Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: www.dietmar-strauss.de

Eglosheim: Wohngebäude trifft auf Lebensmittelmarkt

Kurz & bündig

Dass eingeschossige Discounter in Innenstadtlage sich künftig für eine sinnvolle Nachverdichtung anbieten, daran besteht kein Zweifel. Herausforderungen gibt es dabei viele, da sich die Bedarfe der Marktbetreiber und potenzieller Bewohner selten decken. In Ludwigsburg-Eglosheim hat man diese Herausforderungen bereits vor anderthalb Jahrzehnten in den Griff bekommen. Mittels der Konzeption der Büros Kai Dongus und Lang + Meinhardt gelang im konstruktiven Miteinander aller Beteiligten nicht nur die Schaffung dringend benötigten, bezahlbaren Wohnraums, sondern auch eine erfolgreiche Entwicklung in Richtung „Soziale Stadt“.

Eine vielversprechende Verbindung

Die großzügige, begrünte Dachterrasse des Wohngebäudes in Ludwigsburg-Eglosheim dient als Garten mit hohem Aufenthaltswert und Ort für nachbarliche Begegnung und Kommunikation. So weit, so gewöhnlich. Doch angesiedelt sind die Wohnungen auf einem Lebensmittelmarkt als Sockelgeschoss. Was heute aufgrund akuter Wohnraumknappheit als vielversprechende Option diskutiert wird, wurde in Ludwigsburg bereits vor 15 Jahren Wirklichkeit. Die Erfahrungen sind positiv.

„Eglosheim war damals der bevölkerungsreichste Stadtteil Ludwigsburgs“ erinnert sich Andreas Veit, Geschäftsführer der Wohnungsbau Ludwigsburg. „In der Entwicklung galt es deswegen, bestehende Flächen möglichst optimal für zusätzlichen Wohnraum zu nutzen. Gleichzeitig musste die Nahversorgung sichergestellt sein.“ Diesen umfassenden Anforderungen wurde der Entwurf der Büros Kai Dongus und Lang + Meinhardt gerecht, der vorsah, Wohnraum auf dem Sockelgeschoss eines Supermarktes zu realisieren.

Seiner Zeit voraus

Ein sehr ambitioniertes Projekt, das zu Beginn der 2000er-Jahre echten Pionier-Charakter hatte. „Grundsätzlich haben Sie einen Zielkonflikt, wenn es darum geht, einen Nahversorger mit Wohnungen zu kombinieren", so Andreas Veit. „Das gilt vor allem für den öffentlichen Raum. Für Supermärkte sind beispielsweise Parkplätze und Lieferzonen relevant. Anwohner dagegen schätzen ihre Privatsphäre." Die Lösung im Rahmen des Projekts: Es gelang, ein sehr konstruktives Miteinander zu schaffen. Der Marktbetreiber vor Ort zeigte sich äußerst rücksichtsvoll. Zudem wurden öffentliche und private Flächen klar getrennt, um Störungen zu minimieren.

Dabei war die Realisierung des neuen Stadtteilzentrums auch von großer lokalpolitischer Bedeutung für Eglosheim, hatte sie doch maßgeblichen Anteil am Erfolg des Stadtteilentwicklungsprogramms „Soziale Stadt“. „Mit den neuen Wohnungen konnten wir nicht nur bezahlbaren, sondern auch altersgerechten und barrierefreien Wohnraum anbieten. Also genau das, was auch heute zunehmend gesucht wird.“

Potenzial für die Zukunft

Als Erfolgsfaktor nennt Andreas Veit vor allem die gut durchdachte Konzeption. Die Praxis zeigt bis heute, dass sie funktioniert. Dementsprechend hoch schätzt er das Potenzial ein, ähnliche Modelle auch weiterhin einzusetzen, um dringend benötigte Wohnungen zu schaffen. Es bedürfe aber des Mitwirkens aller, so der Geschäftsführer der Wohnungsbau Ludwigsburg. „Für ein erfolgreiches Gelingen müssen mitunter das Baurecht und Bebauungspläne angepasst werden. Darüber hinaus benötigen Sie eine verständnisvolle Nachbarschaft und natürlich die Bereitschaft der Handelsketten.“

Faktenlage

Stadtteilzentrum, Ludwigsburg-Eglosheim

  • Wohnraum auf dem Sockelgeschoss eines Lebensmittelmarkts
  • Fertigstellung: 2004
  • 29 Wohnungen von 86 bis 115 m2 sowie eine Praxis für Krankengymnastik
  • Besonderheiten: altersgerecht und teilweise barrierefrei (z. B. elektrische Türen); große und begrünte Dachterrasse; klare Trennung des privaten und öffentlichen Raums
  • Teil des Stadtteilentwicklungsprogramms „Soziale Stadt“ mit dem Ziel, Wohn- und Lebensbedingungen sowie die wirtschaftliche Basis in den Stadtteilen oder Quartieren zu stabilisieren und zu verbessern.
  • Bauherr: Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH
  • Architekten: Kai Dongus, Ludwigsburg und Fritz Lang (†) + Jürgen Meinhardt (†), Ludwigsburg
Seite 2 „Das war damals wirklich ungewöhnlich“

„Das war damals wirklich ungewöhnlich“

Interview mit Kai Dongus, einem der Architekten des Stadtteilzentrums in Ludwigsburg-Eglosheim

Herr Dongus, die Planungskonkurrenz liegt fast 17 Jahre zurück. War die Idee, Wohnraum auf einem Lebensmittelmarkt zu schaffen, damals der Zeit voraus?

Ja, der Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH war es als Bauherr zunächst ein Anliegen, Wohnraum zu schaffen. Gleichzeitig gab es im Hinblick auf das Stadtteilentwicklungsprogramm „Soziale Stadt“ den Wunsch, in Eglosheim einen Vollsortimenter anzusiedeln. So schrieb die Wohnungsbau Ludwigsburg einen Wettbewerb für diese ungewöhnliche Bauaufgabe aus. Gemeinsam mit Meinhardt und Lang erhielten wir den ersten Preis.

Was waren die größten Herausforderungen bei dem Projekt?

Problematisch war vor allem die Parkierung. Eine schöne Freianlage können Sie schlecht planen, wenn da 150 - 200 Parkplätze sind. Die möchte der Vollsortimenter aber auch nicht im Untergeschoss haben. Die Kunden sollen mit dem Einkaufswagen ebenerdig in den Laden können. Das ist nach wie vor ein Thema. Ebenso die Warenanlieferung. Die beginnt teilweise morgens um Vier.

Wie schätzen Sie das Potenzial ein, auf eingeschossigen Discountern heute nachträglich Wohnraum aufzustocken?

Grundsätzlich sind diese Flächen – meist in zentraler Lage – nur eingeschossig genutzt. Das ist in der heutigen Grundstücksmarktlage nicht zukunftsfähig. Dass man dort nachverdichten wird, steht außer Frage. Man muss die bestehenden Gebäude allerdings abreißen und komplett neu bauen. Auf diesen Gebäuden, die häufig als Holzkonstruktionen ausgeführt werden, können Sie keine mehrgeschossigen Wohnungsbauten errichten.

Haben Sie seitdem an ähnlichen Projekten gearbeitet?

Für uns war das Projekt eher eine Ausnahme. Im Wohngebiet Neckarterrasse haben wir allerdings gerade um einen Supermarkt herum Wohnungen gebaut. Da gab es hinsichtlich der benachbarten Gebäude dieselben Herausforderungen.

Werden die großen Player wie ALDI und LIDL künftig direkt mehrgeschossig bauen?

Sicher. Die Nachfrage nach Wohnungen und damit auch die Preise sind so hoch, dass die Grundstücksausnutzungen eine immer größere Rolle spielen werden. Und so ein Vollsortimenter mit großzügigen Öffnungszeiten kann ein gewichtiges Argument für Interessenten sein, dort hinzuziehen.

Hohe Wohnqualität im Ortszentrum: Laubengänge und gegenseitige Balkone bieten alternative, differenzierte Freisitzplätze. Dank barrierefreier Einheiten ist auch für das Wohnen unter veränderten Lebensbedingungen im Alter vorgesorgt. (Foto: www.dietmar-strauss.de)

Foto: www.dietmar-strauss.de

Hohe Wohnqualität im Ortszentrum: Laubengänge und gegenseitige Balkone bieten alternative, differenzierte Freisitzplätze. Dank barrierefreier Einheiten ist auch für das Wohnen unter veränderten Lebensbedingungen im Alter vorgesorgt. (Foto: www.dietmar-strauss.de)