Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Carmen Mundorff

Qualität und Vielfalt

Wohnen ist ein emotionales Thema. Vor allem für die Menschen, die auf den Flächen leben. Es geht für sie ums Wohlfühlen, um Lebensqualität und nachbarschaftliche Gemeinschaft.

Kurz & bündig

Die Stadt Biberach a.d.R. setzt Stadtentwicklung auf hohem Niveau um. Für eine gute Wohnqualität sind dabei laut Baubürgermeister Christian Kuhlmann die Strategie, der Planungsprozess und die Kommunikation entscheidend. Festgezurrt sind die Grundlagen und angestrebten Ziele in einem umfangreichen Stadtentwicklungskonzept. Dieses liegt seit 2016 bereits in dritter Auflage vor: als Kompass für die Zukunftsfähigkeit der Stadt; mit wichtigen Parametern wie der demografischen Entwicklung, dem Wohnraum-Bedarf und Klimaschutz.

So emotional Wohnen auch ist – um den Bewohnern ein Gefühl von Geborgenheit und „Zuhause sein“ bieten zu können, braucht es eine eher sachliche und nüchterne Herangehensweise. So spielen nachhaltige Strategien und detaillierte Planungen eine entscheidende Rolle, wie Christian Kuhlmann aus Erfahrung weiß. Der Diplom-Ingenieur ist seit 2008 Baubürgermeister in Biberach an der Riß und überzeugt, dass hohe Wohnqualität eine strategische Basis braucht.

Herr Kuhlmann, was macht diese hohe Wohnqualität für Sie aus?

„Wohnqualität definiert sich über viele Kriterien: Dazu gehören eine attraktive Stadt, gute Lebens- und Arbeitsbedingungen, ein Wohnquartier, mit dem ich mich identifiziere, ein Wohnhaus bzw. eine Wohnung, in der ich mich wohlfühle – und das alles zu einem bezahlbaren Preis. Um das zu bieten, müssen Stadtentwicklung, Städtebau und Architektur ineinandergreifen und unser Stadtentwicklungskonzept legt die Basis dazu. Es definiert qualitative und quantitative Ziele für das Wohnen, die für alle Beteiligten als Richtschnur gelten.

Bereits seit 1996 gibt es in Biberach a.d.R. ein Stadtentwicklungskonzept, …

… das mittlerweile in der 3. Auflage vorliegt. Das Konzept setzt fortlaufend die Ziele für wesentliche Planungsbereiche der Stadt fest. Dazu gehören u.a. Verkehr, Wohnen, Gewerbe und Freiräume. Der Klimaschutz ist integrierter Bestandteil aller Themenbereiche. Der Gemeinderat beschließt den jeweils aktuellen Entwurf und bindet sich damit selbst an die darin formulierten Absichten.

Kreative Konzepte für zeitgemäßes Wohnen: Im Wohnquartier Talfeld entsteht Wohnraum auch auf dem Dach eines Supermarkts, entworfen vom Johannes Kaufmann Architektur, Dornbirn / Wien. Eine „Stadt der kurzen Wege“ ist eines der Ziele aus dem Stadtentwicklungskonzept von Biberach.

Foto: Carmen Mundorff

Kreative Konzepte für zeitgemäßes Wohnen: Im Wohnquartier Talfeld entsteht Wohnraum auch auf dem Dach eines Supermarkts, entworfen vom Johannes Kaufmann Architektur, Dornbirn / Wien. Eine „Stadt der kurzen Wege“ ist eines der Ziele aus dem Stadtentwicklungskonzept von Biberach.

Angefangen bei der attraktiven Stadt: Was macht Biberach als Wohnort aus?

„Wir haben eine sehr reizvolle Lage in Oberschwaben, ein historisch intaktes Stadtbild und mit Konzernen wie Boehringer Ingelheim und Liebherr eine große wirtschaftliche Kraft. Daraus resultieren Wachstum, Zuwanderung und Wohlstand – was für uns bedeutet, mittelfristig pro Jahr 150 bis 200 neue Wohnungen zu realisieren, um dem Bedarf gerecht zu werden. Zentrale Themen sind dabei die Innenentwicklung und die Entwicklung neuer Baugebiete.“

Haben Sie für die Zukunft eine bestimmte Wohnform im Fokus Ihrer Planungen?

„Nein, wir müssen immer auf das große Ganze schauen, denn die Wohnbedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Je nach Lebenssituation ist ein breites Spektrum nötig; denken Sie an Haushaltsgröße, Einkommen und Lebensalter. Das reicht von der geförderten Dreizimmerwohnung für einkommensschwache Haushalte über temporäre Wohnangebote für Einzelne, von altengerechten Wohnungen, zum Teil mit Betreuungsangeboten, bis hin zu komfortablen Einfamilienhäusern. Diese Vielfalt bilden wir über unsere Quartierskonzepte oder städtebaulichen Neuentwicklungen ab und setzen sie mit Investoren, Wohnungsbaugesellschaften und privaten Bauherren um.“

Wie gehen Sie dabei vor? Was machen Sie anders als andere?

„Wir folgen dem Grundsatz, nur Flächen zu entwickeln, die der Stadt gehören. Damit können wir neben dem Städtebau und Baurecht auch die konzeptionelle Ausrichtung der Projekte steuern. Bei der Vergabe von Baugrundstücken für Mehrfamilienhäuser spielen deshalb auch das Konzept und der vorgesehene Vorentwurf des Investors eine entscheidende Rolle. Hier versuchen wir, die zuvor beschriebene Vielfalt mit den angebotenen Konzepten in Einklang zu bringen, was inzwischen sehr gut gelingt.“

Gibt es Kritik an Ihrem Stadtentwicklungskonzept? Und wenn ja, in welchem Bereich?

„Den meisten Gegenwind spüren wir bei Veränderungen im Bestand, insbesondere im Innenstadtbereich. Der Eingriff in das bestehende, gewohnte Stadtbild löst bei vielen Menschen Ängste aus. Hier gilt es, frühzeitig, umfassend und transparent die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Dazu gehören eine offene und nachvollziehbare Planung, ein fachlich fundierter Diskurs und die klare Botschaft, dass Entscheidungen demokratisch getroffen werden.“

Blick in die Praxis:

Neubaugebiet Hauderboschen (PDF)

Neben der Planung ist die Qualitätssicherung ein wichtiges Anliegen des Stadtentwicklungskonzepts in Biberach a.d.R. So konnte sich beispielsweise das Stuttgarter Siedlungswerk als Bauherr an der Schweidnitzallee durchsetzen, weil das Wohnbau-Konzept am besten den Zielvorgaben der Stadt entsprach. Zusammen mit Rapp Architekten aus Ulm stellte das Siedlungswerk einen überzeugenden Entwurf zu sozial gemischten Mehrfamilienhäusern vor.

Wohnquartier Talfeld

Das Quartier steht unter anderem für einen kreativen Umgang mit Einfamilienhäusern. Abgeleitet aus dem Stadtentwicklungskonzept sind Cluster zu unterschiedlichen Haustypen definiert worden. So entstehen neben Baugruppen mit eingeschossigen Winkel- und Atriumhäusern auch Gruppen für die aktuell beliebten „Toskanahäuser“. Vorteil: Die Stadt kann ein breites Spektrum anbieten, das dennoch städtebaulich geordnet organisiert ist.

Der Diskurs scheint insgesamt ein wichtiger Aspekt für Ihre Planungen zu sein. Denn viele Ihrer Wohnbau-Vorhaben schreiben Sie über Auswahlverfahren aus …

„Ja, das stimmt. Zur Sicherung von Qualität und Vielfalt setzen wir bei Bauvorhaben auf zwei Optionen: Die Entwicklung einer Lösung über ein konkurrierendes Verfahren wie z.B. eine Mehrfachbeauftragung. Oder die Entwicklung eines Projekts gemeinsam mit dem Gestaltungsbeirat. Dieses Gremium mit vier externen Architekten berät die Stadt bei allen Innenstadt-Projekten und bedeutenden städtebaulichen Vorhaben. Den Investoren lassen wir dabei die Wahl, welchen Weg sie wählen. In jedem Fall werden Vorschläge und Entwürfe umfassend diskutiert, bevor sie zur Realität werden.

Gab oder gibt es Vorbehalte gegen dieses Vorgehen?

„Bei den Mehrfachbeauftragungen scheuen manche Investoren erst die Planungshonorare für die teilnehmenden Architekturbüros. Sobald aber vier oder fünf unterschiedliche Vorentwürfe vorliegen, erkennen sie den Mehrwert dieses Verfahrens. Plötzlich wird deutlich, welch unterschiedliche Ansätze für eine Bauaufgabe möglich sind und dass jetzt die Möglichkeit besteht, den passenden Ansatz herauszusuchen. Das zu zahlende Honorar spielt dann meist keine bedeutende Rolle mehr. [lacht]

Ein offenes Ohr für Bürger

Bei der jährlich stattfindenden Immobilienmesse befragt die Stadt angehende Bauherren und Wohnungseigentümer nach ihrer Hitliste zu Bautypen. Diese Ergebnisse fließen dann in die städtebaulichen Planungen ein. Anders ist es bei der Innenentwicklung im Bestand. Hier setzt die Stadt z.B. auf Workshops, um die Nachbarschaft und Bauinteressenten in den Planungsprozess einzubinden. Beispiele dafür sind die Quartiersentwicklung Martin-Luther-Straße und das neu zu planende Quartier Hirschberg.

Das zukünftige Wohngebiet Hauderboschen ist ca. 9 Hektar groß. Laut Stadtentwicklungskonzept soll hier Wohnraum für unterschiedliche soziale Bedürfnisse entstehen – darunter preisgünstiges Bauen und sozialer Wohnungsbau.

Modell: Stadtplanungsamt Biberach

Das zukünftige Wohngebiet Hauderboschen ist ca. 9 Hektar groß. Laut Stadtentwicklungskonzept soll hier Wohnraum für unterschiedliche soziale Bedürfnisse entstehen – darunter preisgünstiges Bauen und sozialer Wohnungsbau.

Erfahren Sie mehr zum Thema Wohnbau-Wettbewerbe in Biberach am Beispiel des ehemaligen Postareals.


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