Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Architektenkammer Baden-Württemberg

Vorbildliche Revitalisierung im Dorfzentrum

Im Vorwort zur allerersten KONZEPT-Ausgabe beschäftigte sich Markus Müller mit der Frage, wie das „existentielle Grundbedürfnis Wohnen“ gestillt werden könne, wenn der Wohnraum zunehmend knapp wird und Preise infolgedessen immer weiter ansteigen. „Die Antwort darauf darf nicht nur sein, neue Gebäude und Wohnungen zu bauen. Vielmehr müssen sich Konzepte etablieren, die eine ganzheitliche Betrachtungsweise auszeichnet – in denen das Morgen bereits heute mitgedacht wird. Neben Wohnraum spielen hier Aspekte wie Nachhaltigkeit, Demografie und Lebensqualität eine entscheidende Rolle“, schrieb der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg vor drei Jahren.

Wenn wir in diesem letzten KONZEPT-Newsletter über die Revitalisierung und Erweiterung eines historischen Gutshofs in Efringen-Kirchen berichten, dann sind die Worte von Markus Müller zumindest teilweise auf fruchtbaren Boden gefallen. Es gibt sie durchaus, die zukunftsorientierte Wohnformen, bei denen umfassende Anforderungen durch innovative Umsetzungen erfüllt werden. Das Projekt in Efringen-Kirchen ist ein herausragendes Beispiel dafür.

Kurz & bündig

Revitalisierung und Erweiterung eines historischen Gutshofs

Architekten: siedlungswerkstatt Entwicklungsgesellschaft mbH, Jochen Czabaun und Erich Baumann, Konstanz

Bauherr: Baugemeinschaft Gutshof, Efringen-Kirchen

Fertigstellung: 2016

Im Zentrum des Ortsteils Kirchen liegt der denkmalgeschützte Gutshof auf einem der ältesten Anwesen des Dorfes. Zur historischen Anlage aus dem 19. Jahrhundert gehören Wohnhaus, Scheune, Altenteil und das ehemalige Backhaus. Architekt Erich Baumann ist der Bau seit langem ein Begriff, schon als Schuljunge sei er hier unterwegs gewesen. Ein Umstand, der sich positiv auf seine Arbeit ausgewirkt habe: „Für die Planung ist es von Vorteil, wenn man mit dem Ort vertraut ist und sich damit identifizieren kann.“

Was freilich nichts an der Tatsache änderte, dass das Objekt in desolatem Zustand war und „lange nicht die Atmosphäre von heute ausstrahlte“. Mutige Bauherren hätten aber das Potential erkannt. „Ohne sie wäre es nicht gegangen.“

Eine von ihnen ist Petra Rosignol. Sie musste Überzeugungsarbeit leisten. Zuerst in ihrer Familie, dann bei den Nachbarn. „Wir wollten kein Fremdkörper sein und trotzdem eigene Ansprüche umsetzen“, beschreibt sie rückblickend die Ausgangslage. Das Projekt habe sie gereizt und letztlich einen Traum erfüllt. „Wir wollten am Land sein, aber auch mitten im Leben. Deshalb legten wir als Zugezogene von Anfang an Wert auf Nähe.“ Regelmäßige Informationen und Gespräche während der Bauphase schufen Verständnis dafür, dass gewohnte Elemente mit neuen Ansätzen kombiniert werden müssen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Ein Hoffest zur Eröffnung ermöglichte zusätzliche Transparenz und überhaupt löse der Innenhof Begegnung aus. Die Nachbarn mitzunehmen habe sich als wesentlicher Erfolgsfaktor erwiesen. „Wir fühlen uns integriert. Großes Lob an den Architekten, der den gesamten Prozess sehr gut moderiert hat.“

Das gelte nicht nur für die Bewohner, sondern auch intern für die Baugemeinschaft. „Wir kannten uns vorher nicht und haben zusammen etwas realisiert, was man durchaus als Modell mit Zukunft bezeichnen kann.“ In der Gruppe sei etwas Größeres entstanden, „allein hätten wir das in dieser Gesamtheit nie umsetzen können“. Das Projekt fühle sich an wie ein gemeinsames Baby, das man großziehe und pflege. Aus diesem Verantwortungsgefühl heraus ist für Petra Rosignol ein Mehrwert in Form einer lebendigen Gemeinschaft mit guter Infrastruktur entstanden.

„Engagierte Mitstreiter wie in Efringen-Kirchen sollte es viel öfter geben“, schwärmt Erich Baumann noch heute über die Baugemeinschaft. „Als Architekt ist man immer mit offenen Augen unterwegs. Du sehnst dich nach Projekten an Orten mit großer Ausstrahlung.“ Aber es brauche eben auch Partner, die bereit sind, ein gewisses Risiko zu tragen. Bei alter Bausubstanz könne es immer Überraschungen geben, nicht alle Maßnahmen seien im Voraus berechenbar. „Ein gutes Quantum Mut hat in dem Fall einen schönen Lohn für die Bauherren gegeben.“

Beim Gutshof in Efringen-Kirchen sei es ihm wichtig gewesen, den Komfort des Neubaus mit der Atmosphäre des Bestands zu verbinden. „Dieser Platz hat durch die Umgebung, insbesondere durch die Kirche, eine unglaubliche Energie. Diese Kraft wollten wir aufnehmen und ins Projekt übertragen.“ An einem gewachsenen Ort, der nicht umsonst der älteste bebaute Punkt im Dorf sei. Der bewusste Kontrast zwischen modernen und historischen Elementen gebe eine besondere Spannung. „Altes nachvollziehbar belassen, Neues klar erkennbar machen“, dieser Anspruch habe sich von Anfang an durchgezogen. Bis aus der ersten Idee „ein Projekt mit Signalwirkung“ werden konnte, habe es freilich „noch intensivere Gespräche als sonst“ mit den Bauherren gebraucht. „Als Privater bist du nicht auf schnellen Ertrag aus. Du denkst an eine langfristige, auf deine Bedürfnisse zugeschnittene Nutzung für dich selbst. Da bekommt Qualität einen anderen Stellenwert als im kommerziellen Wohnbau.“

Architektur könne einen Ort wertvoll machen, ist Erich Baumann überzeugt. 2000 m2 in zentraler Lage, aber schlechtem Zustand, das sei keine gute Kombination gerade in Gebieten, die mit Abwanderung zu kämpfen haben. Deshalb sein Appell an die Politik: Neubaugebiete auf der grünen Wiese nicht forcieren, wenn in den Dörfern Potential brach liegt. Nur so könnten insbesondere junge Leute motiviert werden, auf dem Land zu bleiben oder zurückzukommen. Was sich wiederum positiv auf gewachsene Strukturen auswirke, die nur dann bestehen bleiben, wenn die Infrastruktur genutzt und kleine Orte dadurch lebenswert bleiben. Fertighäuser an den Ortsrändern seien dazu nur sehr bedingt in der Lage.

Damit läuft Baumann offene Türen bei Bürgermeister Philipp Schmid ein. Er begrüßt die Belebung des historischen Kerns seiner Gemeinde und freut sich, dass damit etwas Druck aus dem teuren Wohnungsmarkt genommen werde. Und das ressourcenschonend ohne Erschließung von Neuland, allein durch den Erhalt wertvoller Substanz, die bereits vorhanden war. Schmid ist überzeugt, dass solche Projekte darüber hinaus „den inneren Zusammenhalt im Dorf fördern“. Noch dazu auf Initiative von Privaten, die so eine beispielhafte Form des bürgerschaftlichen Engagements vorgezeigt hätten. Und dabei im Übrigen auf den Geschmack gekommen sind. Für 2022 ist das nächste Projekt in Efringen-Kirchen geplant. Wieder soll es ein Mix aus Tradition und Moderne werden, entstehen soll dieses Mal ein kleines Gästehaus mit vielfältigen Gemeinschaftsbereichen, verraten Petra Rosignol und Erich Baumann.

Prämiertes Objekt

Der Gutshof in Efringen-Kirchen gehört zu den prämierten Objekten beim Auszeichnungsverfahren „Lörrach 2012-2019“. In der Begründung schreibt die Jury:

Mit viel Liebe zum Detail und behutsam im Umgang mit dem Bestand haucht diese Sanierung dem Ortskern rund um Kirche und (ehemaliges) Rathaus Leben ein: Vorhandene Kubaturen erhielten neue Nutzungen; zusätzlich wurde neuer, hochwertiger Wohnraum in Neubauten geschaffen. Dabei treten die Baukörper nicht in Konkurrenz zueinander. Das Objekt beweist eindrucksvoll, dass Nachverdichtungen auch in einem denkmalgeschützten Umfeld machbar sind. Der sorgfältig gestaltete Freiraum verstärkt die Ensemblewirkung des Gutshofs. Ein äußerst gelungenes Beispiel dafür, wie in alten Ortskernen vorhandene Wohn- und Lebensqualität mit entsprechenden baulichen Mitteln weiter gehoben werden kann.

Objektbeschreibung

Im Dorfkern des Ortsteils Kirchen liegt der denkmalgeschützte Gutshof auf einem der ältesten Anwesen. Die historische Anlage aus dem 19. Jahrhundert mit Wohnhaus, Scheune, Altenteil und ehemaligem Backhaus vermittelt die Atmosphäre und die Kraft eines über Generationen gewachsenen Ortes. Nach Plänen der siedlungswerkstatt wurde die gesamte Anlage in ihrer ursprünglichen Substanz und räumlichen Qualität wiederbelebt und durch behutsame Ergänzungen in einer betont modernen Architektursprache zu einem qualitätsvollen Ensemble gefasst.

Das bestehende Wohnhaus und das Altenteil wurden revitalisiert sowie in der angrenzenden Scheune vier kleine Wohneinheiten realisiert. Drei neue Wohnhäuser im Passivhausstandard ergänzen in zeitgemäßer Formensprache behutsam den historischen Bestand. Die Umsetzung erfolgte durch eine private Bauherrengemeinschaft, womit das Projekt auch hinsichtlich der Organisation die Möglichkeiten einer nachhaltigen Dorfentwicklung aufzeigt.

Die historische Anlage aus dem 19. Jahrhundert vermittelt die Atmosphäre eines über Generationen gewachsenen Ortes.

Foto: Dirk Wilhelmy

Die historische Anlage aus dem 19. Jahrhundert vermittelt die Atmosphäre eines über Generationen gewachsenen Ortes.

Faktenlage

Baugemeinschaft Gutshof, Efringen-Kirchen

  • Fertigstellung: Oktober 2016
  • 10 Wohnungen (4 Mietwohnungen, 1 historischen Wohnhaus, 3 neue Einfamilienhäuser und 2 Ferienwohnungen) zwischen 60 und 120 Quadratmetern; 1 Gewölbekeller als Besprechungs- und Veranstaltungsraum. Nutzfläche gesamt ca. 1.420 Quadratmeter
  • Besonderheiten: Denkmalschutz und hohe Energieeffizienz. Die energetische Ertüchtigung wurde unter konsequenter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Belange durchgeführt. So wurde beim historischen Wohnhaus und dem Altenteil auf die Dämmung der Außenwände komplett verzichtet, die Scheune wurde als Effizienzhaus realisiert und die Neubauten sind Passivhäuser. Beheizt wird das gesamte Ensemble über eine zentrale Holzpelletanlage. Hinsichtlich des Energieverbrauchs werden die Grenzen für Neubauten – trotz der denkmalbedingten Einschränkungen – insgesamt deutlich unterschritten.
  • Bauherr: Baugemeinschaft Gutshof
  • Architekten: siedlungswerkstatt Entwicklungsgesellschaft mbH, Konstanz
  • Auszeichnung: Beispielhaftes Bauen Landkreis Lörrach 2012-2019
  • Präsentiert beim Tag der Architektur 2020

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