Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Skizze: schneider+schumacher

Karlsruhe: Nachverdichtung in der Waldstadt

Nichtoffener Realisierungswettbewerb mit Ideenteil mit 20 Teilnehmern

Auslober: VOLKSWOHNUNG GmbH Karlsruhe

1. Preis: schneider+schumacher Städtebau GmbH, Frankfurt/Main
1. Preis Thoma. Lay. Buchler. Architekten Partnerschaft, Todtnau/Stuttgart

Die Waldstadt wurde ab dem Jahr 1957 als Modellstadt nach den Plänen von Prof. Karl Selg, Architekt und Stadtplaner in Karlsruhe (*1918, †1981), entwickelt, der einen entsprechenden städtebaulichen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Viele Wohnquartiere der 1950er- und 1960er-Jahre können heute als Spiegelbild einer ausgeprägten Zuversicht in die weitere Entwicklung der gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden. Wirtschaftlicher Aufschwung und technischer Fortschritt wurden damals als Motoren und Säulen der zukünftigen Entwicklung betrachtet und neue Quartiere als bauliches Fundament für den wachsenden Wohlstand und die moderne Überwindung historisch-sozialer Ungleichheit angesehen.

Die einst nach dem städtebaulichen Leitbild dieser Zeit – der aufgelockerten, gegliederten und autogerechten Stadt – entstandenen Quartiere stehen heute den Planungsgrundsätzen der nachhaltigen Stadtentwicklung gegenüber, die die dichte, kompakte, nutzungsgemischte und energieeffiziente Stadt vertreten. In der Praxis treffen heute die drängenden Megathemen der Gegenwart und Zukunft – demografischer Wandel und energetische Erneuerung – in besonderer Weise aufeinander.

Die Ausgangslage: Wie kann es gelingen, diesen Stadtteil der Nachkriegsmoderne fit für den demografischen Wandel und zukünftige Anforderungen zu machen? Gerade der Nachkriegsbau hat in den letzten Jahrzehnten eine wechselvolle Entwicklung genommen. Während das Quartier unter den Bedingungen des Wohnungsmangels und knapper Ressourcen entstanden ist und als Zeichen des Aufschwungs sowie eines besseren Lebens verstanden wurde, findet man heute zunehmend strukturelle Mängel.

Dennoch ist die große städtebauliche und soziale Bedeutung unumstritten. Die Bestände müssen an die veränderte Nachfrage angepasst werden. Soziale, ökonomische, bauliche und räumliche Handlungsfelder überlagern sich in komplexer Weise.

In diesem Zusammenhang wurde von Pesch Partner a/s, Stuttgart, mit Helleckes Landschaftsarchitektur, Karlsruhe, ein städtebaulicher Rahmenplan erarbeitet, der die Potenziale der Waldstadt-Waldlage herausstellt. Dieses Wohngebiet ist geprägt durch eine offene Bebauung, überwiegend Zeilenbauten auf meist großen Grundstücken mit geringer Ausnutzung. Der städtebauliche Rahmenplan soll bei der qualifizierten Steuerung der künftigen Entwicklung in der Waldstadt-Waldlage als Grundlage fungieren.

„Wir wollen hier ein attraktives, ökologisches Quartier mit ausgewogenem Wohnungsmix und bezahlbarem, barrierefreiem Wohnraum errichten. Dafür gilt es, den besten Vorschlag zu realisieren. Mit diesem Neubauprojekt haben wir die Chance, wichtige Impulse für den Stadtteil zu geben.“

Stefan Storz, Geschäftsführer der VOLKSWOHNUNG GmbH Karlsruhe

Der Wettbewerb: Die VOLKSWOHNUNG GmbH beabsichtigt nun die Weiterentwicklung des Stadtteils Waldstadt mit zukunftsweisendem Wohnungsbau. Die Aufgabe des im Juli 2019 ausgelobten Wettbewerbs war die städtebauliche Neuordnung des Teilbereichs West an der Königsberger Straße. Auf den ca. 12.600 m2 großen Flächen des Realisierungsteils soll ein attraktives, ökologisches Quartier mit einem ausgewogenen Wohnungsmix und einem Schwerpunkt an bezahlbarem Wohnraum entstehen. Das Bestandsgebäude wird zugunsten der Neubebauung rückgebaut. Die Besonderheit der Aufgabenstellung lag in einer angemessen städtebaulichen Dichte unter Berücksichtigung der Wohnqualität sowie der Aufenthaltsqualität und Nutzbarkeit der Freiflächen. Zudem sollten innovative Konzepte, die auch Fragen des nachhaltigen Energieeinsatzes berücksichtigen, vorgeschlagen werden. Für den nördlich gelegenen Ideenteil mit ca. 2.900 m2 sollte ein städtebauliches Konzept für eine Wohnbebauung mit gewerblicher Nutzung im EG (soziale und gesundheitliche Infrastruktur) vorgeschlagen werden.

Ziel des Wettbewerbs war es, für diesen Standort ein qualitätsvolles, wirtschaftliches und nachhaltiges Gebäudeensemble zu erhalten, das auf die städtebaulichen und funktionalen Anforderungen sensibel und angemessen antwortet. Dabei waren die in der Auslobung genannten Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Am 21. Februar vergab die Jury zwei erste Preise und zwei Anerkennungen. Laut Empfehlung der Jury unter Vorsitz von Prof. Jörg Aldinger werden die beiden preisgekrönten Entwürfe überarbeitet. Danach soll das Preisgericht erneut in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Die Entwürfe nehmen die für die Waldstadt typische Zeilenbebauung auf und interpretieren sie neu. Dadurch entstehen qualitätsvolle und differenzierte Freiräume für gemeinschaftliche Aktivitäten. Beide Arbeiten berücksichtigen den vorhandenen Baumbestand und ermöglichen eine Neubepflanzung mit Erdanschluss durch Lage und Form der Tiefgarage.

Skizzen und Lagepläne des Preisträgers schneider+schumacher

Aus der Jurybegründung zum Entwurf von Schneider + Schumacher Städtebau GmbH, Frankfurt

Der Beitrag überrascht durch seinen frappierend einfachen Umgang mit der Zeile. Ein Entwurf, der die Möglichkeiten aufzeigt, wie mit simplen städtebaulichen Setzungen eine kluge Intervention in Zeilenhausstrukturen gelingen kann.

Skizzen und Lagepläne des Preisträgers THOMA. LAY. BUCHLER. ARCHITEKTEN BDA

Aus der Jurybegründung zum Entwurf von Thoma. Lay. Buchler. Architekten BDA, Stuttgart/Todtnau

Das Projekt gibt einen Impuls für das gesamte Quartier: Es vermittelt in der regelhaften umgebenden Bau- und Freiraumstruktur, bildet einen alternativen Ort mit einem Begegnungshof, der in einer Welt des demografischen und sozialen Wandels Chancen bietet für eine andere Art von sozialem Miteinander.


Die Architektenkammer Baden-Württemberg berät bei allen Fragen zu Vergabe und Wettbewerb. Weiterführende Informationen und Ansprechpartner finden Sie hier.