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Ideen des „Neuen Bauens“ prägen den Wohnungsbau bis heute

Das Bauhaus – es ist es zur Legende geworden, obwohl es nur kurze 14 Jahre Bestand hatte, bevor es von den Nationalsozialisten verboten wurde. 2019 jährte sich die Gründung der Schule zum einhundertsten Mal. Nicht nur in der Branche ist das Jubiläum gefeiert worden, auch gesamtgesellschaftlich besteht eine Faszination für die Ideen von Walter Gropius und Co. Woran liegt das? Im Interview nimmt die Kunsthistorikerin. Nina Rind dazu Stellung. Seit mehr als zwei Dekaden beschäftigt sie sich wissenschaftlich mit den 1920er-Jahren.

Frau Rind, zu Beginn eine persönliche Frage: Was begeistert Sie am Bauhaus?

„Als Kunsthistorikerin war ich schon immer ein Fan des Minimalismus. Der lässt sich aus der Kunst auch wunderbar auf die Architektur und das Design übertragen: Den Ansatz, Architektur zu entwerfen, die funktional und schlicht ist, sich zurückhält und den Bewohnern genau das zur Verfügung stellt, was sie brauchen, finde ich faszinierend. Das Neue Bauen der 1920er-Jahre – landläufig als Bauhaus-Stil bezeichnet – ist immer eine ganzheitliche Herangehensweise. Viele Parameter haben sich seit 1919 verändert, sind kleinteiliger geworden. Trotzdem gibt es viele Ähnlichkeiten in der Lebenswirklichkeit zwischen damals und heute. Und gerade deshalb ist Bauhaus heute so aktuell.“

Wo sehen Sie Ähnlichkeiten zu 1919?

„In vielen Bereichen! Da ist zuerst einmal die Wohnungsnot, gerade in den Metropolen. Sie hat zwar heute andere Ursachen als damals, das Faktum aber ist gleich. 1919 wie heute stand man vor der Frage, wie es gelingen kann, bezahlbaren und lebenswerten Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten zu schaffen. Auch Mobilitätskonzepte wurden damals schon mitgedacht: Wie schaffen wir eine Verbindung zwischen Wohnort und Arbeitsstätte der Menschen? Die großen Fragen sind also gleichgeblieben.“

Was ist 2019 anders als 1919?

„Heute haben wir viele allgemeingültige Wohnstandards. Pro Person rechnen wir beispielsweise mit 45 Quadratmetern Wohnfläche. Im Bauhaus hingegen haben sieben Personen auf 80 Quadratmetern gelebt. Das wäre heute unvorstellbar und auch dem Familienfrieden nicht gerade dienlich. [lacht] Zwar hat man auch in den 1920er Jahren auf Mobilitätsaspekte geachtet, aber den heutigen Individualverkehr, die langen Pendlerstrecken, konnte man nicht vorhersehen.“

Egal, ob heute oder vor einhundert Jahren: Welche Lösungen haben die Bauhaus-Architekten für diese Fragen gefunden?

„Im Mittelpunkt des Bauhauses steht immer die Funktionalität. Zuerst einmal haben sie deshalb den Wohnraum im Vergleich zu den bürgerlichen Stadthäusern extrem minimiert. Wohnte die vermögende Bürgerschaft noch in großen und vielen Räumen mit Salon, guter Stube, langen Fluren, meist auch einer Diele, war das im Neuen Bauen anders. Auf Flure wurde beispielsweise möglichst ganz verzichtet. Man betrat die Wohnung und stand direkt im Wohnzimmer. Er war der zentrale Raum, multifunktional, zum Wohnen, Essen, Spielen. Von hier aus konnten alle anderen Zimmer erreicht werden. Auch die klassischen Wohnküchen wurden abgeschafft und der Raum zum Kochen auf das Nötigste reduziert.“

Impressionen der Veranstaltung „Dammerstock - Wohnen 100"

Bildergalerie: Welche Lösungen für den akuten Wohnraummangel haben die Bauhaus-Architekten vor 100 Jahren gefunden? Die Ausstellung „Dammerstock – 100“ ging dieser und vielen anderen Fragen des „Neuen Bauens“ multimedial nach. (Fotos: Anne-Sophie Stolz)

Welche Versprechen der Bauhaus-Architekten haben sich erfüllt, wo mussten ihre Ideen in den vergangenen 100 Jahren an das Heute angepasst werden?

„Über die Zeit hat sich viel verändert, ganz einfach, weil wir unseren Lebensalltag radikal verändert haben. Viele Siedlungen des Neuen Bauens hatten früher Nutzgärten, um eigenes Gemüse anzubauen. Ein Garten und noch dazu ein großer, ist aber arbeits- und zeitintensiv. Diese Zeit nimmt sich heute niemand mehr, deshalb werden die Gärten nicht mehr gebraucht und die Fläche wird eher als Stellplatz für die vielen PKW genutzt.“

Und in den Wohnungen?

„Niemand will mehr abgeschottet von den anderen Familienmitgliedern oder Gästen alleine in einer winzigen Küche kochen, deshalb haben wir heute geöffnete Küchen, um „gemeinsam“ zu kochen. Und generell hat sich der Platzbedarf massiv verändert: In den 1920er-Jahren besaß ein Mensch knapp 200 Dinge. Zählen Sie heute mal in Ihrem Kleiderschrank, alleine da finden Sie mehr als 200 Teile. Diese „Dingwelt“ muss irgendwo untergebracht werden, also brauchen wir Keller und Abstellkammern.
Das gilt übrigens auch für die Lebensmittel: Wurde früher frisch auf dem Markt gekauft und direkt verarbeitet, lagern wir heute fast alles in Kühl- und Tiefkühlschränken, in Konserven und vakuumiert. Auch Haushaltsgeräte wie der Kaffeevollautomat, der Staubsauger oder auch Kinderspielzeug brauchen Platz.“

Also passen die Größen der Bauhaus-Wohnungen nicht mehr in unsere Zeit?

„Nein und ja. Eigentlich sind sie auch heute noch extrem attraktiv. Man muss die Wohnungen nur dem Heute anpassen! Viele junge Familien ziehen oft in diese 80 Quadratmeter Wohnungen. Alle müssen sich dann reduzieren, aber wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist die Wohnung für die Eltern nicht zu groß. Sie müssen sich nicht verkleinern, sondern können in ihrem Zuhause bleiben. Für viele ist das ein sehr attraktiver Gedanke.“

Was kann uns das Bauhaus für heute sagen? Was können wir lernen?

„Um es nicht ausschließlich auf die Architektur zu beziehen, mit Sicherheit die Frage, was wir tatsächlich brauchen. Wohnen und Leben immer wieder neu zu denken. Sich eben nicht nur auf die allgemeinen Standards zu berufen, sondern die Fragen zu stellen: Brauchen wir das wirklich? Oder was brauchen wir vielleicht stattdessen? Die Offenheit, diese Fragen immer und immer wieder zu stellen, können wir vom Bauhaus lernen.

Dammerstock - „Wohnen 100“ geht zu Ende ...

Nina Rind hat die Ausstellung „Dammerstock – Wohnen 100“ wissenschaftlich begleitet. Sie gibt einen Einblick in den Alltag und das Private hinter den weißen Fassaden der Karlsruher Siedlung des Neuen Bauens und stellt Fragen nach Bedarf und Funktionalität aus heutiger Sicht.

... „Die ganze Welt ein Bauhaus“ können Sie noch bis Mitte Februar sehen

Besucher haben im ZKM I Karlsruhe bis zum 16. Februar 2020 die Möglichkeit, die Ausstellung zu besuchen. Weitere Informationen finden Sie unter www.zkm.de