Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Nicolai Rapp

Was kann Wohnen auf kleinster Fläche – und was nicht?

Das Tiny House Movement ist hierzulande angekommen. Ob man mit den individuellen, mobilen Häuschen und der absoluten Reduktion „aufs Wesentliche“ eine Lösung für den dringenden Wohnraumbedarf parat hat, wird kontrovers diskutiert. Als „provokante Gegenposition zu immer größeren Wohnungen“ sehen die Architekten Florian Kaiser und Guobin Shen beispielsweise ihr Mikrohofhaus, das in Ludwigsburg unlängst viel Beachtung fand. Prof. Susanne Dürr und Astrid Fath von der Architektenkammer Baden-Württemberg teilen diese Ansicht, halten aber dagegen: „Tiny Houses werden den Wohnungsmangel nicht nennenswert beeinflussen.“

Das Mikrohofhaus

Als man beim Ludwigsburg Museum 2018 den Wettbewerb „Raumpioniere“ ins Leben rief, ging es den Initiatoren nicht etwa darum, Konzepte und Ideen zu prämieren, die zusätzlichen Raum für das Wohnen beanspruchen. Vielmehr sollte der Pioniergeist darin zu finden sein, Lösungsansätze für Nachverdichtungen zu entwickeln – und das auf möglichst kleinem Raum.

Bei über 70 Einreichungen zeichnete die Jury das Konzept des Stuttgarter Ateliers Kaiser Shen als Gewinnerentwurf aus. Ihr sogenanntes Mikrohofhaus steht auf dem Mittelstreifen der stark befahrenen B 27 in Ludwigsburg und bietet gerade einmal 7,3 Quadratmeter Wohnfläche, plus knapp 28 Quadratmeter Außenbereich.

Zum Potenzial des Mikrohofhauses sagt Museumsleiterin Dr. Alke Hollwedel als Veranstalterin des Wettbewerbs:

„Es kann zu Fragen und Kontroversen anregen: Wieviel Dinge und Raum brauchen wir zum Leben und welches Potential hat das Konzept der Nachverdichtung in Städten? Das Mikrohofhaus veranschaulicht, dass Wohnraumgröße nicht mit Wohnraumqualität gleichzusetzen ist.“

 

Die Architekten des Siegerentwurfs thematisieren noch weitere Aspekte:

„Tiny Houses sind die provokante Gegenposition zu immer größer werdenden Wohnungen“, so Florian Kaiser. „Mit unserem experimentellen Mikrohofhaus behandeln wir zwei Fragestellungen: Wie können unwirtliche Restgrundstücke nachverdichtet werden und auf wie wenig Fläche kann die thermisch gedämmte Wohnfläche geschrumpft werden?“

Inspiriert wurden sie bei der Gestaltung von chinesischen Hutongs und marokkanischen Riads. „Diese Hofhäuser, die wir auf Reisen kennenlernen durften, bieten eine atemberaubende Ruhe im Inneren und somit einen Kontrast zum hektischen Leben außerhalb der Hofmauern“, ergänzt Guobin Shen.

Doch den beiden sind die Grenzen solcher Experimente sehr wohl bewusst: „Als frei stehende, geschrumpfte Einfamilienhäuser verbrauchen Tiny Houses relativ viel Fläche“, so Kaiser. „Daher bezweifeln wir, dass sie eine ernstzunehmende Lösung für das Wohnraumproblem in Städten bieten.“

Auszeichnung

Im März 2020 ist das Mikrohofhaus in der Sparte „Besondere Projekte der Baukultur“ mit dem Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg 2020 ausgezeichnet worden.

Willkommen im Mikrohofhaus: Samt des großzügigen Innenhofs kommt man auf 35 Quadratmeter Fläche. Im Innern des Hauses sind es aber lediglich 7,3 Quadratmeter.

Foto: Nicolai Rapp

Willkommen im Mikrohofhaus: Samt des großzügigen Innenhofs kommt man auf 35 Quadratmeter Fläche. Im Innern des Hauses sind es aber lediglich 7,3 Quadratmeter.

Kurz & bündig

Was ist eigentlich ein Tiny House?

Eine feste Definition gibt es nicht. Meist sind damit mobile Eigenheime mit einer Wohnfläche von 15 bis 45 Quadratmetern gemeint. Der Trend, sich beim Wohnen deutlich zu reduzieren, ist in den USA entstanden und zwar in erster Linie aus wirtschaftlicher Not. Als Folge der Finanzkrise konnten sich viele US-Amerikaner keine Baugrundstücke, großen Häuser oder teuren Mietwohnungen mehr leisten. Die Lösung war das Tiny House on Wheels (THOW), also das Bauen eines sehr kleinen Hauses auf einem Anhänger.

Skizzen und Lageplan des Mikrohofhauses

Seite 2 Standpunkt der Architektenkammer Baden-Württemberg

STANDPUNKT DER ARCHITEKTENKAMMER BADEN-WÜRTTEMBERG:

„Tiny Houses werden den Wohnungsmangel nicht nennenswert beeinflussen“

von Prof. Susanne Dürr und Astrid Fath

In einer breiten Ausdifferenzierung von Wohnformen und Wohnweisen als Reaktion auf demografischen, sozialen und kulturellen Wandel werden Tiny Houses als eine mögliche Antwort auf unterschiedlich gebaute Lebensformen diskutiert. In diesem Zusammenhang ist das Alleine-Leben auf reduzierter Wohnfläche ein Trend, der Alternativen schafft zu dem zunehmenden Wohnbedarf.

PRO

Mit der minimierten Grundfläche lässt sich die stetig steigende Wohnfläche pro Person hinterfragen. Die Flächenreduktion des persönlichen Wohnraumbedarfs ist ein relevanter und tragfähiger Ansatz, um Nachhaltigkeit und Wohnbedarf zusammenzuführen. Damit sind Ressourcenersparnisse auf mehreren Ebenen erreichbar: dies betrifft Aspekte wie Reduktion der Hülle, damit Minimierung des zu temperierenden Raumvolumens und des Materialverbrauchs. Durch die Fokussierung auf ein nachhaltiges Leben in einem überschaubaren Spektrum sind aber auch eine ressourcenschonende Baumaterialwahl oder die bewusste Integration von Energiekreisläufen Teil der Entscheidungskette.

CONTRA

Aber auch Tiny Houses beanspruchen Stellfläche, das heißt Grundstücke: Die Dichte, die durch die Addition der kleinen, mobilen und temporären Einpersonenhaushalte erreicht werden kann, ist gering und keine Antwort auf die notwendige Nutzung vorhandener Infrastruktur. Die Genehmigungsverfahren unterscheiden nicht zwischen hoher und geringer Dichte und sind damit unverhältnismäßig aufwändig, die Einführung kleiner Parzellen bietet für eine zukünftige Nachverdichtung wenig Flexibilität. Die Vorhaben, Siedlungen mit Tiny Houses im ländlichen Raum zu entwickeln – Grundstücksgrößen von bis zu 200 Quadratmetern werden in diesem Zusammenhang diskutiert – scheinen ein Rückgriff auf Einfamilienhausstrukturen zu sein, deren Grenzen inzwischen bekannt sind.

FAZIT

Tiny Houses werden den Wohnungsmangel nicht nennenswert beeinflussen. Als Impuls, den Wohnflächenbedarf zu reduzieren, als Strategie der Nachverdichtung an besonderen Orten mit vielfältigen Möglichkeiten, urbane Restgrundstücke alternativ zu bebauen, sind die kleinen Häuser aber eine willkommene Ergänzung.

Stand: Februar 2020

„Der visionäre Ansatz, auch an den unwirtlichsten Orten einen lebenswerten Mikro-Wohnort zu schaffen, ist hier eindeutig erlebbar.“

Auszug aus der Jurybegründung zum Wettbewerb „Beispielhaftes Bauen Landkreis Ludwigsburg 2013-2019“

Der Wettbewerb wird von der Architektenkammer Baden-Württemberg veranstaltet und hat das Mikrohofhaus ausgezeichnet.

Die vollständige Begründung und weitere Angaben zum Auszeichnungsverfahren finden Sie hier.

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