Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: photographik dagmar zschocke

Da Vinci, Karlsruhe: Lebensraum diverser Lebensentwürfe

Seite 1 Gemeinsam leben – individuell wohnen
Kurz & bündig

Wie durch gemeinsames Planen, Bauen und Verwalten ein für Individuum und Gemeinschaft zugeschnittenes Gebäude entstehen kann, zeigt das Projekt „Da Vinci“ in Karlsruhe. Dafür wurde eigens eine Genossenschaft gegründet, die auf ein hohes Maß an Verantwortung und Mitbestimmung ihrer Mitglieder setzt – für ein funktionierendes, auf lange Zeit angelegtes Miteinander. Das Acht-Parteien-Haus mit Gemeinschaftsraum ist Teil des Mehrgenerationenwohnprojekts „Quartier am Albgrün“ und wurde mit dem Preis für „Beispielhaftes Bauen“ von der Architektenkammer Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Gemeinsam leben – individuell wohnen

Beim Projekt „Da Vinci“ haben sich Menschen zu einer Genossenschaft zusammengefunden, um gemeinsam ihr Wohn- und Lebensumfeld zu gestalten. Dabei wird nicht nur auf gute Nachbarschaft gesetzt, sondern auch die Individualität jedes Einzelnen gewahrt.

Gemeinsam Leben, gemeinsam Planen, gemeinsam Finanzieren: So lautet das Credo der 2014 gegründeten, privaten Baugenossenschaft GeniAL eG. Sie stellt mit dem Mehrfamilienhaus „Da Vinci“ eine alternative Finanzierungsmöglichkeit zwischen Miete und Eigentum im Mehrgenerationenwohnprojekt „Am Albgrün“ dar. Denn die Mitglieder sind sowohl Teilhaber des Wohnungsunternehmens als auch Nutzer mit den üblichen mietvertraglichen Rechten und Pflichten.

„Wir wollten das Haus als Baugenossenschaft bauen und selbst verwalten. Durch die intensive Diskussion und Beteiligung aller Mitglieder konnten wir ein für uns zugeschnittenes Gebäude errichten. Und ein gut funktionierendes, auf lange Zeit angelegtes Miteinander erreichen“, so GeniAL-Vorstand Horst Babenhauserheide.

Solidarität und gegenseitiger Respekt als Zauberformel

Dass so etwas erfolgreich gelingen kann, setzt nicht nur ein hohes Maß an Mitbestimmungsbereitschaft der Teilhaber, sondern auch Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen und einen Sinn für Gemeinschaft voraus. Denn jede Investition wird demokratisch entschieden. Sei es die Aufnahme neuer Mitglieder oder die gestalterische Idee für „Da Vinci“, keine Treppenhäuser, sondern Laubengänge als 2,20 Meter breite, kommunikative Elemente auszuführen. „Jedes Mitglied hat immer eine Stimme, unabhängig vom mitgebrachten Eigenkapital für die Finanzierung. Diese wird gemeinsam von allen getragen. Dadurch entsteht bereits im Vorfeld eine lebendige Solidargemeinschaft und die beste Voraussetzung für eine gute Nachbarschaft.“

Wie Letztere erfolgreich gelebt wird, zeigt sich daran, dass beispielsweise die Laubengänge sehr gut als informelle Treffpunkte für Kaffeepausen und Gesprächsmöglichkeiten angenommen werden. Und auch der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss wird mit zahlreichen Veranstaltungen belegt: „Das Zusammenleben funktioniert wirklich toll, nicht nur bei den Bewohnerfeiern oder Musikabenden. Und wenn der Raum mal zu klein wird, zum Beispiel bei den Filmvorführungen und Yogakursen, gibt’s noch den großen Albgrün-Saal im Nachbarhaus.“  Wenn man mal keine Lust auf das gemeinschaftliche Miteinander hat, ist das ebenfalls kein Problem: Denn jede Wohnung verfügt auch über einen privaten Außenraum.

Landesweite Förderung

Für alle, die dem Beispiel der Genossenschaft folgen wollen, gibt es in Zukunft verstärkte Unterstützung des Landes Baden-Württemberg: Mit dem Förderprogramm „Wohnungsbau BW“ wird jenen Genossenschaften die Hand gereicht, die sozialen Wohnraum schaffen wollen. „Die staatliche Förderung von Sozialwohnungen hätten wir uns damals auch für unser Projekt gewünscht. Umso mehr freut es uns, dass die Landesregierung eingesehen hat, dass für Genossenschaften besondere Unterstützungsformen nötig sind“, so Horst Babenhauserheide.

Die Laubengänge sind Treffpunkt für gemeinsame Kaffeepausen. Sie werden liebevoll gestaltet und häufig genutzt.

Foto: photographik dagmar zschocke

Die Laubengänge sind Treffpunkt für gemeinsame Kaffeepausen. Sie werden liebevoll gestaltet und häufig genutzt.

Auf ein Wort mit ...

… Susanne Eberhard, die mit ihrem Architekturbüro evaplan – Architektur + Stadtplanung das Projekt „Da Vinci“ geplant und umgesetzt hat.

Frau Eberhard, war für Sie als Architektin der Planungsprozess für eine Genossenschaft anders als für eine Baugruppe?

Er war ähnlich, aber so etwas hängt auch immer sehr stark von den Beteiligten ab. Bei diesem Projekt ging es in erster Linie um das große Ganze: Der gemeinschaftliche Gedanke bestimmte die Planung. Die Mitglieder der Genossenschaft haben sich viel in die einzelnen Prozesse eingebracht, um mit uns zusammen gute Lösungen zu finden.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei diesem Projekt?

Es hat lange gebraucht, bis es zur Realisierung bzw. zur verstärkten Planung gekommen ist. Zuerst brauchte man ein gutes Konzept, dann das passende Grundstück sowie weitere Genossenschaftsmitglieder für die Finanzierung. Und zum Schluss ging es noch an die individuelle Planung jeder einzelnen Wohnung.

Worauf sind Sie am Ende besonders stolz?

Dass die Architektur diesen grundlegenden Gemeinschaftsgedanken wiederspiegelt und das Projekt von den Bewohnern so gut angenommen wird. Die Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen freut uns natürlich alle sehr und bestätigt das Ergebnis unserer gemeinsamen Arbeit.

Alternatives Finanzierungmodell

Eine Wohnungsbaugenossenschaft stellt eine dritte Möglichkeit zwischen Miete und Eigentum dar. Hierbei besitzen Mitglieder Anteile des Wohnungsunternehmens und sind gleichzeitig Mieter im eigenen Haus. Ziel einer Wohnungsbaugenossenschaft ist es, ihren Teilhabern bedarfsgerechten Wohnraum zu leistbaren Preisen zu ermöglichen.

Am Beispiel der GeniAL eG werden 25 Prozent des Wohnungswerts als Genossenschaftsanteil erworben und dadurch eine solide finanzielle Basis gesichert. Dabei unterstützen sich die Teilhaber bei der Finanzierung gegenseitig, wenn ein Mitglied etwas weniger Eigenkapital mitbringt.

Das Land Baden-Württemberg unterstützt künftig Genossenschaften, die sozialen Wohnraum bereitstellen, mit dem Förderprogramm „Wohnungsbau BW“.

Faktenlage

Mehrfamilienhaus „Da Vinci“, Karlsruhe

  • Teil des Mehrgenerationenwohnprojekts „Quartier am Albgrün
  • Fertigstellung: 2014
  • Besonderheiten:
    • Genossenschaftlicher Wohnungsbau mit acht Wohneinheiten inkl. Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss für das gesamte Quartier
    • 2,20 m breite Laubengänge als kommunikative Elemente
  • Auszeichnung: Beispielhaftes Bauen
  • Bauherr: Genossenschaft GeniAL eG
  • Architekten: evaplan – Architektur + Stadtplanung, Karlsruhe (Projektleitung: Dagmar Zschocke, Susanne Eberhard); Gilbert Architekten, Karlsruhe (LPH 5-8)