Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Brigida González

Quartier Rosenstein: Neuer Wohnraum mitten in Stuttgart

Seite 1 Flächenrecyclingpreis für Rosenstein
Kurz & bündig

Das Quartier Rosenstein schafft neuen und zeitgemäßen Wohnraum auf einer innerstädtischen Fläche im starkbesiedelten Verdichtungsraum Stuttgart. Durch ein überzeugendes städtebauliches und soziales Konzept entwickelt hier das Siedlungswerk Stuttgart als Bauherr eine Gewerbebrache zu einem neuen Stadtquartier. Großer Pluspunkt und Anlass zur Auszeichnung mit dem Flächenrecyclingpreis 2019: Die Wiederbelebung einer ungenutzten Fläche – in Kombination mit einem aufeinander aufbauenden und vernetzten Konzept für alle Bauabschnitte.

Flächenrecyclingpreis für Rosenstein

Wie lassen sich innerörtliche Potenziale und bereits bestehende Siedlungsstrukturen für zeitgemäßes Wohnen nutzen? Dieser Frage geht die Jury des Flächenrecyclingpreises nach und zeichnet alle drei Jahre Projekte aus, die für einen verantwortlichen Umgang mit der knappen Ressource Boden stehen. Aktueller Preisträger ist das Quartier Rosenstein in Stuttgart.

In der Begründung der Jury heißt es unter anderem: „Das aus einem offenen Planungswettbewerb hervorgegangene Projekt eröffnet eine nachhaltige Neuordnung, die nicht nur eine strukturstörende Gewerbebrache beseitigt, sondern durch architektonische Klarheit und Kraft eine Aufwertung des Quartiers bewirkt.“

Bauherr ist die Siedlungswerk GmbH und im Interview mit Geschäftsführer Norbert Tobisch wird klar, dass hier nicht nur eine bis dahin ungenutzte Fläche neu bebaut worden ist. Vielmehr steht das Rosenstein-Quartier für ein überzeugendes städtebauliches Konzept, das eine soziale Durchmischung, Gemeinwesen- und Nachbarschaftskonzepte sowie ein innovatives Energie- und Mobilitätskonzept vorsieht: Zukünftig entstehen auf der Fläche ca. 450 Wohneinheiten, zwei Kindertagesstätten, eine Tagespflege, eine Sozialstation sowie ein Männerwohnheim.

Kurzinfo

Flächenrecyclingpreis 2019

Bereits zum sechsten Mal wurde die Auszeichnung vom Wirtschaftsministerium gemeinsam mit der Architektenkammer Baden-Württemberg, dem Städte-, Gemeinde- und Landkreistag, dem altlastenforum sowie der Sparkassenfinanzgruppe vergeben.

Die feierliche Preisverleihung fand am 5. Februar in der Sparkassenakademie in Stuttgart statt. Insgesamt gab es 22 Bewerbungen für den Preis.

Rund 450 Wohnungen, soziale Einrichtungen und Nachbarschaftstreffs entstehen im neuen Rosenstein-Quartier. (Quelle: Ackermann + Raff)

Quelle: Ackermann + Raff

Rund 450 Wohnungen, soziale Einrichtungen und Nachbarschaftstreffs entstehen im neuen Rosenstein-Quartier. (Quelle: Ackermann + Raff)

Herr Tobisch, wie entstand die Idee, die ehemalige Gewerbefläche als Wohnraum zu nutzen?

Der Standort im bislang wenig beachteten Nordbahnhofviertel hat uns von Anfang an stark interessiert. Als Gewerbebrache in einem gewachsenen Wohnquartier des vorletzten Jahrhunderts haben wir in ihr ein großes Potenzial und gleichzeitig eine große Herausforderung gesehen. Das Ziel war von Beginn an, unser Kernthema - die Entwicklung eines sozial gemischten Quartiers - auf dieser innerstädtischen Fläche umzusetzen.

Welche Vorkehrungen mussten Sie treffen, um mit der Bebauung starten zu können?

Zunächst waren viel diplomatisches Geschick und noch mehr Überzeugungsarbeit erforderlich, um die Fläche zu erwerben. Aber unsere Idee, ein Quartier für alle Bevölkerungskreise zur Verfügung zu stellen, hat überzeugt und dies auch im Wettbewerb zu anderen Interessenten. Die Belastungen in den Gebäuden und Böden waren bei den Gesprächen natürlich ein Thema. Zudem musste auf langem Weg ein neues Planungsrecht geschaffen werden, das eine Neubebauung an der Stelle überhaupt erst zuließ. Und auch das Regelwerk von SIM, Stuttgarts Innenentwicklungsmodell, galt es zu berücksichtigen.

Wie lange haben Ihre Planungen gedauert und was waren die größten Herausforderungen?

Durch die fachliche Begleitung eines geotechnischen Büros waren wir in der Lage, sehr früh die notwendigen Maßnahmen zu definieren, um den Belastungen der Gebäude und des Grundstücks zu begegnen. Überrascht waren wir von dem Aufwand und den Kosten, die anfallen, organische Materialien wie Reste der Kamillenextrakt-Produktion zu entsorgen. Die städtebauliche Entwicklung mithilfe eines Realisierungswettbewerbs kann man beim Siedlungswerk dann schon als Routine bezeichnen. Schließlich führen wir jedes Jahr bis zu zehn Architektenwettbewerbe durch.

Wie konnten Sie die Kosten wieder auffangen, die für die Nutzbarmachung der Fläche angefallen sind?

Am Ende haben sich alle Beteiligten mit unterschiedlicher Gewichtung an den Entsorgungskosten beteiligt. Das konnten wir in einem Verhandlungsverfahren mit den verschiedenen privaten Alteigentümern, der Stadt und dem Siedlungswerk als Projektentwickler und Träger der Maßnahmen vereinbaren. Öffentliche Zuschüsse wurden keine gewährt, mittelbar haben Städtebaufördermittel über die Einhausung einer benachbarten Skater-Anlage zur Aufwertung des Standorts beigetragen.

Faktenlage

Quartier Rosenstein, Stuttgart

  • Nutzung einer Gewerbebrache als Wohnraum im Nordbahnhofviertel
  • Fertigstellung: 2018 (1. Bauabschnitt)
  • Geplant sind 450 Wohneinheiten, zwei Kindertagesstätten, eine Tagespflege, eine Sozialstation sowie ein Männerwohnheim in Kooperation mit „leben & wohnen“, dem Eigenbetrieb für „Soziales“ der Landeshauptstadt Stuttgart.
  • Besonderheiten:
    • Soziale Durchmischung des Wohnangebots
    • Zusätzliche soziale Einrichtungen
    • Gemeinwesen- und Nachbarschaftskonzept
    • Innovatives Energie- und Mobilitätskonzept (Eisspeicher und E-Autos)
  • Auszeichnung mit dem Flächenrecyclingpreis 2019
  • Bauherr: Siedlungswerk GmbH Wohnungs- und Städtebau, Stuttgart
  • Architekten: Ackermann+Raff GmbH & Co. KG Architekten BDA Stadtplaner, Stuttgart (1. Bauabschnitt)
  • Landschaftsarchitekten: Glück Landschaftsarchitektur GmbH, Stuttgart (1. Bauabschnitt)
  • Weitere Partner: Wehrstein Geotechnik GmbH + Co. KG, Kernen; Körperbehinderten-Verein Stuttgart e.V.

Innovatives Energie- und Mobilitätskonzept

Das Rosenstein-Quartier setzt auf Nachhaltigkeit: Für die Energieversorgung entschied sich das Siedlungswerk Stuttgart für einen hochmodernen Eisspeicher als Langzeit-Energiespeicher. Ergänzt durch ein BHKW, Photovoltaik- und Absorberflächen entstand damit ein Energiekonzept, das den CO2-Ausstoß massiv reduziert.

Und auch Elektromobilität wird großgeschrieben: So haben umfangreiche Untersuchungen dazu geführt, dass es sich anbietet, dem Quartier zwei Elektro-Fahrzeuge in Kooperation mit der stadtmobil carsharing AG Stuttgart zur Verfügung zu stellen. Zusätzliche Räume und Stellplätze zum Laden von verschiedenen Fahrzeugen machen das Projekt zukunftssicher – und das alles mit vor Ort erzeugtem Strom.

Auf ein Wort mit ...

… Alexander Lange, Geschäftsführer von Ackermann + Raff und verantwortlicher Architekt für den 1. Bauabschnitt des Rosenstein-Quartiers.

Worin lag für Sie der Reiz, sich für das Rosenstein-Projekt zu bewerben?

Spannend war für uns die Frage zu lösen, wie wir eine hohe Dichte inmitten der Stadt umsetzen können. Die Grundflächenzahlen lassen uns hier ja nur einen geringen Spielraum und es war klar, dass es da knirschen wird. Aber: Je schwieriger die Aufgabe, desto reizvoller für uns. [lacht]

Hat Sie auch die Fläche als ehemalige Gewerbebrache herausgefordert?

Ja, auf jeden Fall. Es war im Vergleich zu anderen Projekten schon ein erheblicher Aufwand, die Fläche für den Bau vorzubereiten. Im Rahmen der Bauleitung, die auch über uns gelaufen ist, mussten wir beispielsweise viel chemischen Müll entsorgen und eine Kampfmitteluntersuchung durchführen. Was aber noch viel schwieriger war: Geologisch hatten wir es quasi mit einem Steilhang zu tun.

Warum?

Über das Gelände verlief eine alte Eisenbahntrasse, die deutlich tiefer lag als das restliche Areal. Das war statisch kompliziert, denn die eine tragende Schicht war relativ hoch, die andere relativ niedrig. Zudem war das Ganze mit Kriegsschutt verfüllt, was an sich überhaupt nicht tragfähig ist. Da mussten unsere Geologen und Statiker ran, um den Baugrund entsprechend zu präparieren.

Gab es darüber hinaus noch andere besondere Herausforderungen?

Die Bauplanung hat mit rund zwei Jahren länger gedauert als die tatsächliche Bauzeit – weil es äußerst lange Abstimmungsprozesse mit den zuständigen Ämtern und Behörden gab. Was für Stuttgart leider keine Seltenheit ist … Aus meiner Sicht müssen Kommunen hier noch stärker koordinieren und priorisieren, damit schneller mehr Wohnraum entstehen kann.