Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Zeitgemäßes Leitbild für Freiburg

Freiburg im Breisgau schafft sich eine Perspektive für die Zukunft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der „Perspektivplan 2030“ fasst das Leitbild für die künftige Stadtentwicklung zusammen. Was das konkret heißt? Ein Besuch vor Ort gibt Aufschluss.

Kurz & bündig

Die Stadt Freiburg i.B. hat den „Perspektivplan 2030“ entwickelt, der als planerisches Instrument dabei helfen soll, Wege für die eigene räumliche Entwicklung zu definieren. Dabei steht eine gleichberechtigte Planung von Wohn- und Freiräumen im Fokus. Mit dieser neuen Leitidee sollen der Charakter Freiburgs gewahrt und gleichzeitig stabile, sozial durchmischte Nachbarschaften gefördert werden. Für eine möglichst breite Akzeptanz fußen die Inhalte des Perspektivplans vor allem auf den Arbeitsergebnissen zahlreicher Gremien und Workshops, die mit Bürgern und Fachvertretern aus Politik und Wohnungswirtschaft besetzt waren.

Zweigeschossige, weiße Häuserreihen mit kleinen Gärten und Vorgärten. Auf den ersten Blick wirkt das Quartier Metzgergrün im Freiburger Stadtteil Stühlinger sehr idyllisch. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man die Zeichen der Zeit: Farbe blättert von Fassaden und Zäunen, viele Fenster und Türen sehen zunehmend verwittert aus und auch die Gebäudehülle ist nicht gedämmt. Kein Wunder, denn die zentrumsnahe Wohngegend mit insgesamt 250 Wohnungen ist bereits in den 1950er-Jahren gebaut worden und steht seitdem so gut wie unverändert da.

Doch nicht mehr lange: Die Fläche gehört zu insgesamt 14 Entwicklungsbereichen, die der „Perspektivplan 2030“ der Stadt Freiburg ausweist. Hier soll dringend benötigter Wohnraum entstehen, der der hohen Lebensqualität der Stadt gerecht wird und gleichzeitig bezahlbar bleibt. Die Stadt Freiburg setzt damit – wie viele andere stark wachsende Kommunen – auf eine effiziente Flächennutzung. Das heißt, sie verfolgt eine qualitative Innenentwicklung und das Einsparen von Flächen.

Wissen zum Mitnehmen

Keine Sanierung, sondern eine Neubebauung: So lautet der Plan für das Freiburger Quartier Metzgergrün. Die 27 zweigeschossigen Häuser aus den 1950er-Jahren müssten zu aufwändig modernisiert werden, als dass es rentabel wäre. Deswegen sollen zukünftig an gleicher Stelle drei- bis viergeschossige Häuser entstehen, die sich um Innenhöfe sowie um eine Quartiersmitte gruppieren. Roland Jerusalem, Leiter des Stadtplanungsamtes, lobt dabei nicht nur die zusätzliche Wohnfläche. Er unterstreicht auch den Erhalt der kleinteiligen Bebauungsstrukturen. „Sie bewahren den Charakter des Quartiers und bieten hochwertige Freiräume und Gartenflächen, die eine lebendige Nachbarschaft ermöglichen.“

Den Gesamtraum im Blick

„Neue Bauvorhaben führen immer wieder zu Grundsatzdiskussionen. Darüber, wie viel städtebauliche Dichte verträglich ist. Oder was eine angemessene Freiraumversorgung bedeutet“, sagt Roland Jerusalem, Leiter des Stadtplanungsamtes Freiburg. Er sitzt am Besprechungstisch seines Büros im achten Stock und blickt von dort aus auf große Teile der Stadt. „Um diese Fragen transparent und nachvollziehbar beantworten zu können, brauchte Freiburg einen neuen strategischen Rahmen.“ Vor diesem Hintergrund wurde 2014 der Prozess angestoßen, an dessen Ende jetzt neue Leitideen für die Entwicklung der Stadt stehen.

Wohn- und Freiraum auf Augenhöhe

Im Kern verfolgt der „Perspektivplan 2030“ einen gesamtstädtischen Fokus, der gewährleisten soll, dass Freiburg bei allem Wachstum seinen Charakter und seine Identität nicht verliert. Deswegen sollen ab sofort bei allen städtebaulichen Projekten Wohn- und Freiräume gleichberechtigt betrachtet werden.

„Gerade die Außenbereiche spielen eine zunehmend wichtige Rolle für die Entwicklung von Quartieren. Sie prägen die nachbarschaftlichen und sozialen Strukturen, was eine wesentliche Rolle für die Lebensqualität der Anwohner spielt“, sagt Markus Liesen als Projektleiter des Perspektivplans. „Deswegen verstehen wir Freiflächen nicht länger als bloße Pufferzonen zwischen Siedlungen. Wir wollen sie vielmehr in ihrer eigenen Wertigkeit ausbauen und uns erst über die freiräumlichen Potenziale klar werden, bevor wir passende Bebauungsstrategien entwickeln.“

Bedarfsanalyse als Basis

Der Freiburger „Perspektivplan 2030“ basiert auf einer Mischung aus kreativen Ideen und objektiven Daten. Für ein solides Fundament gab es zu Beginn der Überlegungen eine umfassende Wohnmarktanalyse samt Prognose. Dabei kam im Ergebnis heraus, dass ca. 14.600 Wohneinheiten bis 2030 benötigt werden – das sind rund 5.700 mehr, als die Stadt in der Planung hatte. Um auch aktuellen Entwicklungen, wie beispielsweise dem starken Zuzug von Geflüchteten, gerecht werden zu können, sollen die entsprechenden Wohnraumdaten jetzt kontinuierlich erhoben werden.

Stadtentwicklung Freiburg - nachbarschaftliche und soziale Strukturen
Beispiele für die Stadtenwticklung Freiburg
Stadtentwicklung über Generationen hinweg in Freiburg

Umfangreiche Einbindung der Anspruchsgruppen

Neben dieser durchaus innovativen Grundeinstellung zur Stadtentwicklung war auch der Entstehungsprozess des Perspektivplans an sich alles andere als selbstverständlich.

So war es von Anfang an die Idee, die Öffentlichkeit möglichst stark einzubinden. „Für Bürger erscheinen innerstädtische Nachverdichtungen oft wahllos, da sie die genauen Rahmenbedingungen nicht kennen“, sagt Roland Jerusalem. Um dem entgegenzuwirken, habe man auf die Bürgerbeteiligungen gesetzt. Mit unerwartetem Erfolg: „Zu unserer ersten öffentlichen Informationsveranstaltung kamen über 350 Leute. Das waren so viele, dass wir gar nicht alle unterbringen konnten. Damit war uns klar, dass wir das Projekt nochmal anders aufziehen müssen.“

Zu unseren ersten öffentlichen Informationsveranstaltung kamen über 350 Leute.

Die Vor- und Nachbereitung aller Prozessschritte hat das Stadtplanungsamt dabei zusammen mit der Architekten- und Planer-Arbeitsgemeinschaft „Cityförster | freiwurf | Stein+Schulz“ umgesetzt. So auch den Beteiligungsprozess, der nach den ersten Erfahrungen noch umfassender gestaltet wurde. Letzten Endes haben hier ein städtisches und ein externes Team interdisziplinär zusammengearbeitet – bestehend aus Freiraum- und Landschaftsplanern, Stadtplanern und Architekten.

Die richtige Kommunikation macht den Unterschied

„Eine entscheidende Rolle für den Konsens zum finalen Perspektivplan hat der Moderator Dirk Kron vom Büro suedlicht für unseren Prozess gespielt“, so Roland Jerusalem. „Er hat nicht nur die Veranstaltungen und Workshops geleitet, sondern ist auch als Prozess- und Kommunikationsberater in Erscheinung getreten.“ So habe man es geschafft, alle Beteiligten auf Augenhöhe anzusprechen und die Ergebnisse nachvollziehbar zu präsentieren.

Markus Liesen legt an dieser Stelle eine Broschüre auf den Tisch, die den Prozess und die Ziele des „Perspektivplan 2030“ auf knapp 20 Seiten zusammenfasst. „Wir haben die Notwendigkeit erkannt, unsere Kommunikation ebenso professionell aufzubereiten wie das Projekt selbst“, sagt er. So konnten beispielsweise während des gesamten Prozesses alle Themen, Ergebnisse und nächsten Schritte über ein multimediales Weblog verfolgt werden.

Der Aufwand und die Ressourcen für den Perspektivplan waren hoch.

Mut zu neuen Wegen

„Der Aufwand und die Ressourcen für den Perspektivplan waren hoch“, sagt Roland Jerusalem abschließend. „Doch hat es sich gelohnt. Denn wir haben nicht nur ein neues Leitbild für die Stadtentwicklung generiert, sondern auch eine belastbare Grundlage für den neuen Flächennutzungsplan geschaffen.“

Zudem hat eine zusätzliche Projektgruppe des Planungsamtes bereits während des Prozesses damit begonnen, innerhalb der 14 Entwicklungsbereiche fünf konkrete Flächen weiterzuentwickeln. Das mag etwas voreilig klingen, doch können auf diese Weise parallel zur Verabschiedung des Perspektivplans erste Rahmenpläne erarbeitet werden – die konkrete Maßnahmen zur eher abstrakten Leitidee aufzeigen. So beispielsweise im Quartier Metzgergrün, das aus seinem „Dornröschenschlaf“ erwachen (siehe Badische Zeitung, 26.03.2017) und in Zukunft nicht nur für zusätzlichen, sondern auch für zeitgemäßen Wohnraum stehen wird.

Sieben Werkzeuge

Auch wenn der Perspektivplan als Leitidee abstrakt anmutet, beinhaltet er viele greifbare Resultate. Dazu zählen die „Sieben Werkzeuge“, die als transparente Entscheidungsgrundlage und Ideenpool für zukünftige Bauprojekte und Freiraumplanungen in Freiburg dienen sollen. Sie lassen sich in datenbasierte und kreative Werkzeuge aufgliedern.

Datenbasiert

Atlas:
„Status quo“ zu Dichte und Freiraum

Freiburger Dichten:
Potenzielle Orte für Nachverdichtung und neue Freiräume oder deren Qualifizierung

Gebietstypologie:
Empfehlungen zur möglichen Umstrukturierung von Flächen mit ähnlichen Herausforderungen

GIS-Modell:
Digitales Informationssystem zur Flächenauswertung

Kreativ

Strategische Bausteine:
Möglichkeiten und Beispiele konkreter Planungsansätze

Strukturplan Gesamtstadt:
Leitstrukturen und Orientierungspunkte für die Stadtentwicklung

Entwicklungsbereiche:
Potenziale ür mehr Wohnraum und bessere Freiflächen

Faktenlage

"Perspektivplan 2030", Freiburg

  • Entwicklung einer neuen, zeitgemäßen Leitidee zur Stadtentwicklung
  • Konzipiert als planerisches Instrument für mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit in der Planung
  • Ziel ist die Wahrung des Charakters, der Identität sowie der hohen Lebensqualiäöt Freiburgs; ebenso die Ermittlung von noch fehlenden Wohnraumpotenzialen (ca. 5.000-7.000 Wohneinheiten bis 2030) mit Fokus auf der Innenentwicklung
  • Besonderheiten:
    • Inhaltlich: Gleichberechtigte Planung von Wohn- und Freiräumen
    • In der Umsetzung: Kein Gutachten, sondern Entstehungsprozess; intensive Zusammenarbeit mit verschiedenen Anspruchsgruppen (Öffentlichkeit, städtische und externe Fachleute)
  • Projektleitung: Stadtplanungsamt Freiburg
  • Projektumsetzung: Arbeitsgemeinschaft
    Cityförster | freiwurf | Stein+Schulz
    (über europaweites Ausschreibungsverfahren), Kommunikationsbüro suedlicht und designconcepts GmbH, beide Freiburg