Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 

Alle 9ne!

Sie sind zu neunt und leben zusammen in einer WG. Was sie von anderen Wohngemeinschaften unterscheidet? Sie alle sind 70 Jahre plus und zugezogen. Weil das Leben alleine nicht mehr möglich war oder der Anschluss an die Familie fehlte. Die Senioren-Pflege-WG „Alle 9ne“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie selbstbestimmtes Wohnen im Alter gelingen kann – und dass Generationen miteinander harmonieren, wenn die Angebote stimmen.

Kurz & bündig

Was lange einen sozialen Stempel hatte, ist heute ein gefragtes Wohnquartier: Im Stadtteil Hallschlag hat die Stuttgarter Wohn- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) einen umfassenden Revitalisierungsprozess durchgeführt. 660 Wohnungen wurden bisher modernisiert, 420 Neubau Wohnungen sowie eine Kita sind entstanden. Ein wichtiger sozialer Mosaikstein der Entwicklung ist das Mehrgenerationenhaus, das die Bedürfnisse aller Be- und Anwohner bündelt. Neben zahlreichen Angeboten schließt es auch Stuttgarts erst dritte selbstorganisierte, ambulant betreute Senioren-Pflege-WG mit ein. Sie bietet Platz für insgesamt neun Bewohner, die dort selbstbestimmt leben können – und gleichzeitig die Unterstützung bekommen, die sie benötigen.

Die 77-jährige Liesel Kutz ist aus Berlin nach Stuttgart gezogen, hier lebt ihr Sohn mit seiner Familie. Ihr Zimmer ist ihr ein vertrauter Rückzugsort. Sie holt aber auch gerne die Spielesammlung raus und trifft sich mit den Mitbewohnern.

Alle Fotos: Lisa Dünser

Die 77-jährige Liesel Kutz ist aus Berlin nach Stuttgart gezogen, hier lebt ihr Sohn mit seiner Familie. Ihr Zimmer ist ihr ein vertrauter Rückzugsort. Sie holt aber auch gerne die Spielesammlung raus und trifft sich mit den Mitbewohnern.

Liesel Kutz war die erste, die eingezogen ist. Nach Jahrzehnten in der Bundeshauptstadt hat die pensionierte Krankenschwester den Schritt gewagt – aus Vernunftgründen, wie sie sagt: „Es ist eine große Sache für mich. Immer noch. Aber so bin ich meinem Sohn nahe und im Vergleich zu vielen Altersheimen in Berlin, die einem Krankenhausbetrieb gleichen, fühle ich mich hier sehr viel besser aufgehoben.“ Was sie besonders schätzt, ist, dass sie gefragt wird. „Worauf ich Appetit habe, was ich machen möchte. So bleiben wir Bewohner selbstständig.“

Konrad Dolata ist vor 84 Jahren mit Havelwasser getauft worden, wie er selbst erzählt. Im Dezember 2019 zog er auf Wunsch der Tochter als bisher letzter Mitbewohner in die WG – und genießt als ehemaliger Förster vor allem seine Spaziergänge über die vielen Grünflächen im Stuttgarter Hallschlag.

Dass er hier altersgerecht leben kann, verdankt er einem umfassenden Revitalisierungsprozess, der in dem Stadtteil stattgefunden hat. Und der es der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) ermöglichte, das Mehrgenerationenhaus zu bauen, dass zum neuen Zuhause für die beiden Senioren geworden ist.

Blick zurück auf schwierige Zeiten

„Der Hallschlag hatte lange einen sozialen Stempel“, sagt Helmuth Caesar, Technischer Geschäftsführer der SWSG. „Doch ist es uns zusammen mit vielen anderen Akteuren gelungen, erfolgreich eine soziale Quartiersentwicklung anzustoßen. Mit dem Ergebnis, dass hier nach wie vor Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Bildung und einem unterschiedlichen Einkommen leben – was aber nicht länger aus der Wohnsituation abzuleiten ist.“

Doch sollte es im Hallschlag nicht nur um Renovierungen und Neubauten gehen.  Erfolgreiche Quartiersentwicklung bedeutet auch die Verbesserung des sozialen Miteinanders. Aus diesem Grund initiierte die Landeshauptstadt Stuttgart zusammen mit der SWSG eine Bürgerbeteiligung. Diese fragte ab 2009 danach, welche Angebote fehlen und was ein „soziales Herz“ des Stadtteils ausmachen müsste?

Bedarfe konsequent umgesetzt

Das zentrale Ergebnis der Bürgerbefragung fällt sofort ins Auge, kommt man auf der Straße „Am Römerkastell“ auf die Hausnummer 69 zu. Das Mehrgenerationenhaus, das zum neuen Quartierszentrum gehört, ist in einem kräftigen Rostrot gestrichen und mit vier Stockwerken und ausgebautem Dach etwas höher als die umliegenden Bestandsbauten.

„Das Gebäude ist ein Meilenstein in der Entwicklung dieses Quartiers“, sagt Helmuth Caesar. „Hier laufen die Angebote für alle Anwohner zusammen.“ Wichtigster Partner ist die AWO, die auch den Planungs- und Bauprozess eng begleitet hat. Sie betreibt die Begegnungsstätte im Erdgeschoss des Mehrgenerationenhauses. Hier sitzen auch Liesel Kutz und Konrad Dolata gerne, um zu basteln, andere Leute kennenzulernen oder gemeinsam zu singen.

Damit an alle Bedürfnisse gedacht ist, schließt das neue Quartierszentrum die umliegenden Häuser mit ein. Untergebracht sind dort ein Nachbarschaftszentrum, ein Kinderhaus, das Café Nachbar und eine Kita. „Das gesamte Ensemble nennt sich ‚Forum 376‘“, erklärt Jan Böhme, Leiter des Sozialmanagements bei der SWSG. „Jedes einzelne Angebot hat eine Aufgabe, wird aber als Teil eines großen Ganzen gesehen. Die Ziffern im Namen stehen dabei für den Teil der Postleitzahl, der den Hallschlag ausweist.“

Blickfang: Für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH präsentiert sich das neue Mehrgenerationenhaus als „Urtypus eines Hauses“.  Es wird als Besonderheit wahrgenommen, fügt sich aber gleichzeitig in die umgebende Typologie ein.

Blickfang: Für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH präsentiert sich das neue Mehrgenerationenhaus als „Urtypus eines Hauses“.  Es wird als Besonderheit wahrgenommen, fügt sich aber gleichzeitig in die umgebende Typologie ein.

Privatsphäre und doch nicht allein

Zurück in der Pflege-WG sitzen die Bewohner verteilt in Küche und Wohnzimmer, ein paar sind auch auf ihren Zimmern. „Diesen Rückzugsort zu haben, ist sehr wertvoll“, sagt Liesel Kutz. Insgesamt fünf Frauen und vier Männer leben derzeit in der Wohnung zusammen, rund um die Uhr betreut von Altenbegleitern und einem Pflegedienst. „Das ist ein gutes Gefühl“, so die Seniorin. „Dass für den Fall der Fälle immer jemand da ist.“

Neben den großzügigen Gemeinschaftsräumen bieten auch die Privatzimmer viel Platz. Jeder Bewohner hat 13,7 bis 17,0 Quadratmeter zur Verfügung, oft dekoriert mit Erinnerungen an die alte Heimat oder die Familie. Alle Räume und Bäder der Pflege-WG sind zudem rollstuhlgerecht ausgestattet – das gilt auch für die 18 weiteren, öffentlich geförderten Seniorenwohnungen im Haus.

Das Sozialmanagement mit Schlüsselfunktion

„Um eine generationenübergreifende Quartiersentwicklung wie im Hallschlag umzusetzen, muss das Sozialmanagement von Beginn an mit in die Projektentwicklung eingebunden sein“, resümiert Jan Böhme. „Natürlich lässt sich auch über Empathie und gesunden Menschenverstand vieles lösen, aber es gibt zu viele Akteure und Aspekte – soziale, rechtliche, organisatorische – die sonst zu kurz kommen. Und, das habe ich im Laufe unseres Projekts gelernt: Alles was geplant ist, lässt sich wesentlich leichter umsetzen, als es nachträglich zu installieren.“

Bei kleineren Wohnbaugesellschaften oder anderen Bauherren lohne sich vielleicht kein eigenes Sozialmanagement, so der Fachmann weiter. „Aber dann bieten sich Kooperationspartner wie die AWO an, die die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe bestens kennen.“

Weitere Pflege-WGs in Stuttgart

Die SWSG ist Vorreiter in der Landeshauptstadt, was diese Form des Zusammenlebens angeht. Bereits 2015 sind in Zuffenhausen-Rot zwei selbstorganisierte Pflege-Wohngemeinschaften mit jeweils acht Plätzen entstanden. Nach der WG im Hallschlag plant das Wohnbauunternehmen eine vierte in der Zuffenhausener Keltersiedlung, die voraussichtlich 2021 bezogen werden kann.

Selbstständigkeit wird großgeschrieben. Die Bewohner der Pflege-WG sollen im Alltag so viel wie möglich mithelfen.

Selbstständigkeit wird großgeschrieben. Die Bewohner der Pflege-WG sollen im Alltag so viel wie möglich mithelfen.

In Gemeinschaft investieren

Selbstbestimmtes Leben im Alter – und das inmitten der Gesellschaft: Diese Herausforderung gilt es zukünftig in immer größerem Umfang zu lösen. Nicht nur altert die Gesellschaft, auch steigt der Anteil an Senioren, deren Kinder weiter wegleben und nicht vor Ort unterstützen können.

„Projekte wie die Pflege-WG im Hallschlag sind wichtige Beiträge auf dem Weg zu zeitgemäßen Wohnformen für alle Bedürfnisse.“ so Helmuth Caesar. „Unsere Perspektive muss es daher sein, dafür zu sorgen, dass alle Bewohner eines Quartiers möglichst lang und möglichst selbstständig dort leben können.“

Für den Hallschlag freut er sich, dass im Zuge der Revitalisierung niemand wegziehen musste, der gerne bleiben wollte – und dass das Quartier Zugezogenen wie Liesel Kutz und Konrad Dolata ein neues Zuhause bietet, das exakt zu ihren Lebenssituationen passt. „Wir haben eine neue Durchmischung geschaffen, ohne zu verdrängen. Das macht den Erfolg unseres Projekts aus.“

Umfassende Förderung für Pflege-WGs

Wer in Stuttgart eine Pflege-WG initiieren möchte, kann auf gute Unterstützung seitens der öffentlichen Hand setzen – vor allem, wenn es sich um ein selbstorganisiertes Angebot handelt. Für die Wohngemeinschaft im Hallschlag gewährte die Landeshauptstadt einen Investitionskostenzuschuss in Höhe von 350.000 Euro. Die Mittel hierfür stammen aus dem Willy-Körner-Fonds, der an die Willy-Körner-Stiftung gekoppelt ist.

Gut zu wissen

Förderung für selbstorganisierte WGs gibt es auch in Form von Geldern, die für Coachings und Beratungen eingesetzt werden können. Hier unterstützt die Stadt Stuttgart mit bis zu 15.000 Euro, zum Beispiel für die Einarbeitung und Organisation von Altenbegleitern und Pflegekräften. Die Förderrichtlinien lassen sich über das Sozialamt Stuttgart, Abteilung Sozialplanung beziehen.

Impressionen

Faktenlage

Stuttgart: Mehrgenerationenhaus im Hallschlag, Am Römerkastell 69, Bad Cannstatt

  • Fertigstellung: 2018
  • Inklusive einer Senioren-Pflege-WG für neun Personen
    • 13,7 bis 17,00 Quadratmeter pro Zimmer
    • Durchschnittsmiete pro Quadratmeter/Monat: 9,01 €
  • 18 öffentlich geförderte Seniorenwohnungen
    • 49,6 bis 62,3 Quadratmeter
    • Durchschnittsmiete pro Quadratmeter/Monat: 7,50 €
  • Besonderheiten:
    • Das Mehrgenerationenhaus ist wesentlicher Teil des Quartierszentrums
    • Unter dem Namen „Forum 376“ bündelt es Angebote für alle Anwohnergruppen, in Zusammenarbeit mit den Einrichtungen der umliegenden Bestandsbauten wie Nachbarschaftscafé und Kita
    • Umfassende Kooperation mit der AWO, die im Erdgeschoss des Mehrgenerationenhauses eine Begegnungsstätte betreibt
  • Förderung: Sanierungsprogramm „Soziale Stadt“, Mittel des Landeswohnraumförderungsprogramms, Sozialamt der Stadt Stuttgart, Willy-Körner-Fonds (Pflege-WG)
  • Bauherr: Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG)
  • Architekten: von Ey Architektur PartG mbB, Berlin (Entwurf); ARP ArchitektenPartnerschaft Stuttgart GbR (LPH 5-9); nichtoffener Planungswettbewerb 2014
  • Landschaftsarchitekten: Kunder3 Landschaftsarchitektur GbR, Filderstadt (Bernhausen)
  • Auszeichnung: Beispielhaftes Bauen "Stuttgart 2015 - 2019"

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