Magazin für zeitgemäßes Wohnen
 Foto: Dirk Altenkirch, Karlsruhe

Umgestaltung eines innerstädtischen Brennpunkts

Dass man anhand der Adresse bereits Rückschlüsse aufs Milieu ziehen kann, versuchen viele Stadt- und Quartiersplaner zu vermeiden. „Bewohner dürfen nicht stigmatisiert werden“, sagt auch Thomas Nostadt. Er ist Geschäftsführer der Wohnbau Lörrach und hat in der Stadt am Dreiländereck ein sozialintegratives Wohnquartier für Obdachlose, Suchtkranke und Asylsuchende neu gebaut. Kein Spaziergang, doch der Erfolg des Vorhabens gibt der Wohnbau recht – weshalb das Projekt auch von der Architektenkammer Baden-Württemberg für „Beispielhaftes Bauen“ ausgezeichnet wird.

Kurz & bündig

Die Wohnbau Lörrach hat in der Stadt am Dreiländereck den ehemaligen „Brennpunkt“ in der Dammstraße umgestaltet. Anstatt aber die bisherige Bewohnerschaft – eine Klientel, die auf dem Wohnungsmarkt nur schwer eine Chance hat – zu verdrängen, wurde für eben diese Menschen neuer Wohnraum geschaffen. Das Besondere daran: Die Bewohner haben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei Abriss und Neubau eingebracht. Im Gegenzug wurde auf spezielle Bedürfnisse Rücksicht genommen, um Konfliktpotenziale von vornherein zu minimieren. Dank wirtschaftlicher Planung und sparsamer Bauweise konnten die Mieten entsprechend niedrig gehalten werden. Und mit seiner zeitgemäßen Formensprache fügt sich das Quartier obendrein qualitätvoll in die bestehende Umgebung ein.

 

Thomas Nostadt ist seit 20 Jahren Geschäftsführer der Wohnbaugesellschaft Lörrach. Als Mann klarer Worte nimmt er die Ziele seines Unternehmens ganz bewusst persönlich: „Ich wohne schließlich in der Stadt. Es ist auch ‚mein‘ Lörrach – da will ich, dass sich die Stadt gescheit entwickelt.“ Das gebe eine andere Glaubwürdigkeit, so Nostadt, der sich über manche Kollegen wundert: „Wenn der Geschäftsführer einer kommunalen Gesellschaft ganz woanders daheim ist, dann habe ich Mühe, das gut zu heißen. Da bin ich ‚old school‘!“

Herr Nostadt, Sie haben in Lörrach ein integratives Wohnquartier errichtet. Statt marktüblichen Wohnungsbau voranzutreiben, haben Sie eine Siedlung für Menschen gebaut, die auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben. Warum gerade jetzt?

„Der Tiefpunkt war einfach erreicht. Die Bewohnerschaft war ja schon da, untergebracht in Häusern, die in den 1920er- und 1930er-Jahren mit einfachsten Mitteln gebaut worden waren. Die Wohnanlage war völlig verzehrt und hat dem Image des gesamten Quartiers nicht gerade gutgetan. Ein Neustart musste also her. Das ging aufgrund der baulichen Substanz nur mit Abbruch und Neubau – und sollte mit Beteiligung der Bewohner erfolgen.“

Warum sollten diese denn gehalten und sogar eingebunden werden?

„An der Dammstraße in Lörrach leben Menschen relativ dicht beisammen – Obdachlose, Suchtkranke, ehemals Fahrende, Asylsuchende –, die nicht unbedingt die höchste Wohnfähigkeit haben. Diese Leute können nicht in jeder beliebigen, braven Hausgemeinschaft untergebracht werden. Also war unser Ansatz zum einen, den Neubau Abschnitt für Abschnitt zu realisieren. Damit die Anlage nicht für lange Zeit geräumt werden musste – und am Ende die Bewohnerschaft nicht zurückgekehrt wäre, weil sie sich in alle Winde zerstreut hätten. Zum anderen sollte durch die Einbindung der Leute eine gewisse Beziehung zur neuen Anlage aufgebaut werden.“

Die Gebäude sind nicht unterkellert – aus wirtschaftlichen Gründen und um Konflikte unter den Bewohnern zu vermeiden. Die Einheiten entlang der Dammstraße sind über einen offenen Laubengang erschlossenen.

Foto: Dirk Altenkirch, Karlsruhe

Die Gebäude sind nicht unterkellert – aus wirtschaftlichen Gründen und um Konflikte unter den Bewohnern zu vermeiden. Die Einheiten entlang der Dammstraße sind über einen offenen Laubengang erschlossenen.

„Nicht die höchste Wohnfähigkeit“ – Sie haben eine klare Vorstellung hinsichtlich der Bewohnerschaft…

„Wir nehmen unseren sozialen Auftrag sehr, sehr ernst. Seit vielen Jahren realisieren wir immer wieder solche Projekte, aus eigener Kraft, ohne Zuschüsse von Gesellschaftern oder ähnlichem. Wir nehmen die viel zitierten ‚kleinen Leute‘ mit. Aber ein Wohnquartier wie die Dammstraße aufzuwerten, indem man die Leute umverteilt und dafür in Kauf nimmt, dass die ein oder andere Hausgemeinschaft ans Limit kommt? Das ist nicht unser Weg.“

So wird aber durchaus verfahren. Außerdem gilt es doch, die Lebenssituation dieser Menschen zu verbessern?

„Genau! Aber wir werden es nicht schaffen, jeden einzelnen wieder auf die Sonnenseite zu bringen. Manche werden es aufgrund multipler Problemlagen einfach nicht schaffen. Das haben wir akzeptiert und gleichzeitig beschlossen, diesen Menschen eine würdige Wohnsituation zu bieten.“

Wie haben Sie die Bewohner denn konkret eingebunden?

„Wir haben bereits bei einem vorangegangenen Projekt in der Teichstraße mit dem Sozialen Arbeitskreis Lörrach zusammengearbeitet. Dort gibt es die Initiative ‚Bauhütte‘, mit der man Jugendliche über einfache handwerkliche Tätigkeiten an eine entsprechende Ausbildung heranführt. In der Teichstraße war unser Ansatz dann, die ehemals Obdachlosen an der Instandsetzung zu beteiligen. Damals konnten die Bewohner fast zwei Drittel der anfallenden Arbeiten selbst übernehmen.“

Und in der Dammstraße?

„Da es sich um einen Neubau handelt, war es nicht ganz so einfach, diese meist ungelernten Arbeitskräfte einzubinden. Aber die Grundidee war dieselbe. Die Dachstühle zum Beispiel wurden in Zusammenarbeit mit dem Sozialen Arbeitskreis gebaut.“

Hatte das Engagement der Bewohner auch Nachteile?

„Gewisse Zugeständnisse müssen Sie schon machen! [lacht] Manche kamen einfach nicht, andere torkelnd. Es ist aber auch kein realistisches Ziel, diese Menschen mit solchen Maßnahmen wieder ins Arbeitsleben integrieren zu wollen. Natürlich ist es toll, wenn ein Obdachloser, der sich beim Projekt in der Teichstraße einbrachte, heute wieder arbeitet und in der Dammstraße als Chef bei den Dachdeckern dabei war! Aber das sind Ausnahmen. Es ist illusorisch zu glauben, dass jemand, der 50 Jahre alt ist und noch nie einer geregelten Arbeit nachging, oder einer, der seit 20 Jahren im Methadon-Programm hängt, auf dem Arbeitsmarkt bestehen kann. Viel wichtiger ist es, die Leute bezüglich ihres Zuhauses einzubinden. Sie müssen die Möglichkeit haben, es zu ihrem zu machen.“

Weil man sich dann mit „seinem“ Quartier identifiziert?

„So ist es.“

Setzt das nicht viel Einsatz Ihrerseits voraus?

„Keine Frage: Wir haben schon wesentlich einfacher 63 Wohnungen gebaut als in der Dammstraße. Aber es macht doch auch Spaß! Es muss kommunale Gesellschaften geben, die einen sozialen Auftrag haben. Und so schwer ist es dann auch wieder nicht. Wir machen einfach nur anständige Arbeit. Und wir machen Zugeständnisse an die Bewohner.“

Zum Beispiel?

„Die Anlage verfügt über externe Müllhäuschen. Das war anfangs ein einziges Chaos! Jeder hat da gemacht, was er wollte. Es brannte mehrfach. Ein Bewohner wollte nach dem Rechten sehen, hat aber darauf bestanden, dort in dem Häuschen seinen alten Perserteppich auszulegen – warum auch immer… Wir haben es ihm erlaubt. Seitdem ist Ruhe. Weil das jetzt eben irgendwie ‚seins‘ ist – und er deshalb dort aufpasst.“

Foto: Dirk Altenkirch, Karlsruhe

Haben die speziellen Bedürfnisse der Bewohner bereits in der Planung eine Rolle gespielt?

„Ja. Das hat zu einer gewissen Kleinteiligkeit geführt, war aber für das Projekt unerlässlich. Da sind einfach Leute dabei, bei denen auch mal die Fäuste fliegen, wenn sie Knatsch miteinander haben. Also ist das Haus, in dem die ‚schwierigen Fälle‘ untergebracht sind, von zwei Seiten erschlossen worden. So kann man sich aus dem Weg gehen. Aus demselben Grund haben wir auch keine Kellerräume eingeplant. Da begegnet man sich zwangsläufig – ob man will oder nicht. Stattdessen haben wir Kellerersatzräume errichtet, jeder mit eigener Tür.“

Das wird die Kosten nicht gerade gesenkt haben. Ganz direkt gefragt: Gab es da keinen Widerstand, das Geld in die Hand zu nehmen?

„Unsere Quartiere sind bunt. Wir tun alles, um zu mischen. Wir wollen integrieren und zusammenbringen. Das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Aber ich muss auch sagen: Müssten wir heute solch ein Projekt stemmen, wir täten uns deutlich schwerer damit. Auch bezüglich der Dammstraße gab es einen Schock bei den zuständigen Gremien, als es zu einer Kostenerhöhung kam. Da brauchte es ein klares Bekenntnis von uns: Wir ziehen das jetzt durch.“

Lässt sich Ihr Modell auf andere Kommunen übertragen? Oder ticken die Uhren in Lörrach anders?

„In manchen Städten ist es kommunalpolitisch schwierig geworden. Lörrach ist eine alte Arbeiterstadt, die viele Umbrüche erlebt hat und früh von der Industrialisierung geprägt wurde. Hier im Südwesten sind die Menschen außerdem schon immer irgendwie hängengeblieben in Deutschland. Das alles hat eine gewisse Liberalität mit sich gebracht. Andererseits haben wir uns auch über viele Jahre ein gutes Image aufgebaut in der Region. Man traut der Wohnbau Lörrach nicht umsonst diese Dinge zu – ob es nun um ein Obdachlosenheim geht oder um ein Penthouse für eine Million Euro.“

Bislang scheint die Dammstraße da keine Ausnahme zu bilden.

„Die ersten zwei, drei Jahre haben wir schon intensiver hingeschaut und bei Bedarf auch nachjustiert. Inzwischen ist das aber eine stinknormale Wohnanlage, bei der ein Hausmeister, der noch für hunderte weitere Wohnungen zuständig ist, ab und zu nach dem Rechten schaut – und Punkt.“

Die Wohnbaugesellschaft Lörrach ist das größte Immobilien- und Dienstleitungsunternehmen im Landkreis und betreut knapp 4.000 Wohnungen. Mit 81,8 Prozent ist die Stadt Lörrach größter Gesellschafter.

Faktenlage

Dammstraße in Lörrach: Quartiersentwicklung an sozialem Brennpunkt

  • 63 Wohnungen in 9 Gebäuden
  • Fertigstellung: 2017 (letzter Bauabschnitt)
  • Miete: 6,50 - 10,00 Euro pro Quadratmeter/Monat
  • Besonderheiten:
    • Zeitgemäßer und bezahlbarer Wohnraum für eine Klientel, die es am Wohnungsmarkt schwer hat (Obdachlose, Suchtkranke und Asylsuchende)
    • Maßnahmen zur Identifizierung mit dem neuen Wohnraum: Bewohner an Abriss und Neubau beteiligt, soweit möglich
    • Berücksichtigung besonderer Bedürfnisse der Bewohnerschaft (keine Keller, mindestens zwei Erschließungsmöglichkeiten pro Gebäude)
  • Auszeichnung: „Beispielhaftes Bauen 2012-2019“ der Architektenkammer Baden-Württemberg
  • Bauherr: Wohnbaugesellschaft Lörrach
  • Architekten: Kränzle + Fischer-Wasels Architekten BDA, Karlsruhe
  • Landschaftsarchitekten: Ramthun Landschaftsarchitektur, Baden-Baden