Magazin für zeitgemäßes Wohnen

Barrierefreiheit als fundamentales Grundrecht

Seite 1 Barrierefreiheit als Selbstverständlichkeit

„Für die 13 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland ist Barrierefreiheit kein ‚nice to have‘, sondern die Umsetzung fundamentaler Grundrechte.“

Jürgen Dusel, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung

Barrierefreiheit als Selbstverständlichkeit

Was wünschen sich Menschen mit Behinderung am dringendsten in unserer Gesellschaft? Selbstverständlichkeit, so die Antwort vieler, die bei der Verleihung des Dr. Ursula Broermann-Preises für beispielhaftes barrierefreies Bauen als Gastredner aufgetreten sind.

Warum? „Die Bedürfnisse behinderter Menschen werden noch viel zu oft vor allem vor ihrem Kostenhintergrund diskutiert“, sagt Stephanie Aeffner, Landesbehindertenbeauftragte in Baden-Württemberg. „Was wir brauchen, ist eine Veränderung des Bewusstseins“, so ihr Appell. „Für wen gestalten wir eigentlich unsere Welt? Es geht nicht um Freundlichkeit gegenüber Menschen mit Behinderung. Sondern um Teilhabe und Menschenrechte, gleichberechtigt für alle."

Darüber hinaus sagte sie unmittelbar an die anwesenden Architekten gewandt: „Wer, wenn nicht Sie, ist kreativ genug, neue Möglichkeiten zur Barrierefreiheit zu entwickeln?“

„Derzeit fehlen in Baden-Württemberg 240.000 behindertengerechte Wohnungen. In 20 Jahren werden es 500.000 sein.“

Stephanie Aeffner, Landesbehindertenbeauftragte in Baden-Württemberg

Was ist selbstverständlich und was nicht?

Die bereits vierte Vergabe des Preises fand in Stuttgart im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums des Dachverbands Integratives Planen und Bauen Stuttgart e.V. (DIPB) statt. Zusammen mit der Architektenkammer Baden-Württemberg zeichnete der DIPB unterschiedlichste Projekte aus, die sich durch ihre barrierefreie Planung und Umsetzung hervortun: von öffentlichen Gebäuden wie Kirchen und Kinderhäuser bis hin zu Wohngebäuden.

Insgesamt gab es 42 Einreichungen, die von einer siebenköpfigen Jury beurteilt worden sind. Dabei gingen die Meinungen durchaus auseinander: Diskutiert wurde vor allem, welche planerischen und gestalterischen Elemente in Sachen Barrierefreiheit selbstverständlich sein sollten – und welche auszeichnungswürdig. Einig waren sich am Ende aber alle, dass die prämierten Projekte beispielhaft dafür sein sollen, wohin sich barrierefreies Bauen entwickeln muss.

Barrierefreiheit geht nicht nebenbei

„Wer für die Barrierefreiheit arbeitet, tut auch etwas für die Demokratie“, sagte Jürgen Dusel als einer der weiteren Gastredner. Er ist der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. „Demokratie braucht Inklusion, es sind zwei Seiten einer Medaille.“ Für ihn hat das Thema viel mit Professionalität zu tun. „Es geht nicht nebenbei, wir brauchen Expertise. Deswegen plädiere ich dafür, Barrierefreiheit zu einem verpflichtenden Thema in der Ausbildung unter anderem von Architekten zu machen.“

„Für Architekten ist die Barrierefreiheit einer von vielen Aspekten beim Bauen. Für die Betroffenen entscheidet sie über die eigene Selbstständigkeit.“

Helmut J. Müller, 1. Vorsitzender des Dachverbands Integratives Planen und Bauen e.V. (DIPB)

Gleich drei Mal vergab die Jury den "Dr. Ursula Broermann-Preis für beispielhaftes barrierefreies Bauen 2019": an das Kinderhaus Luftikus in Baiersbronn, die sanierte Sieben-Keltern-Schule in Metzingen sowie die ertüchtigten Freiflächen von Klosterhof und Schulzentrum St. Benedikt in Schramberg-Heiligenbronn. (Foto: Max Kovalenko)

Foto: Max Kovalenko

Gleich drei Mal vergab die Jury den "Dr. Ursula Broermann-Preis für beispielhaftes barrierefreies Bauen 2019": an das Kinderhaus Luftikus in Baiersbronn, die sanierte Sieben-Keltern-Schule in Metzingen sowie die ertüchtigten Freiflächen von Klosterhof und Schulzentrum St. Benedikt in Schramberg-Heiligenbronn. (Foto: Max Kovalenko)

Erfolg in der Praxis

Dr. Dorothee Rummel, Architektin, Stadtplanerin und Lehrbeauftrage an der Universität München, hat den Wunsch Jürgen Dusels bereits in die Tat umgesetzt. Zusammen mit einer Kollegin initiierte sie ein mehrjähriges Forschungsprojekt zur Barrierefreiheit. Unter der Fragestellung „Ist die Stadt eine Inklusionsmaschine?“ ging es ihr vor allem um die Frage: „Wie machen wir die Inklusion unseren Studierenden schmackhaft? Wie vermitteln wir, wie wichtig sie ist?“ In der Umsetzung gab es eine Reihe von Werkstadtgesprächen, auch mit externen Fachleuten, um die Bedeutung des Themas für die gesamte Gesellschaft zu unterstreichen. Unterm Strich kam heraus:  Das Interesse der Studierenden wuchs stetig und Architekten sind auf Impulse und Erfahrungen anderer Inklusionsexperten angewiesen, um wirklich barrierefrei denken und bauen zu können.

Thema mit hoher Priorität

Schirmherr des Dr. Ursula Broermann-Preises ist Manne Lucha MdL, der als Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg die Preise vor Ort überreichte. „Barrierefreiheit muss da stattfinden, wo sie allen nutzt. Damit schaffen wir lebendige Quartiere, die aus meiner Sicht die richtige Antwort auf die zunehmenden Diversitätsansprüche unserer Gesellschaft sind.“

„Barrierefreiheit ist kein Thema, das Architekten spannend oder nicht spannend finden sollten. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein – denn es geht hier um Menschen, denen wir ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen können.“

Karin M. Storch, SCHWAMBACH STORCH + FEDERLE Arbeitsgemeinschaft, Mannheim – Würdigung für BETREUTES WOHNEN, Neubau auf Turley, Mannheim

Die Preisträger und Würdigungen

Gleich drei Mal vergab die Jury den „Dr. Ursula Broermann-Preis für beispielhaftes barrierefreies Bauen 2019". Die Preisträger sind:

  • Kinderhaus Luftikus in Baiersbronn
  • Sanierte Sieben-Keltern-Schule in Metzingen
  • Ertüchtigte Freiflächen von Klosterhof und Schulzentrum St. Benedikt in Schramberg-Heiligenbronn.


Eine besondere Würdigung erhielten zudem drei Wohnbauprojekte, denn es wurden ausdrücklich auch private Objekte gesucht, für die keine Verpflichtung auf Barrierefreiheit besteht.

Baugemeinschaft GeWoLeo, Leonberg (Bauherr: Baugemeinschaft GeWoLeo, Architekturbüro Manderscheid)

Jurybegründung

Unsere älter werdende Gesellschaft benötigt brauchbar angepassten und barrierefreien Wohnraum – sowohl in Form von Eigentums- als auch von Mietwohnungen. In Leonberg haben sich sieben Eigentümer zusammengefunden und als Bauherrengemeinschaft ein Konzept für ein Mehrgenerationenhaus entwickelt. Damit jedoch nicht genug: Die Eigentümer suchten nach weiteren Partnern, um in dem Haus neben ihren eigenen Wohnungen auch Mietwohnungen sowie Raum für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Mit dem Bau- und Heimstättenverein Stuttgart eG als Bauherr für 15 genossenschaftliche Mietwohnungen und Atrio Leonberg für den Bau von sieben barrierefreien Apartments, die eine kleine Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen bilden, konnte dann das Projekt tatsächlich als Ersatzbau auf dem Gelände eines baufällig gewordenen Kindergartens realisiert werden. Der integrative Ansatz dieser privaten Baugemeinschaft und deren Auseinandersetzung mit einer zukunftsfähigen Gestaltung eines zeitgemäßen Wohnungsbauprojekts verdient Anerkennung.

„Meine Erfahrung zeigt: Es ist viel effektiver, Wünsche und Anforderungen direkt mit den Betroffenen zu klären, als immer nur nach Norm zu arbeiten.“

Christoph Manderscheid, Architekturbüro Manderscheid, Stuttgart – Würdigung für GE WO LEO, Gemeinschaftliches Wohnen Leonberg

Neubau Betreutes Wohnen für Senioren, Turley-Areal Mannheim (Bauherr Theodor-Fliedner-Stiftung, Architekten Schwambach Storch + Federle Arbeitsgemeinschaft)

Jurybegründung

Obwohl oder gerade weil weder das Baurecht in Baden-Württemberg noch eine verbindliche privatrechtliche Definition bauliche Vorgaben für „Betreutes Wohnen“ machen, zeigt die Wohnanlage für Senioren im Konversionsgebiet des Turley-Areals, wie wichtig eine konsequente barrierefreie Gestaltung für ein solches Angebot ist. Zentrumsnah und in direkter Nähe zu einem großen Naherholungspark ist auch die Integration in ein sich entwickelndes, teils denkmalgeschütztes Umfeld beispielhaft – sowie die Vernetzung mit den vielfältigen dort entstehenden Nutzungen. Konsequent bietet der Bauherr und Betreiber nur Mietwohnungen an und verweigert sich dem allgemeinen Trend zu Immobilienspekulationsobjekten.

Die ernsthafte Beschäftigung mit diversen Aspekten und Anforderungen der mannigfaltigen altersbedingten Einschränkungen oder Behinderungen zeigt sich insbesondere im Detail: Dazu zählen die vorbildlichen Glasflächenkennzeichnungen, die großzügige und normgerechte Treppenhausgestaltung, die barrierefreien Zugänge zu den ansprechenden und barrierefreien Freianlagen sowie die Absturzsicherungen bei den konsequent tiefsitzenden Fenstern. Die sorgfältige Planung und Umsetzung zeigen, dass sich auch im allgemeinen Wohnungsbau die Belange von Menschen mit Behinderungen berücksichtigen lassen und gleichzeitig eine gute und unaufdringliche Gestaltung möglich ist.

„Niemand würde heute bauen, ohne an Internet oder WLAN zu denken. Aber die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap zu berücksichtigen, spielt noch viel zu oft eine untergeordnete Rolle.“

Thomas Federle, Theodor-Fliedner-Stiftung, Mannheim – Würdigung für BETREUTES WOHNEN, Neubau auf Turley, Mannheim

„Die Würdigung ist eine tolle Anerkennung dessen, was wir erreichen wollten: Eine Wohnform zu schaffen, in der älter werdende Menschen möglichst lange bleiben können. Weil vorausschauend ihre Bedürfnisse berücksichtigt worden sind.“

Thomas Seifert, Theodor-Fliedner-Stiftung, Mannheim – Würdigung für BETREUTES WOHNEN, Neubau auf Turley, Mannheim

Parlerhof, Ulm (Bauherr ulmer heimstätte eG, geplant von der ZG Architekten GmbH)

Jurybegründung

Geht doch! Eine Wohnungsbaugenossenschaft zeigt beispielgebend, dass Mietwohnungen kostenoptimiert und barrierefrei gebaut werden können. Und sie schafft – freiwillig – zukunftsfähigen Wohnraum. Im Parlerhof in Ulm bezogen im April 2017 Genossenschaftsmitglieder 29 Wohnungen – bedarfsgerecht in unterschiedlichen Größen und geplant nach DIN 18040 Teil 2. Im Erdgeschoss leben in zwei Wohngruppen Menschen mit Behinderung, die so perfekt in die Gemeinschaft integriert sind. Beiden Einheiten liegt die DIN 18040-2 R zugrunde.

Die Jury würdigt, dass die ulmer heimstätte eG grundsätzlich barrierefrei baut und Wohnungen für Menschen mit Handicap integriert. Auch dass sie für Neubauten immer die beste Lösung mittels Gutachterverfahren sucht, verdient Anerkennung. Hervorzuheben ist, dass sich die Planung jeweils am Qualitätssiegel Nachhaltiger Wohnungsbau „NaWoh“ orientiert. Möge diese Vorgehensweise beispiel- gebend sein für andere Wohnungsbaugesellschaften und Investoren.

„Es gibt noch zu viele Hemmnisse in den Köpfen. Barrierefreiheit heißt nicht ‚Bauen für Menschen mit Einschränkungen‘. Es heißt ‚Bauen für die Zukunft‘, für uns alle. Auch die Kosten sind kein Argument. Hier sind vielmehr die Architekten gefragt: Wer sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und intelligent plant, erkennt zahlreiche Spielräume und hält das Budget im Rahmen.“

Christoph Neis, ulmer heimstätte eG, Ulm – Würdigung für PARLER HOF, Ulm

Alle Informationen zur Zusammensetzung der Jury, den Beurteilungskriterien, den Preisträgern sowie allen Nominierten finden Sie unter: AKBW Pressemitteilung zum Dr. Ursula Broermann-Preis und www.akbw.de/download/Broermann-Preis2019.pdf

Wenn Sie die Ausstellung zu den prämierten Projekten selber gerne zeigen möchten, freuen wir uns. Bitte wenden Sie sich dazu an martina.kirsch@akbw.de.