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Frickingen: Wohnen und Leben im Seniorenzentrum

Seite 1 Genossenschaftliches Wohnen und Leben im Seniorenzentrum Frickingen
Kurz & bündig

In der Gemeinde Frickingen war altersgerechter Wohnraum lange sehr knapp. Als Reaktion darauf haben engagierte Bürger, teils selbst in fortgeschrittenem Alter, die Genossenschaft Seniorenzentrum Frickingen e.G. gegründet. Mit dem Ziel, barrierefreie Wohnungen zu schaffen, die vergleichsweise bezahlbar sind – und niemand im Alter seine vertraute Umgebung verlassen muss. Heute leben 22 Bewohner in insgesamt 17 2- bis 4-Zimmer-Wohnungen. Die Anlage ist in nachhaltiger Holz-Hybridbauweise entstanden und bereits von der Architektenkammer Baden-Württemberg als Beispielhaftes Bauen ausgezeichnet.

Genossenschaftliches Wohnen und Leben im Seniorenzentrum Frickingen

Frickingen im Bodenseekreis ist eine Gemeinde mit hoher Lebensqualität. Doch gab es lange Zeit keinen bedarfsgerechten Wohnraum für Senioren. Um das zu ändern, schlossen sich Ehrenamtliche zusammen und gründeten in Eigeninitiative die Genossenschaft Seniorenzentrum Frickingen e.G.. Ihre 2017 fertiggestellte Wohnanlage bietet Platz für 22 Bewohner und wurde 2019 von der Architektenkammer Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Mit knapp 3.000 Einwohnern und einem Altersdurchschnitt von 41 Jahren gehört Frickingen am Bodensee zu den eher jüngeren Gemeinden in der Region. Familien prägen das Ortsbild. Die Lebensqualität ist hoch, die Infrastruktur gut. Die Dinge des täglichen Bedarfs sind fußläufig erreichbar. Es gibt ein reges Gemeinschaftsleben.

Gerade deshalb wollen viele ältere Frickinger so lange wie möglich in ihrem Ort wohnen und leben. Allerdings gab es bis ins Jahr 2009 hinein kaum seniorengerechten Wohnraum. Das ergab eine von Karl-Heinz Hofele und anderen Mitstreitern initiierte Umfrage zum Leben im Ort. Der pensionierte Lehrer und Frickinger Bürger engagiert sich schon viele Jahre für seine Heimat und betrachtet das Seniorenzentrum als ehrenamtliches, auch ein persönliches Anliegen.

Genossenschaft als ideale Rechtsform

Im Zuge der Umfrageergebnisse entsteht im Kreis um Karl-Heinz Hofele die Idee, ein eigenes Seniorenzentrum für das Dorf zu errichten. Aber wie? „Nach längerem Überlegen haben wir uns für die Gründung einer Genossenschaft entschieden“, erinnert er sich. „Diese Rechtsform bringt uns zwei Vorteile: Eine sofortige Finanzspritze, um das Projekt umsetzen zu können und gleichzeitig eine absolute Einbeziehung der Genossenschaftseigner in das Bauvorhaben.“

Frickingen ist nicht nur Energie-Stadt, sondern besitzt auch viel kommunalen Wald. Daher war die Verwendung des nachwachsenden Rohstoffs Holz Pflicht. (Foto: Roland Halbe)

Frickingen ist nicht nur Energie-Stadt, sondern besitzt auch viel kommunalen Wald. Daher war die Verwendung des nachwachsenden Rohstoffs Holz Pflicht. (Foto: Roland Halbe)

Genossenschaft als ideale Rechtsform

Im Zuge der Umfrageergebnisse entsteht im Kreis um Karl-Heinz Hofele die Idee, ein eigenes Seniorenzentrum für das Dorf zu errichten. Aber wie? „Nach längerem Überlegen haben wir uns für die Gründung einer Genossenschaft entschieden“, erinnert er sich. „Diese Rechtsform bringt uns zwei Vorteile: Eine sofortige Finanzspritze, um das Projekt umsetzen zu können und gleichzeitig eine absolute Einbeziehung der Genossenschaftseigner in das Bauvorhaben.“

Nachhaltigkeit mehr als modische Vokabel

Die Gemeinde Frickingen unterstützte das Projekt von Anfang an aktiv mit. Sie stellte Kontakt zum Architekturbüro Glück+Partner in Stuttgart her, das bereits das Rathaus im Ort realisiert hat. Auch die ersten Entwürfe gab die Gemeinde in Auftrag. Holz als Baustoff ist dabei wichtig: „Dabei geht es uns als waldbesitzende Gemeinde längst nicht nur darum, Holz als geeigneten Bauwerkstoff und Energieträger einzusetzen, sondern mit der Nutzung des nachwachsenden Rohstoffes Holz sowie der Sonnenenergie regenerative Ressourcen zu verwenden“, so Bürgermeister Jürgen Stukle.

Eine gefestigte Nachbarschaft

Eigentümer des Bauplatzes ist die Katholische Kirche. Die Genossenschaft hält das Grundstück in Erbpacht. Direkter Nachbar der Senioren ist der Kindergarten. „Anfangs gab es Bedenken, ob es nicht zu Konflikten zwischen den Alten und Jungen kommen könnte. Heute wissen wir, dass es wunderbar ist. Wir freuen uns sehr über die Kleinsten und vor allem bleiben wir selber jung“, erzählt Bewohner Karl-Heinz Hofele lachend.

Tolles Miteinander und Unterstützung im Alltag

Zwei Jahre leben die Bewohner schon in ihrem neuen Zuhause. Und wie lebt es sich? „Wir können uns aufeinander verlassen: Wenn Not am Mann ist, kann ich beim Nachbarn klingeln. Wer ins Krankenhaus kommt, wird besucht. Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Es ist eine tolle Gemeinschaft“, so Charles Nestelhut. „Unser Zusammenleben klappt so gut, wir brauchen weder einen Hausmeister noch eine Hausordnung. Zusammengefasst: Genossenschaftliches organisiertes Bauen und Wohnen ist unsere Chance auf ein gemeinsames, integriertes und altersgerechtes Wohnen voller Lebensfreude. Ich hoffe auf viele Nachahmer.“

Lebensmittelpunkt Gemeinschaftsraum

Der Gemeinschaftsraum mit einer kleinen Küche ist ca. 80 Quadratmeter groß und befindet sich im Erdgeschoss. Ihm ist ein Vorplatz als Freibereich zugeordnet. Der Raum wird von den Hausbewohnern für Feste, Veranstaltungen, Kino- und Chorabende genutzt.

Seite 2 „Uns hat die Idee des Seniorenzentrums von Beginn an fasziniert“

Genossenschaftliches Wohnen im Alter

Jedes Genossenschaftsmitglied, das zum Mieter wird, erhält ein lebenslanges Wohnrecht. Das Geschäftsguthaben ist eine langfristige, sichere Kapitalanlage, übertragbar und vererbbar. Alle Mitglieder der Genossenschaft sind gleichberechtigt und haben eine Stimme. Aktuell halten 104 natürliche und juristische Personen, wie die Gemeinde Frickingen, Anteile an der Genossenschaft.

„Uns hat die Idee des Seniorenzentrums von Beginn an fasziniert“

Interview mit Martin Ritz, einem der Geschäftsführer des Architekturbüros Glück + Partner

Für sie ist Frickingen bekanntes Terrain: Bereits im Jahr 2000 hat das Stuttgarter Architekturbüro Glück + Partner das neue Rathaus entworfen. Ein Holzbauprojekt, das vielfach ausgezeichnet wurde – vom Hugo-Häring-Preis über den Holzbaupreis Baden-Württemberg bis hin zur Auszeichnung für beispielhaftes Bauen im Bodenseekreis von der Architektenkammer Baden-Württemberg. Letztere Prämierung ist nun auch seinem neuen Projekt vor Ort zu Teil geworden: dem Seniorenzentrum Frickingen.

Herr Ritz, wie kam es zur erneuten Zusammenarbeit?

Nachdem die Idee des Seniorenzentrums beim Gemeinderat auf großes Interesse gestoßen ist, hat man uns ins Boot geholt, eine städtebauliche Studie zu dem Projekt zu entwerfen. Damit ist die Gemeinde in Vorleistung gegangen, was im Laufe der weiteren Zusammenarbeit viele Vorteile hatte.

Welche Vorteile meinen Sie?

Im Rahmen der Studie haben wir nicht nur den Bauplatz untersucht und unterschiedliche Szenarien für das Seniorenzentrum vorgestellt, sondern auch erste Grundrisse der Wohnungen skizziert. In Abstimmung mit dem Gemeinderat ist daraus ein erster Entwurf entstanden, auf dem die Genossenschaft Seniorenzentrum Frickingen eG als Bauherr sehr gut aufbauen konnte.

Was hat Ihnen an der Idee des Projekts so gut gefallen?

Dass Senioren vergleichsweise günstigen und altersgerechten Wohnraum angeboten bekommen, ohne durch einen Ortswechsel die gewohnte Umgebung verlassen zu müssen. Das hat uns von Beginn an fasziniert. Darüber hinaus reizte uns die Aussicht auf ein weiteres Holzbauprojekt im Ortskern, denn es war allgemeiner Wunsch, viel mit nachhaltigen Materialien zu arbeiten.

Ist das Seniorenzentrum ein reiner Holzbau geworden?

Nein, wir haben uns dann für einen Holz-Hybridbau entschieden. Das heißt, die tragenden Wände und Decken sind aus Beton, was die Kosten für Brandschutz und Trittschallschutz erheblich senkt. Die Außenwände bestehen dagegen aus Holz, mit integrierter Wärmedämmung direkt in der   Wandkonstruktion. Das führt zu dünneren Wänden und schafft mehr Wohnraum – was den höheren Preis für die Holzständerwände wieder ausgleicht.

Und auch die Fassade ist aus Holz.

Ja, die gefällt uns besonders gut. [lacht] Das ist eine Naturholzschalung aus unbehandeltem Lärchenholz, das nahezu wartungsfrei ist. Ein wichtiges Argument für ältere Menschen.

Apropos ältere Menschen: Die Wohnungen sind alle barrierefrei. Worauf haben Sie dabei besonders geachtet?

Es gibt ja genaue Vorgaben, ab wann eine Wohnung als barrierefrei gilt. Dazu zählen beispielsweise die richtigen Abmessungen der Türen und ebenerdige Duschen, damit auch für Rollstuhlfahrer alles gut zu erreichen ist. Wir haben zudem sämtliche Grundrisse sehr offen gestaltet und einen schwellenfreien Zugang zum Balkon ermöglicht. Zu erreichen sind die Wohnungen über großzügige Laubengänge und einen Aufzug. Für die Bewohner gibt es außerdem barrierefreie Parkplätze.

Faktenlage

Seniorenzentrum Frickingen

  • Fertigstellung: 2017
  • 12 x 2-Zimmer-Wohnungen, 2 x 3-Zimmer-Wohnungen, 3 x 4-Zimmer-Wohnungen, 64 bis 104 m2
  • Altersstruktur der Bewohner: unter 60 bis über 80 Jahre
  • Besonderheiten:
    • Von Privatleuten gegründete Genossenschaft als Finanzierungsmodell
    • Zentrale Lage: mitten im Ort, alle Dinge des täglichen Bedarfs sind fußläufig erreichbar
    • Nachhaltige Holz-Hybrid-Bauweise
    • Sämtliche Wohnungen sind barrierefrei
  • Miete: 544 bis 936 EUR pro Monat (kalt)
  • Auszeichnung: Beispielhaftes Bauen im Bodenseekreis 2012-2018
  • Bauherr: Seniorenzentrum Frickingen e.G.
  • Architekt: Glück+Partner, Stuttgart