Diese Flächen sind wichtig für den Kontakt unter den Bewohnern. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichen Situationen aufeinander und tauschen sich aus. Ruhezonen laden zum Verweilen und Erholen ein.

Nicht jeder war sofort begeistert.

„Uns in der Gemeinde ist der Quartiersgedanke sehr wichtig“, sagt Hölsch. Die Begegnungsräume – innen wie außen – seien eine immense Bereicherung. Dabei gab es vor Beginn der Umstrukturierung der Ortsmitte auch kritische Stimmen. „Nicht jeder war sofort begeistert“, erinnert sich der Bürgermeister. „Doch wir haben die Bürger von Anfang an informiert, ihre Bedenken gehört und mit einbezogen. Wichtig ist, dass wir stets weiterdenken und uns fragen ‚Was ist in zehn oder 15 Jahren?‘“

Ein solches Quartier wie in Dußlingen will natürlich gemanagt werden. „Manchmal braucht es Hilfestellung bei einem Konflikt, Unterstützung bei der Organisation eines Festes oder jemand braucht einen Rat“, sagt Broll. Daher gäbe es vor Ort eine ausgebildete Fachkraft für die Gemeinwesenarbeit (siehe Interview, Seite 15). Sie hat den klaren Auftrag, das Miteinander im Quartier zu unterstützen. Angestellt ist sie über die Stiftung Liebenau, doch zahlen Gemeinde und Bauträger einen Teil des Lohnes mit.

„Die Gemeinschaft zwischen Jung und Alt sowie kurze Wege machen für mich den hohen Wert einer Nachbarschaft aus. Hier ist wirklich Platz für alle: Meine Mutter ist gegenüber ins Pflegeheim eingezogen und wenn meine Enkel zu Besuch kommen, finden sie draußen immer jemanden zum Spielen. Für uns war der Einzug in dieses bunt durchmischte Wohnprojekt das Beste, was uns passieren konnte.“

Monika Huthmacher, Mitglied im Bewohnerbeirat in Dußlingen

Soziales neu gestalten

Für Dr. Berthold Broll von der Stiftung Liebenau ist Dußlingen ein Vorzeigeprojekt: „Die Umsetzung der geplanten Maßnahmen in die Realität ging unwahrscheinlich flott.“ Auch liefe die Zusammenarbeit mit der Kommune sehr partnerschaftlich. „Wir haben die gleichen Ziele, denn wir möchten langfristig und nachhaltig etwas bewegen und dabei Soziales neu gestalten.“ Thomas Hölsch unterstreicht diese Sichtweise: „Wir als Kommune haben dafür die Infrastruktur geschaffen. Die Bewohner beweisen jetzt, dass das, was auf dem Papier so angedacht wurde, tatsächlich auch gelebt werden kann.“

Seite 2 Verständnis für andere wecken

Wissen zum Mitnehmen

Dass das Steckenpferd des Dußlinger Bürgermeisters Thomas Hölsch die Architektur ist, beweisen die besonderen Bauweisen: Unterschiedliche Architekten haben die einzelnen Gebäude entworfen, die zwar unabhängig voneinander gestaltet sind, aber dennoch aufeinander referenzieren. Architektonisches Highlight ist das Rathaus mit einer Natursteinfassade aus kaukasischem Basalt.

Verständnis für andere wecken

Die diplomierte Sozialpädagogin Cordula SchmidtKörner ist seit zwölf Jahren als Gemeinwesenarbeiterin in den Lebensräumen für Jung und Alt in Dußlingen tätig. Ihre Aufgabe besteht darin, soziale Kontakte zu fördern und bei Konflikten zu vermitteln.

Wie funktioniert Nachbarschaft bei Ihnen in Dußlingen?

Wir haben unterschiedliche Angebote im Programm. Zum einen sind es die verbindlichen Treffen für alle Hausbewohner, wie Bewohnerversammlung, Neujahrs-Brunch oder das Sommerfest. Zum anderen gibt es freiwillige Angebote, wie den Stricktreff, den Bewohnerkaffee oder auch Ausflüge. Eine Besonderheit ist, dass die Bewohner, dank eines Bewohnerbeirates, auch bei der Auswahl von geeigneten Mietern ein Mitspracherecht haben.

Welche Rolle spielen die Architektur und die Freiflächen?

Architektonische Elemente sowie gut geplante Freiflächen können eine gute Nachbarschaft fördern. In Dußlingen gelingt dies beispielsweise durch einen zentralen Eingangsbereich für zufällige Kontakte. Laubengänge mit Sitzgruppen und der Garten bieten Raum für privatere Gespräche. Der schön gestaltete Platz neben der Wohnanlage mit Café lädt zum Verweilen ein und ermöglicht ebenfalls zufällige Kontakte. Auch der Gemeinschaftsraum, der von allen genutzt werden kann, dient ähnlich wie mein Büro als Treffpunkt.

Was zeichnet gute Nachbarschaft für Sie aus?

Unsere Bewohner kennen sich mit Namen und man grüßt sich und hält ein „Schwätzle“. Man hilft sich im Alltag, ob beim Altpapier tragen, Blumen gie- ßen oder Stützstrümpfe ausziehen. So entstehen Freundschaften und man fühlt sich verantwortlich. Wichtig ist, dass sich nicht alle mögen müssen, aber dass kein Streit von Dauer bestehen darf.

Welchen Rat können Sie Gemeinden geben, die sich vielleicht gerade recht neu mit dem Thema Nachbarschaft befassen?

Gemeinschaftliche Wohnprojekte fördern ein gutes Miteinander im ganzen Quartier und tragen zum sozialen Frieden bei. Durch niederschwellige Projekte, wie beispielsweise einem Projektcafé, wird das Miteinander zwischen Gruppen – wie Alteingesessenen, Geflüchteten und behinderten Menschen – verbessert. Es entsteht Verständnis für andere Lebenssituationen.

Faktenlage

Neue Ortsmitte, Dußlingen

  • Jahr der Fertigstellung: 2010
  • Vier unterschiedliche Wohnformen:
    • Lebensräume für Jung und Alt, 21 Wohnungen
    • Gemeindepflegehaus mit 42 Pflegeplätzen
    • Stiftung Liebenau Teilhabe Gemeinschafts- wohnen für Menschen mit und ohne Behinderung mit 13 Wohnungen (vier ohne und neun für Menschen mit Einschränkungen)
    • Ein Wohn- und Geschäftshaus mit sieben Wohnungen und einer zweigruppigen Kinderkrippe
  • Eine Fachkraft für Gemeinwesenarbeit unterstützt das Miteinander • Bauherren: Kreisbaugesellschaft Tübingen, Gemeinde Dußlingen, Stiftung Liebenau • Architekten: o Planungswerkstatt Dietz – Kirelli, Hildrizhausen (Wohnanlage „Lebensräume für Jung und Alt“, Gemeindepflegehaus, Stiftung Liebenau Teilhabe)
    • Riehle+Assoziierte GmbH+Co. KG, Reutlingen (Wohn- und Geschäftshaus, Bibliothek)
    • Glück + Partner GmbH, Stuttgart (Rathaus) • Landschaftsplaner: Schlegel + Thomas, Tübingen und Dreigrün, Reutlingen
  • Ausschreibung über Wettbewerb (Rathaus) sowie Direktvergaben