Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Jürgen Pollack

Stuttgart: MaxAcht macht’s mit Holz!

Kurz & bündig

Für die Baugruppe MaxAcht hat die architekturagentur auf dem Olga Areal in Stuttgart ein viergeschossiges Wohnhaus mit leim- und metallfreien Massivholzelementen errichtet. Die elf Wohnungen und der Gemeinschaftsraum werden über ein Treppenhaus aus Sichtbeton erschlossen. Alle tragenden Wände und Decken in den Wohnbereichen sind aus heimischer Fichte erstellt worden. Um die vorhandenen Flächen optimal zu nutzen und den gemeinschaftlichen Gedanken zu stärken, wurde beispielsweise in den Wohneinheiten weitgehend auf Flurflächen verzichtet, der Gemeinschaftsraum, den alle Bewohner nutzen, mit 60 Quadratmetern aber großzügig dimensioniert. Das Projekt wurde mit einer Lebenszyklusanalyse (Ökobilanz) begleitet und ist mit Erstellung CO2-neutral.

In jeder Hinsicht nachhaltig

„Es muss ein Umdenken stattfinden.“ Davon ist Oliver Hilt überzeugt, als wir mit ihm über nachhaltiges Bauen sprechen. Die Planer der architekturagentur haben in Stuttgart mit MaxAcht einen vielbeachteten Bau geschaffen, der berücksichtigt, was in der Branche mittlerweile intensiv diskutiert wird: CO2-Neutralität, Reduktion chemischer Baustoffe und eine Aufteilung, die das Miteinander der Bewohner befördert. Eigentlich alles richtig gemacht. Jedoch: „Es ist viel Potential auf der Strecke geblieben“.

Als die Mitglieder der Baugruppe, die inzwischen das MaxAcht bewohnt, sich zusammentaten, fanden sie schnell heraus, dass sie viel gemeinsam hatten. Und das nicht nur, aber auch, in Bezug auf ihre Vorstellungen davon, wie sie künftig einmal wohnen wollten im eigenen Zuhause. So kamen sie schließlich auch mit der architekturagentur in Stuttgart zusammen. Die zukünftigen Bauherren wurden auf den woodcube aufmerksam, den die architekturagentur als erstes fünfgeschossiges, leimfrei erbautes Massivholzgebäude umgesetzt hat.

Der Wunsch, das angedachte Eigenheim in ähnlicher Weise zu gestalten, war geweckt. Schnell wurde man sich daraufhin mit den Planern einig, das Wagnis Holzbau einzugehen. „Ob Gewerbe, Industrie oder Kindergärten: Es geht alles mit Holz“, so Oliver Hilt. Was es für Planer wie Bauherren aber herausfordernd macht, sind nicht die baulichen Vor- oder Nachteile des Materials. „Aber Themen, die bei konventioneller Bauweise reguliert sind, fallen beim Holzbau intensiver aus. Es gibt eben Abweichungen vom geltenden Baurecht. Zum Beispiel beim Brandschutz.“

Eine Frage der Haltung

Ein bisschen „tricky“ sei das halt stellenweise, ergänzt Hilt aufgrund der vielfältigen Erfahrungen, die sie bei der architekturagentur mit der leimfreien Holzbauweise bereits gemacht haben. Solch ein Ausblick mag viele dazu bringen, sich trotz der Vorteile eher für eine konventionelle Vorgehensweise zu entscheiden. „Alles nachvollziehbar“, wirft Hilt ein. „Aber gerade darum ist für mich mit der Materialwahl Holz eine mentale Haltung verbunden. Will man wirklich nachhaltig und CO2-neutral bauen, dann muss man mit anderen Strategien loslegen.“

Nun könnte man erwidern, dass ein Umdenken ja begonnen hat. Als sich die Baugruppe zu MaxAcht gründete und ihre Vorstellungen hinsichtlich nachhaltiger Bauweise formulierte, waren solche Überlegungen noch kein großes Thema in der breiten Öffentlichkeit. Das ist heute, nur wenige Jahre später, anders. Dementsprechend sieht Oliver Hilt auch vor allem den Bausektor in der Pflicht: „Wenn wir uns auf die Fahnen schreiben wollen, nachhaltig zu bauen, dann muss ein Umdenken stattfinden.“

Denn die Bilanz der Branche ist, bezogen auf die CO2-Emmissionen, schlecht. Hierzulande ist sie für 70 Prozent des gesamten Ausstoßes verantwortlich. „Auch wir Architekten machen es uns oft sehr einfach“, so Hilt. „Auch wir haben die Verpflichtung, an Materialherkunft, Herstellung und Transport zu denken! Allein einen energieneutralen Betrieb zu betrachten, ist wesentlich zu kurz gedacht, wenn dieser den Einsatz von Materialien erfordert, deren Herstellung ein Vielfaches an CO2 produziert als nachher eingespart werden kann.“

„Wir brauchen jetzt Ideen, die umsetzbar sind!“

Und die Kommunen? Auch deren Einstellung scheint sich zu wandeln. Schließlich äußert sich die Sorge vor den Folgen eines menschengemachten Klimawandels – der ja maßgeblich mit dem CO2-Ausstoß in Zusammenhang steht – nicht erst seit den Pariser Klimazielen oder der „Fridays for Future“-Bewegung in breiten Teilen der Gesellschaft. Früher oder später reagiert die Politik auf solche Entwicklungen. Aber das ist aus Sicht von Oliver Hilt zu wenig.

„Wir brauchen jetzt Ideen, die umsetzbar sind! Aber davon sind wir weit entfernt. Der Bau von MaxAcht war ein kompliziertes und anstrengendes Verfahren, das sich alle Beteiligten gerne erspart hätten – und das war nicht der Holzbauweise geschuldet. Wer aktiv bauen will, denkt pragmatisch. In den Verwaltungen der Bauämter wird dagegen oft rein bürokratisch gedacht. Das passt auf Dauer nicht zusammen.“

Keine Utopien mehr

So hätte man bei MaxAcht im Hinblick auf optimale Flächennutzung zum Beispiel gerne noch eine Etage höher gebaut oder das Dach als attraktive Freifläche konzipiert. „Wurde alles nicht genehmigt“, erinnert sich Oliver Hilt durchaus frustriert. „Dabei verlangte das Konzept für das Areal ja ausdrücklich eine innovative und nachhaltige Planung. Aber der Bebauungsplan der Stadt Stuttgart befördert dergleichen in keinster Weise. Da wurde leider viel Potential liegengelassen.“

So sind Projekte wie MaxAcht noch sehr rar gesät, nicht nur in Stuttgart. Doch die Resonanz ist groß. „Inzwischen kommen die Kommunen auf uns zu. Man kann das auch positiv sehen: Es ist der Druck, der ein Umdenken bewirkt. Und gelingen Projekte wie MaxAcht trotz aller Widrigkeiten, so hat das immer auch Strahlkraft. Das kann kein Patentrezept für jede Situation sein. Aber sobald etwas tatsächlich gebaut ist, kann man es zumindest nicht mehr als Utopie abtun.“

Seite 2 „MaxAcht hat echten Pioniergeist bewiesen“

„MaxAcht hat echten Pioniergeist bewiesen“

Sonja Schmuker ist Teil der Baugruppe von MaxAcht, als Architektin nimmt sie dort eine besondere Rolle ein. Nach Jahren der Planung und Bauzeit bewohnt sie ihr neues Domizil seit Februar diesen Jahres – und fühlt sich so wohl, als wäre sie schon immer dort zuhause gewesen.

Frau Schmuker, wie fing das eigentlich an mit der Baugruppe?

Die „Keimzelle“ ist im Sportverein entstanden. Da wurde zum ersten Mal darüber gesprochen, dass auf dem Areal etwas passieren sollte. So hat sich eine erste Gruppe aus Interessenten gebildet. Drei von uns waren anschließend auch in der Bürgerinitiative zum Areal aktiv. Weitere Mitglieder haben dann nach und nach zu uns gefunden.

Sie sind selbst Architektin. Wie bewerten Sie den gesamten Planungs- und Bauprozess jetzt, da sie ihr neues Zuhause bewohnen können?

Wir sind sogar mehrere Architekten bei uns in der Baugruppe. Das hatte viele Vorteile. Wir haben meist erst die anderen Mitglieder intern beraten oder uns umgekehrt in kleinerer Runde mit der architekturagentur zusammengesetzt. So konnten wir viele Problemstellungen abfedern. Die haben Sie wohl bei jedem Bauprojekt. Aber natürlich gab es aufgrund der Besonderheiten von MaxAcht viel zusätzlich zu beachten.

Zum Beispiel?

Die Kostenentwicklung ist immer ein Thema. Bei uns kam erschwerend hinzu, dass sich allein schon die lange Projektlaufzeit negativ auf diese ausgewirkt hat. Sicher, der Zusammenschluss zur Baugruppe hat es uns ermöglicht, rund 30 Prozent unter Marktpreis zu bauen. Aber im Gegenzug muss man bereit sein, extrem viel Zeit zu investieren. Nur dann funktioniert’s!

Der 60 Quadratmeter große Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss wird von allen Bewohnern genutzt. Hier können die Kinder bei Regen spielen, die Gastfamilie kann unterkommen oder man trifft sich sonntags einfach zum Kaffeekränzchen!

Foto: Jürgen Pollack

Der 60 Quadratmeter große Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss wird von allen Bewohnern genutzt. Hier können die Kinder bei Regen spielen, die Gastfamilie kann unterkommen oder man trifft sich sonntags einfach zum Kaffeekränzchen!

Von der leimfreien Massivholzbauweise sind Sie nachhaltig überzeugt?

Wir alle in der Baugruppe hatten den Wunsch, möglichst natürlich und ohne Bauchemie zu wohnen. Dennoch hatten auch von uns manche ihre Zweifel. Mit dem Endergebnis sind aber zum Glück alle mehr als zufrieden. Als wir uns vor acht Jahren zusammengetan hatten, war eine CO2-neutrale Bauweise noch gar kein großes Thema. Das ist heute anders. Da hat MaxAcht also echten Pioniergeist bewiesen.

MaxAcht ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Vorhaben gewesen. Neben der Holzbauweise wurde zum Beispiel ein großzügiger Gemeinschaftsraum realisiert, den alle mitfinanziert haben.

Der Gemeinschaftsraum bewährt sich längst, die Möglichkeiten sind enorm. Ob nun alle Kinder aus dem Haus bei Regenwetter gemeinsam dort spielen oder die komplette Gastfamilie, die aus Argentinien zu Besuch ist, dort übernachtet: Der Mehrwert kommt allen zugute.

Die angestrebte Gemeinschaft soll weit über den Bauprozess hinaus Bestand haben und den Bewohnern über viele Jahre und in unterschiedlichsten Lebensphasen helfen. Sie sind diesbezüglich nach wie vor optimistisch?

Mehr denn je! Seit mittlerweile fünf Jahren sind alle dabei, die jetzt das fertige Haus bewohnen. So unterschiedlich die Menschen auch sein mögen – jeder hat ja seine Macken! – so harmonisch ist es dennoch unter uns verlaufen. Da gehört sicher auch Glück dazu. Aber normalerweise zieht man doch um in eine neue Wohnung und kennt erstmal niemanden. Wir dagegen hatten beim Einzug alle das Gefühl, als ob wir schon immer hier wohnen würden. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen!

Faktenlage

Viergeschossiger Wohnbau in der Breitscheidstraße (Olga Areal) in Stuttgart

  • Mehrfamilienhaus mit 11 Wohneinheiten von 56 bis 115 Quadratmetern
  • Fertigstellung: 2019
  • Besonderheiten:
    • leimfreie Massivholzbauweise
    • zwei geförderte Eigentumswohnungen (PWE)
    • zwei Inklusionswohneinheiten
    • CO2-neutral
  • Ein Untergeschoss mit Abstellräumen, Fahrradstellplätzen und Tiefgarage
  • Bauherr: Baugruppe MaxAcht
  • Architekten: architekturagentur, Stuttgart