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Quartiershof Rossbollengässle Stuttgart Einfahrt Tiefgarage

Stuttgart: Freiräume in Ballungsgebieten

Gerade in dicht besiedelten Großstädten haben Freiräume und Außenflächen maßgeblichen Einfluss auf die Lebensqualität vor Ort. Doch nur dann, wenn sie sich in ein Konzept einfügen, das die Bedürfnisse der Bewohner im Blick hat. Was Architekten, Landschaftsarchitekten und Stadt gemeinsam leisten können, zeigt ein Beispiel aus Stuttgart.

Kurz & bündig

Mehr Grün, mehr Licht und mehr Parkplätze: Diese drei Herausforderungen galt es im Stuttgarter Westen für die Sanierung eines Quartiershofes zu bewältigen. Gelungen ist das einer Arbeitsgemeinschaft aus Architekten und Landschaftsarchitekten. Sie haben es mit ihrer gemeinsamen Planung für das Rossbollengässle (Stuttgart-West) geschafft, den vorhandenen Platz für Freiflächen und Tiefgarage optimal zu nutzen. Und nicht nur das: Alle baulichen Elemente gehen stimmig ineinander auf, so dass sich Bewohnern und Besuchern ein attraktives Umfeld bietet – in der Optik sowie in den zahlreichen Nutzungsmöglichkeiten.

Das Rossbollengässle im Westen Stuttgarts hat eine lange Geschichte. So verdankt es seinen Namen den Pferden, die hier einst getränkt worden sind. Im Laufe der Jahre ist die Gasse allerdings zunehmend weniger genutzt worden und fristete zuletzt ein wenig berücksichtigtes Dasein im Hinterhof. Dort verläuft sie auch heute noch, doch ist der besagte Hinterhof in seiner Qualität deutlich aufgewertet worden. Das heißt, dass sich nicht nur das Rossbollengässle jetzt frisch gepflastert durch den neu gestalteten Bereich schlängelt. Die Bewohner der umliegenden Häuser haben auch zeitgemäße Freiflächen bekommen, die ihre Möglichkeiten für draußen erheblich erweitern. Auftraggeber war 2006 die Stadt Stuttgart, die das Projekt an das Büro Bez + Kock Architekten sowie ab 2009 an den Landschaftsarchitekten Michael Hink vergeben hat. Ein Gespräch über städtische Interessen, gefühlte 100 Bauherren und den zunehmenden Druck auf Freiräume.

Oben Bolzplatz, unten Parkhaus

Ein wesentlicher Teil der Sanierungs- und Neubauarbeiten zum Stuttgarter Rossbollengässle war es, eine Tiefgarage unter den Innenhof des Wohnquartiers zu bauen. Dabei sollte möglichst keine Grünfläche eingebüßt werden und auch Geh- und Fahrtrechte des Gässchens galt es zu berücksichtigen. Dank enger Zusammenarbeit zwischen Architekt und Landschaftsarchitekt ist es gelungen, den wenigen Platz für eine Tiefgarage optimal zu nutzen. Sowohl deren schräges Dach als auch die Lichtschlitze, die Tageslicht auf die unterirdischen Parkdecks leiten, sind optisch sinnvoll in den Au- ßenbereich eingebunden. „Wichtig war uns, dass sich das Gesamtbild schlüssig und nicht willkürlich präsentiert“, sagt Thorsten Kock von Bez + Kock Architekten.

Thorsten Kock, Sie als verantwortlicher Architekt, vor welchem Hintergrund ist Ihr Büro von der Stadt Stuttgart beauftragt worden?

Thorsten Kock (TK): Es handelte sich bei dem Außenbereich rund um das Rossbollengässle um einen strategischen Ankauf der Stadt. Das heißt, Stuttgart trägt Flächen zusammen, die für kommunalen Wohnungsbau oder Freiraumplanungen genutzt werden sollen. Das Besondere am Rossbollengässle ist, dass es in einem Innenhof liegt, aber trotzdem öffentlicher Bereich ist.

Unsere Herausforderung war es also, einen Raum zu schaffen, der sowohl für Anwohner als auch für Externe attraktiv ist. Sind die Bewohner denn eingebunden gewesen in die Frage, wie der Bereich neu entwickelt werden kann?

TK: Ja, wir haben im Auftrag der Stadt Bürgerbeteiligungen sowie eine Machbarkeitsstudie umgesetzt. So sollte geklärt werden, wo die Bedürfnisse der Anwohner liegen und was baulich und rechtlich möglich ist. Auch die Ziele der Stadt spielten hier natürlich eine wichtige Rolle.

Das sind eine Menge Herausforderungen, die es gleichzeitig zu berücksichtigen galt. Michael Hink, was haben Sie als Landschaftsarchitekt in diesem Projekt gesehen?

Michael Hink (MH): Zum einen hat mich die Lage gereizt. Wir befinden uns hier in einem der am dichtesten besiedelten Stadtteile Stuttgarts. Damit ist der Druck auf die öffentlichen Freiflächen sehr groß, jede neue Grünfläche hat einen hohen Wert. Zum anderen ist der Hinterhof selbst interessant, da er eine komplexe Geländeform hat, die es zu berücksichtigen galt. Die von Bez + Kock realisierte Tiefgarage unter dem Hof gab dazu die Höhenversätze vor.

Welche Maßnahmen haben Sie konkret umgesetzt?

MH: Wir haben die Flächen terrassiert und zudem mit grünen Raumkanten gearbeitet. So konnten wir sowohl das schräge Dach der Tiefgarage einbinden, als auch eine gute Zonierung schaffen, das heißt, einzelne Nutzungsbereiche voneinander abgrenzen. Es gibt beispielsweise einen Spielplatz, eine Rasenfläche, die ähnlich wie in Parks genutzt werden kann, und Bereiche, wo man alleine oder zusammen sitzen kann. Dabei hatten wir stets im Blick, dass der Bereich von Bewohnern und Besuchern gleicherma- ßen genutzt werden soll.

Und wie wird das Konzept angenommen?

MH: Da ich nicht vor Ort bin, kann ich das nur vermuten. Aber die Stadt als Auftraggeber wertschätzt die Anlage sehr. Und vor Ort sind Gebrauchsspuren zu erkennen, so dass ich davon ausgehe, dass die Angebote genutzt werden. Schon in der Bauphase gab es großes Interesse – wir haben im Scherz von rund 100 Bauherren gesprochen, die unsere Arbeit von den Fenstern und Balkonen rundherum begutachtet haben. [lacht] Aber im Ernst: Die Maßnahmen haben das Wohnumfeld deutlich aufgewertet. Was die Leute daraus machen, liegt bei ihnen. Landschaftsarchitektur macht soziale Angebote, aber gleichzeitig lässt sie auch den Freiraum, diese je nach Interesse zu nutzen.

Was glauben Sie, ist wichtig, damit Nachbarschaft gut funktioniert?

TK: Neben der baulichen Gestaltung ist eine gute Durchmischung der Bewohner das A und O. Dabei bieten wir nicht nur Räume und Flächen an, sondern als Architekten sorgen wir auch dafür, dass die Wohn- und Außenräume in einer Beziehung zueinander stehen. Wenn sie als Einheit wirken, empfinden auch die Bewohner viel eher ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und verhalten sich entsprechend. Besonders freut mich, dass es ein zunehmendes Verständnis dafür gibt, Wohn- und Freiraum miteinander zu betrachten und zu planen.

MH: In der Wahrnehmung haben Grünflächen einen immer stärkeren Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen, da sie sich gesundheitlich, klimatisch und eben sozial positiv auswirken. Auch die Politik reagiert hier entsprechend: In dem gerade vom Bundesumweltministerium veröffentlichten „Weiß- buch Stadtgrün“ (siehe Pluspunkt, Seite 43) werden Grünflächen erstmals als notwendige Infrastruktur einer Stadt betrachtet. Hier wird aus einem ‚nice to have‘ immer mehr ein ‚must have‘.“

72 Autos passen in die Tiefgarage unter dem Rossbollengässle, während oben auf dem Dach Kinder im Grünen spielen.

72 Autos passen in die Tiefgarage unter dem Rossbollengässle, während oben auf dem Dach Kinder im Grünen spielen.

„Jede Grün- oder Freifläche, die in der Stadt zurückgeholt werden kann, ist Gold wert. Das gilt ganz besonders für den Stuttgarter Westen, der eines der dicht besiedelsten Wohngebiete Deutschlands ist. Vor allem Kinder profitieren von einem Mehr an Platz, wie beispielsweise am Rossbollengässle – aber auch alle weiteren Anwohner. Denn Freiflächen steigern die Lebensqualität udn werten damit die gesamte Wohnsituation auf.“

Arne Braun, Stuttgart

Wissen zum Mitnehmen

Für die Gestaltung von Freiflächen spielt die Sonne-/ Schatten-Situation eine wichtige Rolle. So auch im Stuttgarter Rossbollengässle: Da die Sonne wandert, gibt es sonnige und verschattete Plätze, die entsprechend genutzt werden können. Die letzten Sonnenstrahlen können in dem neu gestalteten Innenhof beispielsweise auf einer entsprechend angelegten Abendterrasse genossen werden, während die Kinderspielbereiche so platziert sind, dass sie sowohl Sonnen- als auch Schattenzeiten haben. Gerade für Grünflächen mit umliegenden, hohen Fassaden ist es mitunter eine große Herausforderung, passende Sonne-/Schatten-Konzepte zu entwickeln.

Faktenlage

Quartiershof Rossbollengässle, Stuttgart

  • Fertigstellung: 2012
  • Aufwertung und Neukonzeption der Freiräume des Innenhofs, Bau einer Tiefgarage
  • Freifläche: ca. 2.000 m² • Besonderheiten: o Im Vorfeld Bürgerbeteiligung und Machbarkeitsstudie
    • Umsetzung durch Arbeitsgemeinschaft aus Architekten und Landschaftsarchitekten
    • Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen Stuttgart 2011-2015“, Architektenkammer Baden-Württemberg
  • Bauherr: Landeshaupststadt Stuttgart, Garten-, Friedhofs- und Forstamt, Tiefbauamt
  • Architekten: Bez + Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart
  • Landschaftsarchitekten: Büro Hink Landschaftsarchitektur GmbH, Schwaigern