Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Carmen Mundorff

„Was versteht das Land unter Wohnungsbau-Politik?“

Die Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW) trat 2016 voller Überzeugung der Wohnraum-Allianz bei. Der Wohnraummangel und der damit verbundene Druck auf den Wohnungsmarkt hatte bereits damals zu Verdrängungen und gesellschaftlichen Schieflagen geführt. Die AKBW brachte sich mit Analyse, Problembeschreibungen und Handlungsvorschlägen konstruktiv in die Diskussion ein und engagierte sich in drei von vier Arbeitsgruppen – immer mit dem Ziel, mehr (preiswerten) Wohnraum zu schaffen.

Nach vier Jahren ist Gelegenheit, Zwischenbilanz zu ziehen. Aus Sicht der AKBW fällt diese durchwachsen aus.

Positiv: Handlungsbedarf wurde erkannt, Erkenntnisse über die unterschiedlichen Dynamiken in den Teilräumen Baden-Württembergs wurden als hilfreiche Entscheidungsgrundlage zusammengetragen. Dass sich alle involvierten Akteure zusammenfanden, um Lösungsstrategien zu konsentieren, war die notwendige Schlussfolgerung.

Es gibt Erfolge zu verzeichnen wie den Kommunalfonds, eine alte Forderung der Kammer, um den Kommunen eigene Bodenpolitik zu ermöglichen. Auch das Kompetenzzentrum Wohnen könnte Kommunen in die Lage versetzen, Leuchtturmprojekte zu stemmen.

Die schlechte Nachricht ist, dass in dieser Zeit die Fertigstellungszahlen nicht gestiegen sind. In Baden-Württemberg (Quelle: Statistisches Landesamt BW) wurden im Jahr 2019 34.881 Neubauwohnungen fertiggestellt, das waren nur unwesentlich mehr als im Vorjahreszeitraum (2018: 34.833). Fast die Hälfte der neuen Wohnungen geht auf private Bautätigkeit zurück. Unternehmen, vor allem Wohnungsunternehmen, hatten einen Anteil von 45 Prozent. 9.660 der im Vorjahr fertiggestellten neuen Wohngebäude waren Einfamilienhäuser. In Gebäuden mit zwei Wohnungen entstanden 3.594 Wohnungen und in Mehrfamilienhäusern mit drei oder mehr Wohnungen waren es 18.077. Das ist die nüchterne Bilanz.

Die Wohnraum-Allianz ist ein notwendiges Forum zum Meinungsaustausch und hat bereits viele gute Positionen erarbeitet. Aber dem gesamtgesellschaftlich gebotenen und ausdrücklichen Ziel, zügig preisgünstigeren Wohnraum zu schaffen, sind wir nicht nähergekommen. Die Corona-Krise und die mit einem Schlag starke Zunahme von Menschen, denen wenig Geld zur Verfügung steht, hat die ohnehin dringliche Lage noch verschärft. Der Druck auf Kommunen, preisgünstige Wohnungen vorzuhalten, nimmt zu.

„Das Land muss für seine Wohnungsbau-Politik auch eine inhaltliche Programmatik entwickeln.“

Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg

Das Wirtschaftsministerium spricht von einer „Vielzahl von Stellschrauben“. Die AKBW teilt die Ansicht, dass nicht eine einzelne Maßnahme zielführend sein wird. Ziel kann nur eine schrittweise Erhöhung der Wohnungsfertigstellungs-Zahlen sein. Doch drei Jahre Wohnraum-Allianz lassen in dieser Hinsicht Ernüchterung einkehren. Wohnungsbaupolitik muss aus Sicht der Architektenkammer Baden-Württemberg zusätzlich zu Rechtssetzung und Verteilung von Fördermitteln eine inhaltliche Programmatik entwickeln.  

Bei aller Offenheit für das Thema stellen wir keine ausreichende Priorisierung fest. Die AKBW ist davon überzeugt, dass der Wohnraummangel nur dann bewältigt werden kann, wenn aus den Erkenntnissen eine den Gesamtmarkt adressierende und die Besonderheiten des Landes Baden-Württemberg berücksichtigende Konzeption entwickelt wird. Das „Kompetenzzentrum Wohnen“ wird eine Klärung dessen erarbeiten müssen, was in Baden-Württemberg unter „Wohnungsbau-Politik“ verstanden wird. Die Wohnraum-Allianz wird diese politische Positionierung nicht ersetzen können, aber sie kann ein noch wichtigeres, konstruktives Gremium sein, wenn diese erfolgt ist.

Stand: April 2020


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