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Ökologische Mustersiedlung

„Mehr in Holz denken“, erhofft sich der Ulmer Architekt Stefan Rapp von seinen Kollegen. Auf einem früheren Kasernengelände im Münchner Osten hatte er selbst mehr als genug Gelegenheit dazu. Dort entsteht das größte zusammenhängende Holzbauquartier Deutschlands. Stefan Rapp setzte auf dem Areal einen Komplex mit 57 Wohnungen um. Und verbindet seinen eingangs erwähnten Wunsch mit dem dringenden Appell an die Politik, „die gegenüber konventionellen Methoden höheren Kosten von Holzbauprojekten wie in München über Förderungen auszugleichen“. Bei einer ganzheitlichen Abwägung im Sinne der Nachhaltigkeit könne man zu keinem anderen Ergebnis kommen. Leider finde diese Gesamtbetrachtung noch viel zu selten statt.

Kurz & bündig

Auf einem 30 Hektar großen Gelände im Osten Münchens entstehen auf Initiative der Stadt 1.800 neue Wohnungen. Rund ein Drittel gehört zum größten Holzbauquartier Deutschlands, das wegen seiner typologischen Vielfalt und zahlreichen Nachhaltigkeitsaspekten als ökologische Mustersiedlung bezeichnet wird. Um kostenmäßig im Rahmen zu bleiben, unterstützt die Stadt das Projekt durch eine Förderung, die auf den Einsatz nachwachsender Rohstoffe abzielt.

Die ehemalige Prinz-Eugen-Kaserne im Münchner Stadtteil Bogenhausen wird seit 2016 städtebaulich entwickelt. Das Projekt schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Auf dem 30 Hektar großen Gelände entstehen nicht nur 1.800 dringend benötigte Wohnungen. Ein Drittel davon erfüllt noch dazu höchste Ansprüche in Bezug auf Nachhaltigkeit: Acht Baufelder mit zusammen 600 Einheiten ergeben das größte zusammenhängende Holzbauquartier Deutschlands. Die stadteigene GWG lobte dazu einen Wettbewerb aus, aus dem Rapp Architekten mit dem Abschnitt „WA 14 West“ als einer der Sieger hervorging.

Bedarf trifft Nachhaltigkeit

Zum Erfolg führte ein Konzept, das unter anderem

  • die Anzahl der geforderten Wohnungen nicht in einem langen Riegel, sondern in vier Punkthäusern unterbringt – und das bei gleichbleibender Wohnfläche
  • den von der Stadt München vorgeschriebenen und subventionierten Anteil an nachwachsenden Rohstoffen erfüllt
  • einen sparsamen Wohnflächenverbrauch ermöglicht
  • einen um 15 Prozent verbesserten Wärmeschutz vorsieht
  • bauliche Maßnahmen für den Artenschutz beinhaltet

„Das Tüpfelchen auf dem i war dann noch, dass das beste Planungskonzept auch das wirtschaftlichste war“, ist GWG-Geschäftsführerin Gerda Peter begeistert über das Ergebnis des Wettbewerbs.

WA 14 West

Das von Rapp Architekten geplante Baufeld an der Jörg-Hube-Straße schafft in vier Baukörpern Raum für 57 Wohnungen. Sie sind zwischen 32,5 (1 Zimmer) und 103,5 (5 Zimmer) Quadratmeter groß. Dazu kommt ein Haus für Kinder mit je drei Krippen- und Kindergartengruppen. Es ist eingeschossig im Erdgeschoss des Gebäudes integriert und zeichnet sich im Westen durch einen vorspringenden Sockelbereich ab. Alle Gruppenräume orientieren sich zum Gartenbereich.

Die Wohnungen sind in vier- bis sechsgeschossigen, kompakten Körpern über dem Sockelgeschoss platziert. Alle vier Baukörper verfügen über begrünte Dachflächen und sind über das Erdgeschoss verbunden. Dort befindet sich auch die Kindertagesstätte. Die Aufgliederung in vier Volumen schafft überschaubare Nachbarschaften und maximiert gleichzeitig die Tageslichtnutzung. Alle Wohnungen orientieren sich zu mindestens zwei Himmelsrichtungen. Die Zugänge zu Wohnungen und Haus für Kinder sind räumlich getrennt.

Für den Wohnhof ist eine Abfolge von unterschiedlich nutzbaren Räumen vorgesehen: Spielflächen, Verweilplätze, Urban-Gardening, Nachbarschaftsplatz für Boulespiel, Feste etc. Auch der Freibereich der Kita versteht sich als Reihung vielfältiger Spielsituationen. Im Norden dazu als Ergänzung ein Versteck- und Beerengarten. Eine kleine Platzsituation steht als Auftakt für das Haus für Kinder und dient als Bindeglied zwischen dem Quartier und dem öffentlichen Grünzug.

An der Wiege der ökologischen Mustersiedlung im Prinz-Eugen-Park stand ein Beschluss des Münchner Stadtrates, der drei zentrale Punkte enthielt: Man definierte den Holzbau, organisierte ein Förderprogramm, um diesen mitzufinanzieren, und berief ein Expertengremium ein, das Bauherren und Architekten beratend zur Seite stand.

Effizienz, Konsistenz, Suffizienz

In der Umsetzung lag der Fokus auf drei wesentlichen Nachhaltigkeitsaspekten. Im Sinne der Effizienz wurde nicht möglichst viel Holz verbaut. Ziel war es vielmehr, mit dem verfügbaren Material ein Maximum an Fläche zu errichten. Die Strategie der Konsistenz richtet sich auf naturverträgliche Technologien, die Stoffe und Leistungen aus Ökosystemen nutzen, ohne sie zu zerstören. Mit Suffizienz ist eine Ressourceneinsparung durch die Veränderung des menschlichen Lebensstils gemeint – in diesem Fall eine moderate Wohnfläche pro Kopf. Deshalb wurden hier auch Obergrenzen festgelegt, um so viele Einheiten wie möglich umsetzen zu können.

Mit Blick auf die Nachhaltigkeit legte die Stadt schon in der Ausschreibung detaillierte Vorgaben fest. Eine wesentliche Rolle spielte auch ein spezielles Förderprogramm, das die Menge nachwachsender Rohstoffe pro Quadratmeter Wohnfläche vorgab und subventionierte. Bei den Geschosswohnungsbauten lag der geforderte Mindestanteil bei 50 kg/m² – ein Wert, den die Projekte in den meisten Fällen um ein Mehrfaches übertrafen. „Auf diese Art wurden mit dem beachtlichen Gesamtbetrag von 13,6 Millionen Euro im Schnitt etwa 8 % der reinen Baukosten bezuschusst“, erläutert Gerda Peter.

„Die höheren Kosten von Holz gegenüber konventionellen Bauweisen können nur durch eine Förderung ausgeglichen werden.“

Stefan Rapp, Architekt

Doppelt herausragend

Am Ende stand ein wegweisendes Projekt, das gleich in doppelter Hinsicht das Prädikat „herausragend“ verdient.

  • Die acht neuen Projekte zeigen eine bemerkenswerte typologische Vielfalt, die die enormen Möglichkeiten des Rohstoffs Holz eindrücklich belegen. Die Vorgabe der Stadt, eine Mustersiedlung für Objekte in Holz- und Holz-Hybridbauweise zu schaffen, wurde mehr als nur erfüllt. Kein Entwurf gleicht dem anderen, was sich auch mit der Vielfalt der Bauherren erklären lässt: So kamen einerseits Baugemeinschaften und -genossenschaften, andererseits Wohnungsbaugesellschaften zum Zug.
  • Der Beitrag zum Klimaschutz ist enorm: Insgesamt sind in den Holzbauten über 12.500 Tonnen CO2 gespeichert.
317 Förderbetrag in Euro pro Kubikmeter verbautem Holz
12500 Tonnen an CO2, die in den Holzbauten gespeichert ist
2788 Brutto-Baukosten in Euro pro Quadratmeter Wohnfläche

„Das beste Planungskonzept war auch das wirtschaftlichste.“

Gerda Peter, Geschäftsführerin GWG Städtische Wohnungsgesellschaft München

Wissenschaftliche Begleitung

Zusätzliches Potential sieht Gerda Peter in der Tatsache, dass das gesamte Projekt von Prof. Dr. Stefan Winter von der TU München begleitet wird. „Wir haben hier die große Chance, Projekte unter gleichen Randbedingungen direkt zu vergleichen. Von der wissenschaftlichen Evaluierung versprechen wir uns wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Projekte.“

Dass es solche Projekte geben soll, liegt für Stefan Rapp klar auf der Hand. „Ich würde mir wünschen, dass wir mehr in Holz denken! Auch wenn man sich damit als Architekt erst einmal mehr Arbeit macht.“

Holzbauteile erlauben platzsparende, schlanke Konstruktionen, sie sind in hoher Qualität leicht vorzufertigen, haben hervorragende baubiologische und raumklimatische Eigenschaften und schaffen zudem eine angenehme Wohnatmosphäre. Um diese Vorteile der Holzbauweise auch Wohnungsbaugesellschaften schmackhaft zu machen, ist aus Sicht des Architekten die Subventionierung des Einsatzes nachwachsender Rohstoffe wichtig. „Es braucht diese Unterstützung, da die konventionelle Bauweise in der Herstellung immer noch günstiger ist. Hier wäre es dringend an der Zeit, wie in München eine Gesamtbetrachtung im Sinne der Nachhaltigkeit zu unterstützen. Das findet noch viel zu selten statt.“

Faktenlage

WA 14 West, München

Geförderter Wohnungsbau im derzeit größten zusammenhängenden Holzbauquartier Deutschlands

  • Fertigstellung: November 2019
  • 57 Wohnungen zwischen 32,5 (1-Zimmer) und 103,5 Quadratmetern (5-Zimmer)
  • Haus für Kinder im Erdgeschoss mit je drei Krippen- und Kindergartengruppen
  • Besonderheiten:
    • Holz-Hybrid-Bau mit hoher Öko-Bilanz
    • Sparsamer Wohnflächenverbrauch
    • Barrierefreiheit
    • 2.788,- Euro brutto Baukosten pro Quadratmeter Wohnfläche
  • Bauherr: GWG Städtische Wohnungsgesellschaft München mbH
  • Architekten: Rapp Architekten, Ulm
  • Landschaftsarchitekten: silands Gresz + Kaiser Landschaftsarchitektur, Ulm
  • Tragwerksplanung: tragwerkeplus, Reutlingen
  • Realisierung: müllerblaustein Holzbau GmbH, Blaustein

 

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